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Lippen nie eine Lüge gegangen ist, denn sie ist treu und ohne Falsch, unschuldig und rein, wie meiner Tochter Neugebornes, dort in der Wiege! Wochen und Monate lebt sie in der Mitte der Meinen, möge sie nie uns verlassen! Das liebe Kind! sie ist die Freude unsrer Herzen! sie ist das Licht unsrer Augen: sprach Frau Selina, und drückte ihren Schützling recht fest an ihre Brust.

Ilia hatte unterdessen seine beiden Knaben losgelassen, die auch sogleich die wiedererhaltene Freiheit benutzten, um das Freie zu suchen; auch er nahm jetzt das Wort, indem er näher trat.

Herr! sprach er, noch sehe ich zwar in den Ursprung aller dieser, so plötzlich eingetretenen Verwirrungen nicht klar hinein, aber ich begreife doch, dass unser lieblicher Gast hier darein verflochten ist. Ihr habt dies Mädchen gekannt, und denkt jetzt Arges von ihr, weil Ihr unerwartet, weit von ihrer Heimat, in fremdem land sie antrefft. Ist dem nicht so?

Richard machte nur ein bejahendes Zeichen, Iwan stand stumm und starr, im Anschauen Juliens versunken.

Nun dann, fuhr Ilia fort, so hört wenigstens auf das Wort eines rechtlichen Mannes. Zwar kennt Ihr mich noch nicht, aber fragt weit und breit im land umher nach Ilia, ob irgend ein Makel auf seinem Namen hafte, ob Ihr nicht auf Treu und Glauben meine Worte für Wahrheit annehmen könnt. Es ist wie meine Frau es eben ausgesprochen. Seit mehreren Monaten, von uns und allen unsern Nachbarn und Freunden geehrt und geliebt, lebt dieses Mädchen in unserer Mitte, als gehöre sie zu uns und wäre unser eigenes Kind. Ich wache über sie, kein Unrecht darf ihr nahen, denn ihr Vater hat sie in meinen Schutz gegeben. Von Vaters Hand wurde die schöne fremde Blume in meinen Garten gepflanzt, und ich habe mein Wort darauf gegeben – –

Ihr Vater! ihr Vater! welch neues Truggewebe! wer hat das ersonnen? rief Iwan, unfähig länger an sich zu halten; nie hat sie ihren Vater gekannt, nie ihn gesehen!

Wohl habe ich meinen Vater gekannt, wohl ihn gesehen, rief Julie: und dass ich nie hoffen darf ihn wieder zu sehen, das ist mein grosser Schmerz! Armer unglücklicher Mann! Berge und Täler und breite Ströme liegen zwischen uns! ihre stimme ging unter in Tränen.

Du kennst Deinen Vater? doch wohl auch seinen Namen? wie heisst Dein Vater, rief Iwan sich zu ihr niederbeugend, fast höhnend.

Julie erbleichte bei dieser Frage; ängstlich, wie Hilfe oder Auskunft suchend, blickte sie verschüchtert um sich her.

Wie heisst er? rief Iwan überlaut, in steigendem Zorne.

Grischa, flüsterte Julie kaum hörbar und verbarg ihr Gesicht am Busen ihrer mütterlichen Freundin.

Grischa! rief Iwan laut und bitter auflachend: er hatte den Namen nie nennen gehört, denn weder Richard noch Dmitry hatten für gut gehalten, den rätselhaften Alten gegen ihn zu erwähnen.

Grischa! wiederholte Richard, warf einen vorwurfsvollen blick auf Dmitry, und eilte zum Zimmer hinaus. Dmitry folgte ihm auf dem fuss. Frau Selina benutzte diesen Augenblick, um mit Hilfe ihrer Töchter die an Kräften völlig erschöpfte Julie fortzuführen. Iwan blieb mit den Seinigen allein, denn auch Ilia zog bescheiden sich zurück, um bei dem gespräche zwischen Mutter und Sohn kein überlästiger Zeuge zu werden.

Nach manchem misslungenen Versuche gelang es endlich der Mutter, den Sohn in einen verhältnissmässig ruhigen Zustand zu versetzen, indem sie von seinem Vater und dem häuslichen friedlichen Leben, das zu haus ihn erwartete, ihm sprach. Sie stellte seine Brüder und Schwestern der Reihe nach ihm vor, die mit unbeschreiblicher Liebe an ihm hingen, und die er bis jetzt kaum eines Blicks gewürdigt hatte; machte auf die vorteilhafte Einwirkung der Zeit, auf die geistige und körperliche entwicklung derselben ihn aufmerksam, welche die Reihe von Jahren herbeigeführt hatte, während welcher er sie nicht gesehen; schilderte, ihm wie der Boden ihr unter den Füssen gebrannt, bis sie vom Vater die erlaubnis erhalten, ihm mit ihren Kindern entgegen zu gehen. Die Mühseligkeiten der Reise erwähnte sie kaum.

Ich wäre bis Moskau, ja bis Petersburg Dir entgegen gezogen, hätte ich Dich nicht früher angetroffen, versicherte die mutige Frau, die zuvor nie in ihrem Leben sich weiter, als höchstens eine Tagereise von ihrer Heimat entfernt gehabt.

Jetzt hatte sie schon seit zwei Tagen die, durch einen von Dmitry abgesandten Boten angekündigte nahe Ankunft ihres erstgebornen Lieblings in unaussprechlicher sehnsucht bei ihrer Jugendfreundin Selina erwartet; und als er nun wirklich in tief dunkler Nacht anlangte, begnügte die sorgsame liebevolle Mutter sich dennoch damit, durch die Jalousien lauschend, beim Scheine ihm entgegen leuchtender Fakkeln ihn aus dem Wagen steigen zu sehen. Sie wollte dem Ermüdeten Zeit zum Ausruhen vergönnen, um am folgenden Tage die hohe Freude des Wiedersehns um so ruhiger zu geniessen, die ihr leider so herbe verbittert werden sollte.

Doch wie weiland der Harfe des königlichen Sängers im alten Testamente, so gelang es endlich auch der Mutter sanfter stimme, den bösen Dämon in des Sohnes Brust zur Ruhe einzulullen, und Iwan hörte auf zu toben, indem er ihrer Einwirkung sich hingab. Grischa entläuft Euch nicht, Herr, er wartet ruhig auf Euch, rief Dmitry, indem er an dem rasch voranschreitenden Richard vorüber eilte, um ihn nach seinem Zimmer zu führen. In den verwickelten Gängen dieses alten Hauses verirrt man sich leicht, setzte der allzeit Dienstfertige hinzu, indem