1837_Schopenhauer_092_77.txt

fiel Richard ein, Ihr Kind in die Erziehungsanstalt der Frau Marina

Halten Sie ein! unterbrach Torson mit grosser Heftigkeit ihn: hüten Sie sich die dunkeln Gewalten, die in jeder Menschenbrust schlummern, zu wecken. Versuchen Sie an mir alles was sich ertragen lässt, weiter gehen zu wollen wäre Feigheit. Bleiben Sie bei der Wahrheit, das, was auszusprechen ich Sie verhinderte, lag nicht in Ihrer Seele. Sie glauben selbst nicht daran.

Richard schwieg, Torson auch; endlich nahm dieser wieder das Wort:

Damals hatte ich keine Ahnung der Möglichkeit, dass meine Tochter mir so nahe sein könne. Seit langer, langer Zeit hatte ich nichts von ihr vernommen; wenn ich ihrer gedachte, was, zu meiner Schande, selten genug der Fall war, dachte ich sie mir ruhig bei ihren Pflegeeltern in Königsberg. Das unvergessliche Zusammentreffen an jenem denkwürdigen Abende, Sie wissen mit wem, bewog Frau Marina, schon am folgenden Tage sich durch die Flucht gewissen Nachforschungen zu entziehen, denen sich auszusetzen ihr nicht ratsam schien. Auch ich hielt ebenfalls für gut, mich wo anders hinzuwenden, und kam auf den Gedanken, meinen Weg über Königsberg zu nehmen, um mich bei der gelegenheit nach meiner Tochter zu erkundigen.

Dort erst erfuhr ich, sie lebe in Petersburg unter der Obhut des Kapellmeisters Lange; sie also war jenes ängstlich scheue Mädchen! es war unmöglich daran zu zweifeln. Mir grauste vor dem Gedanken, wie nahe ich daran gewesen sei, in einem Anfalle verächtlichen Übermuts mein eigenes Kind zu verderben. Ich eilte nach Petersburg zurück, legte mit der grünen Brille die jetzt mir selbst widerliche Maske ab, die ich dort so lange getragen, und führte als Abgesandter ihrer Eltern bei Julien und ihren Beschützern mich ein.

Doch diese Veränderung der Gestalt, in welcher sie nur einige Minuten und in der Dämmerung mich gesehen, waren nicht hinreichend, um in Julien Erinnerungen völlig zu ersticken, die, wenn gleich nur dunkel, bei meinem Anblicke sich regen mochten. Ich musste mich entschliessen, unter dem Siegel des Geheimnisses, mich als ihren Vater ihr zu erkennen zu geben, um den in ihr aufkeimenden Widerwillen gegen mich nicht in ihrem Gemüte aufkommen zu lassen.

Ich erdichtete Gefahren, die aus politischen Gründen mir drohen sollten, wenn mein Aufentalt in Petersburg bekannt würde, und sie gelobte mir unverbrüchliche Verschwiegenheit. arme Julie! sie selbst ist es ja, vor der ihr Vater sein eigenstes Dasein verhüllen muss! sie ist wie ihre Mutter war, fromm, einfach, schaudernd vor jedem Anscheine eines Unrechts; sie würde die Wahrheit eben so wenig ertragen können, als diese es konnte!

Mit der Darstellung meiner Gefühle für meine Tochter will ich Sie verschonen, fuhr Torson nach kurzem Schweigen fort. Trauen Sie mir noch einige menschliche Empfindung zu, so wäre jedes Wort darüber vom Überfluss; halten Sie mich für eine Art von moralischem Ungeheuer, so würde alles, was ich dagegen einwenden könnte, Sie nicht anderes Sinnes machen. Doch hoffe ich, Sie werden mir die Ehre erzeigen, mir zu glauben, dass ich nichts sehnlicher wünsche, als Julien, durch die Verbindung mit einem ihrer würdigen Gatten, ein dauerndes Glück, oder wollen Sie es lieber eine Versorgung nennen? zu bereiten. Iwan Yakuchin schien mir in jeder Hinsicht dazu geeignet, es ist so leicht seine offene ehrliche Seele bis auf den Grund zu durchschauen! Auch seine und meiner Tochter gegenseitige Neigung konnte mir nicht lange verborgen bleiben; ich begünstigte diese auf jede Weise, doch durfte Iwan mein eigentliches verhältnis zu Julien nie erfahren. Unbefangen hielt er mich für den von ihren verstorbenen Eltern ihr gesetzten Vormund, und liess es dabei bewenden. Da kamen Sie, und waren Augenzeuge der hierauf folgenden Ereignisse.

Doch sehe ich deshalb um nichts klarer; im Gegenteil, das geheimnissvolle Dunkel, das Sie um sich her verbreiten, scheint mir dichter als zuvor: erwiderte Richard.

Nicht mit meinem Willen, gewiss nicht: antwortete Torson; wenn Sie nicht absichtlich Ihr Auge dem Lichte verschliessen, sollen Sie mich so offen finden, als Sie es nur wünschen können. Ich errate den Punkt, der in diesem Augenblicke Ihren Argwohn rege macht; jene geheime Verbindung, in welche der Zufall so unerwartet als unerwünscht, Sie tiefer als Ihnen lieb ist verflochten hat.

Jahre lang, ehe Sie seine Existenz nur ahnen konnten, war dieser Bund mein Augenmerk gewesen, selbst in weiter Ferne verlor ich ihn nie aus dem Gesicht. Zum politischen Zinngiesser bin ich verdorben, nie habe ich um die Verhandlungen der europäischen Kabinete mich bekümmert, und wer als Kaiser oder König auf dem Trone sitzt, gilt mir völlig einerlei. Krieg oder Friede interessiren mich nur in so fern, als meine persönliche Ruhe und Sicherheit dabei beteiligt werden kann; denn bedenken Sie es wohl, ehe Sie mich deshalb verdammen, ich stehe allein in der Welt, nicht nur namenlos, sondern auch heimatslos!

Dennoch hasse und fürchte ich alles, was die in der Welt einmal hergebrachte Ordnung zu stören droht, und jener Bund, den ich beinahe von seinem Entstehen an zu beobachten gelegenheit hatte, schien mir in dieser Hinsicht immer gefährlicher drohend sich zu entwickeln. Ich lebe nicht gern blindlings in die Welt hinein und suchte daher Mitglied desselben zu werden, damit kein möglicher Weise von ihm ausgehendes Unheil mich unvorbereitet überraschen möge; doch habe ich an seinen Verhandlungen nie tätigen Anteil genommen, obgleich ich mir das Ansehn eines ungemeinen Eifers zu geben wusste. Ich