1837_Schopenhauer_092_8.txt

reisemüde, bald ein. Er jauchzte vor Freuden, als er auf das bunt bewimpelte Schiff gebracht wurde, legte die Seereise gesund und munter zurück, und als er landete, war über die vielen neuen fremden Gegenstände, die sich ihm entgegen drängten, die Heimat so gut als vergessen. Fürst Andreas, in dessen glänzenden Palast der kleine Fremdling sich, wie durch einen Zauberschlag, aus der engen Häuslichkeit versetzt sah, in welcher er bis dahin vegetirt hatte, war ein stattlicher, vornehm aussehender Mann, in den sogenannten besten Jahren, das heisst zwischen vierzig und funfzig. Die stolze Haltung, der ernste blick, bezeichneten in ihm das mächtige Oberhaupt einer, in vielfachen Verzweigungen durch das ganze russische Reich verbreiteten, und sowohl am hof als im volk in hohem Ansehen stehenden Familie. Es lag in seiner Persönlichkeit ein gewisses Etwas, das sich ganz dazu eignete, denen, die zum erstenmal in seine Nähe kamen, ehrerbietige, oder auch, je nachdem die Leute waren, furchtsamängstliche Scheu einzuflössen; doch das wahrhaft menschenfreundliche milde Betragen des Fürsten, wandelte diese gar bald in Vertrauen um, das aber nie in Vertraulichkeit ausarten durfte.

Den hohen Rang, die vielen, über Tausende ihn erhebenden Vorzüge, zu welchen sein Geschick ihn geboren werden liess, wusste Niemand mit mehr Würde und Anstand zu tragen, als Er. In seinem ganzen Wesen zeigte sich keine Spur jener, fast wie Ironie aussehenden, populär sein wollenden Höflichkeit gegen Geringere, die diese nur in ängstigende Verlegenheit setzt, weil sie, aus ihrer Sphäre gehoben, den Massstab verlieren, nach welchem sie, ohne beklemmende Besorgniss, zu viel oder zu wenig zu tun, ihr eigenes Betragen einrichten könnten. Jede Ehrenbezeugung, die seinem hohen stand gebührte, liess er gelassen und ohne einen besonderen Wert darauf zu legen, sich gefallen. Dadurch erleichterte er Jedem, auch dem Geringsten, den Umgang mit sich, ohne jemals sich selbst etwas zu vergeben.

In seiner Jugend hatte Fürst Andreas mehrere Jahre im Auslande zugebracht, hatte England, Frankreich, Italien und einen grossen teil von Deutschland mit Nutzen bereiset, und mit dem seinem volk eignen Talente die verschiedenen Sprachen dieser Nationen sich angeeignet, und war dann mit bereichertem geist und erweiterten Weltansichten in seine Heimat zurückgekehrt.

Glühende Vaterlandsliebe war der Grundton seines Wesens, und das Bestreben, die Kenntnisse, die er im Auslande sich erworben, zur höheren Kultur seines Volkes zu verwenden, um es mit der Zeit den gebildetesten Völkern Europas gleichzustellen, ward zum Hauptzweck seines Lebens. Dieser innigste Wunsch steigerte mit zunehmenden Jahren sich bis zur leidenschaft, und verleitete ihn bisweilen zu manchem bedeutenden Missgriffe; denn er verlor oft, über seine allzugrosse Vorliebe für alles Ausländische, die von der Existenz seiner Landsleute unzertrennlichen, durchaus charakteristischen Eigenheiten derselben aus den Augen, und verletzte beim besten Willen, wo er ganz das Gegenteil beabsichtigte.

Seine, an Alter ihm fast gleiche Gemahlin, Eudoxia, war das mildeste Gemüt von der Welt, das Mann und Kinder wie sich selbst liebte, und gleich einer segenspendenden Gotteit, und auch so verehrt, über allen den viel tausend Seelen schwebte, deren grosse Zahl, nach russischem Gebrauche, den überschwänglichen Reichtum des fürstlichen Hauses bezeichnete. Sie half jeder Not ab, deren Kenntniss bis zu ihr gelangte; einem menschlichen Wesen wehe zu tun, oder auch nur es leiden zu sehen, wenn man helfen konnte, dünkte ihr unmöglich. Sie hörte es sehr gern, wenn ihre Leibeignen, nach dem naiven Gebrauche des russischen Volkes, sie Mütterchen nannten; was übrigens in jenem land ein Ehrenname im mund desselben ist, dem ein geneigtes Ohr zu leihen, selbst die Kaiserin aller Reussen nicht verschmäht.

Die Fürstin Eudoxia hatte übrigens alle Ansichten ihres Gemahls sich dermassen angeeignet, dass man wohl von ihr sagen konnte, sie sah nur mit seinen Augen, und dachte nur seine Gedanken. Dass auch er menschlich irren könne, kam ihr eben so wenig in den Sinn, als dass jemals ein ihr nicht gleich Geborner die zwischen ihrer Hoheit und seiner Niedrigkeit bestehenden Schranken übersteigen wollen könne. Aufgewachsen in allen verjährten Vorurteilen ihres hohen Standes, kannte sie nur Adlige und Leibeigne, und war, mit ächt orientalischer Ruhe, von dem in der natur gegründeten Unterschiede dieser beiden Menschenracen fest überzeugt, ohne weiter darüber nachzudenken. Doch gerade deshalb trieb die ihr angeborne Güte des Gemütes sie zum innigsten Mitleide mit den Unglücklichen, denen von der natur alle inneren und äussern Vorzüge schon bei ihrem Eintritte in das Leben versagt worden waren, welche die ihr Ebengebornen gleich einer Glorie umstrahlten.

Um für das ihnen angeborne Elend sie gleichsam zu entschädigen, und es ihnen dadurch minder fühlbar zu machen, entsagte Eudoxia im gewöhnlichen Leben, aus ächter Barmherzigkeit, den ihrer Geburt gebührenden Ehrenbezeugungen. Sie forderte nichts, was Ihrem Gefühl nach jene Armen noch tiefer beugen konnte; aber wehe dem unter ihnen, der tactlos genug gewesen wäre, diese Äusserlichkeiten zu vergessen, ohne von der Fürstin ausdrücklich und besonders dazu aufgefordert und berechtigt worden zu sein. Es gibt keine Worte, um ihr Erstaunen über eine solche, die Möglichkeit überschreitende, an Sakrilegium gränzende Untat, gehörig zu schildern. Glücklicherweise hatte sie bis jetzt nur selten eine solche Erfahrung gemacht, denn sie ward allgemein, von Hohen und Niedern, geliebt und verehrt.

Auch war Fürstin Eudoxia wirklich eine gute Dame, mit der es sich ganz leicht leben liess; denn auch sie liebte die Menschen, auch die niedriggebornen, aber freilich ungefähr so,