1837_Schopenhauer_092_75.txt

einander gegenüber, was jetzt nicht der Fall ist.

Richard wurde rot, hustete ein wenig, und suchte in die Stellung eines ruhig Zuhörenden sich zu versetzen, ohne weiter etwas zu erwiedern.

Ich bin wirklich dieser uralten Familie entsprossen, fuhr Torson fort, deren Stammbaum bis zu den ersten fast fabelhaften Beherrschern von Litauen in die graueste Vorzeit hinabreicht; der jüngste von acht Söhnen unsers einst sehr begüterten Hauses, dem von seinem ehemaligen Glanze jetzt wenig mehr als sein grosser Name geblieben ist, um sich über den durch Verwahrlosung herbeigeführten Verfall seiner noch immer sehr ausgedehnten Besitzungen damit zu trösten. Nach alt hergebrachtem Familienbrauche verteilte mein Vater noch bei seinen Lebzeiten den grössten teil unsrer Güter zwischen meinen Brüdern. Dort setzten sie das gewohnte rohe Krautjunkerleben in der Mitte ihrer Leibeigenen fort. Doch ich, der jüngste, damals noch ein Knabe, wurde bei der nach und nach vollbrachten Teilung wirklich vergessen. Als man sich meiner erinnerte, fand sich, dass blutwenig für mich geblieben sei, so lange mein Vater noch lebe. Es wurde im Familienrate beschlossen, mich nach Deutschland zu senden, um mich studiren zu lassen. Das Wie machte noch einige Schwierigkeit. Da erschien, ganz unverhofft, auf dem alten Rattenneste, das unser Schloss genannt wurde, ein Deus ex machina, ein Abenteurer, wahrscheinlich der entlaufene Kammerdiener irgend eines grossen Herrn. Dieser erklärte, dass in mir ein Genie stecke; was das eigentlich sei, wusste Niemand, aber man hatte nun doch ein Wort, um sich daran zu halten; und bald darauf reiste ich, unter der Führung dieses mir zum Hofmeister beigegebenen Unbekannten, nach Deutschland ab.

Mit den Details des wüsten Lebens, das ich von nun an unter der Leitung meines trefflichen Begleiters führte, will ich Sie verschonen. Wir zogen von einer hohen Schule zur andern, ein paarmal wurde ich relegirt, endlich lief ich meinem Hofmeister davon, indem ich die Hälfte unserer noch übrig gebliebenen Baarschaft ihm hinterliess.

Wir haben nie wieder etwas von einander gehört. Dass ich bei dieser Lebensweise nicht ganz unwissend geblieben bin, ist mir selbst unbegreiflich; doch trieben Überdruss und Langeweile mich mitunter zum Fleisse an.

Ich suche vergeblich den Übergang von dem was ich damals war, zu dem was ich jetzt geworden bin, Ihnen deutlich zu machen; sprach Torson nach augenblicklichem Nachsinnen: und muss zu einem gewaltigen Sprunge mich entschliessen über alles hinweg, was auf meiner abenteuerlichen Lebensbahn sich dazwischen drängte, um gleich zum Resultate, zum Spieltische überzugehen, zu welchem ein unwiderstehlicher Hang von jeher mich trieb.

Ich durchzog als erklärter Spieler halb Europa, alle grossen Städte, alle Brunnenorte, die mir eines Besuches wert dünkten. Fortuna war mir unbegreiflich günstig, und ist es noch heute. Sie blieb meine stete Begleiterin. Angeborner Scharfblick, Gleichmut, der sich nicht leicht aus der Fassung bringen lässt, und viel kaltes Blut, halfen mir ihre Huld k l ü g l i c h benutzen, doch nie habe ich durch niedre Kunstgriffe sie zu fesseln gesucht. Bei Gewissheit des Gewinnes ginge jeder Reiz des Spieles für mich verloren; nur die gespannte Erwartung des entscheidenden Augenblicks, nur das ewige Schwanken zwischen Bettler und König ist es allein, was mich an mein jetziges Gewerbe fesselt; alles andre liegt fade und trübselig vor mir. Glauben Sie mir, kein ächter Spieler will eigentlich Reichtum er werben; mit dem Höchsten, nach welchem Andre im Schweisse ihres Angesichts ringen, ein leichtes Spiel treiben, das allein ist unsre Freude! und ich muss und werde dabei bleiben, bis der Tod mit dem letzten va banque! diese mir sprengt.

Richard machte ein etwas ungläubiges Gesicht, erwiderte aber keine Sylbe; doch auch diese fast unmerkliche Veränderung in seinen Zügen entging dem Scharfblicke Torsons nicht.

Sie zweifeln an der Wahrheit dieser Behauptung? fragte er: möge die Tatsache ihre Zweifel heben, dass das unablässige Verfolgen des Glücks mich zuletzt langweilte. Ich kam auf den Einfall, mich auch einmal in Führung eines tugendhaften, ehrbaren Lebens zu versuchen, nahm meinen wirklich sehr bedeutenden Gewinn zusammen, und zog damit weit weg, nach Königsberg, einer Stadt, wo ich ganz unbekannt zu bleiben hoffen durfte. Dort fand ich einen armen Engel in der Hölle: die Waise eines Schullehrers, die demütige Gesellschafterin eines weiblichen Satans, wie es hoffentlich keinen zweiten mehr auf Erden gibt. Ich beschloss das schöne Kind zu erlösen, es gelang mir seine Liebe zu gewinnen, ich entführte es, und wurde in einem, unfern Memel gelegenen dorf, der rechtmässige glückliche Gatte des liebenswürdigsten Wesens auf Erden.

Sie war so schön, und entfaltete, im warmen Sonnenscheine eines ihr bis dahin ganz unbekannt gebliebenen Wohllebens, körperlich und geistig sich immer wundervoller; gleich einer in dürrem Boden, unter kaltem Himmel verkümmerten Pflanze, die eine freundliche Hand in ein wärmeres, ihr günstigeres Klima versetzt.

Die Nähe meines Geburtslandes regte alte, viele Jahre lang vergessene Erinnerungen in mir auf, sie arteten in Wünsche aus; seit ich von meinem sogenannten Hofmeister mich trennte, war ich ohne alle Nachricht von meiner Heimat geblieben. Ich wollte in meinem Reichtume und meinem Liebesglücke meinen Verwandten mich zeigen, ich wollte meine Fraukurz die Reise wurde beschlossen und zurückgelegt. Mein glänzendes, etwas prahlerisches Auftreten wirkte blendend auf die rohen Gemüter meiner Brüder, übrigens fand ich alles noch ziemlich wie ich es verlassen, mein greiser Vater sogar war noch am Leben.

Allgemeine Bewunderung, ich darf sagen, ehrfurchtsvolle Verehrung, wurde meiner