1837_Schopenhauer_092_72.txt

Wiedersehens, über das die Engel im Himmel, wie die Menschen auf Erden frohlocken müssten, in Hader und Verdruss umgewandelt, aber der Lohn dafür soll ihnen nicht entgehen! Ihr vorwitzigen Taugenichtse, hört auf zu gransen, gebt deutlich Rede und Antwort; welcher Satan trieb Euch, ohne erlaubnis den Fremden, dem Ihr die Stadt zeigen solltet, hierher in das Zimmer der Frauen zu führen? Sprecht deutlich, oder! – setzte er, mit dem fuss derb aufstampfend, hinzu, und schüttelte die Knaben abermals zusammen, dass hören und Sehen ihnen vergehen mochte.

Wir haben ihn nicht hergeführt, er ist uns nachgelaufen, schrie weinerlich der jüngste Bube.

Durften wir den Gast unseres Hauses vor unsern sehenden Augen betrügen lassen? setzte sein älterer Bruder etwas trotzig hinzu.

Jetzt legte Dmitry sich ins Mittel, und es wurde den Knaben vergönnt, ihre Entschuldigung vorzubringen. Iwan hatte schon viel Geld, ihrer Ansicht nach unermessliche Summen, für Schmuck und ähnliche Dinge hingegeben, als noch ganz zuletzt ein brillanter persischer Shawl ihm ins Auge fiel, den er sogleich seiner Mutter bestimmte. Er fragte nach dem Preise, zählte seine ihm übrig gebliebene Baarschaft, fand sie eben noch hinreichend, und war im Begriff den Kauf abzuschliessen, als der älteste seiner jungen Begleiter mit der Erklärung dazwischen trat, der Shawl sei höchstens ein Drittel der dafür geforderten Summe wert.

Der Kaufmann versicherte das Gegenteil; Iwan ohnehin des vielen Marktens und Feilschens müde, bezeigte sich geneigt auf seine Seite zu treten, als der eifernde Knabe hastig den Gegenstand des Streites aufgriff, und damit in das nahe gelegene Haus seines Vaters lief, um seine Mutter als anerkannte kompetente Kennerin darüber entscheiden zu lassen. Sein Bruder folgte ihm, und Iwan sprang in einem Anfalle lustiger Laune beiden nach; der Kaufmann, der die Söhne seines reichen Nachbars Ilia kannte, liess unbesorgt sie laufen. In kindischer Ausgelassenheit stürmten alle drei blindlings in das Zimmer der Mutter der Knaben, Frau Selina, hinein; betroffen über sein eigenes Ungeschick, blieb Iwan beim Anblicke der Gesellschaft, in welcher er sich ganz unerwartet befand, wie versteinert stehen, und flog im nächsten Augenblicke mit einem lauten Freudenschrei in die arme seiner Mutter, seiner Brüder, seiner Schwestern, die er alle ungeachtet der mehrjährigen Trennung augenblicklich erkannte.

Der jubel war allgemein, die Freude unbeschreiblich; doch plötzlich veränderte sich alles auf unbegreifliche Weise, und der Zustand stellte sich ein, in welchem Richard ihn jetzt gefunden.

Das Angstgeschrei der Frauen, die einen plötzlich wahnsinnig Gewordenen in ihm zu sehen glaubten, Ilias scheltende stimme, der Knaben ängstliches Rufen, der Mutter bittendes Zureden, alles das zusammen wirkte wahrhaft betäubend. Auch Richard, wie früher die übrigen Alle, begann jetzt zu fürchten, die überraschende Anwesenheit der Mutter und Geschwister habe auf den eben Genesenden zu lebhaft gewirkt, und den armen Iwan wenigstens für den Augenblick um Sinn und Verstand gebracht. Er näherte sich ihm und wollte nach beschwichtigenden Worten suchen, doch dazu liess Iwan ihm keine Zeit; er riss sobald er ihn erblickte von der Mutter sich los, warf sich ihm in die arme und brach in herzzerreissende Klagen aus.

Du! ja Du wirst endlich mich verstehen, o Richy, Richy, in welch' ein Haus sind wir geraten! rief er, und schien nicht zu fühlen wie heisse Tränen, aus den weit offnen wild blitzenden Augen, schwer und einzeln über die in dunkler Fieberglut brennenden Wangen ihm rollten. Rücksichtslos schob er alles was ihm im Wege stand bei Seite, und zog den Freund mitten in den eng geschlossenen Kreis der Frauen hinein, die sogleich ängstlich-scheu ihm auswichen.

Sieh her, rief er mit erstickter heiserer stimme, sieh her! man möchte sich darüber zu tod weinen! Ist es nicht um von Sinnen zu kommen? heischt das nicht blutige Rache?

Ein armenisches halb ohnmächtiges Mädchen, das auf einem Stoss nach orientalischer Art über einander aufgehäufter Kissen lag, wurde, da die Frauen sich zurück gezogen hatten, sichtbar. Iwan bückte sich, und schleuderte den Schleier fort, den ihre Freundinnen in der Eile über ihr Gesicht gebreitet hatten.

Sieh her, sieh her, wiederholte Iwan mehrere Male, kennst Du sie, die Verlorene, die früh Verlassene, erkennst Du sie in der fremden Tracht? rief er, und verbarg krampfhaft schluchzend sein Gesicht an der treuen Brust seines Freundes.

Das Mädchen blickte träumerisch umher, wie aus tiefem Schlafe erwachend.

Sie! Sie sind es, rief sie fast jubelnd in deutscher Sprache, indem sie Richard erkannte. Sie sind da? o, nun wird alles gut! Sie werden mich in Schutz nehmen, Sie können nichts Übles von mir denken, Sie wenigstens werden nicht nach dem Scheine richten. Ihre stimme wird zu dem ungerechten Herzen dieses Mannes den Weg finden, und meine Verteidigung führen.

Julie! rief Richard erstaunt, Julie, ist es möglich? Sie hier!

Julie brach in Tränen aus, sie weinte recht bitterlich aus dem Herzen, wie ein Kind im Gefühle erlittenen Unrechts.

Frau Selina konnte das nicht länger ruhig mit ansehen; sie überwand die Scheu vor dem tobenden Iwan, liess zu Julien sich nieder, sprach tröstend ihr zu, trocknete liebkosend ihre Wangen, und wandte sich dann an die beiden Freunde.

Ich verstand kein Wort von dem was Diese jetzt gesprochen, denn die Rede ihres Landes ist mir völlig fremd: aber ich bin bereit, Leben und Ehre dafür einzusetzen, dass über diese