1837_Schopenhauer_092_71.txt

erstenmale seit langer Zeit sass Richard im Erker des freundlichen Zimmers, das der gastfreie Ilia ihm am vergangenen Abende angewiesen hatte, bei seinem Morgenkaffee ganz allein, er blickte hinaus in die ihn umgebende Pracht und Herrlichkeit der natur, bewunderte den malerischen Effect der imposant hohen Gestalten der Einwohner, die in ihrer faltenreichen armenischen Tracht ernst und bedächtig einherschritten, und dem Orte einen, von allen bisher gesehenen ihn unterscheidenden, orientalischen Charakter verliehen; in grosser Behaglichkeit gab er so dem lange nicht genossenen Bewusstsein des seligen Nichtstun und des ungestörtesten Alleinseins sich hin.

Dmitry und Ilia hatten sich noch nicht gezeigt, vermutlich wollten sie dem reisemüden gast Zeit zum Ausruhen lassen. Iwan aber war schon längst mit den beiden Söhnen des Ilia auf und davon, die er zu seinem grossen Vergnügen glücklich aufgefunden hatte. Sie mussten ihn hinaus zu all' den glänzenden Herrlichkeiten begleiten, die in den Strassen ihn unwiderstehlich anlockten; denn sein Beutel war noch wohl gefüllt; das Gold brannte ihm in der tasche, und er vermutete mit Recht, dass eine solche gelegenheit, es in Geschenken für Mutter und Schwester anzulegen, sich ihm sobald nicht wieder bieten dürfe.

Ein lauter Schrei ganz in der Nähe, im haus selbst wie es ihm schien, schreckte Richard aus dem ruhigen Genusse des gemütlichen Stilllebens auf, das ihn umgab. Ein Getümmel entstand, wie von mehreren durcheinander laufenden Personen; weibliche und männliche Stimmen wurden durcheinander hörbar, weinende, freudige, scheltende, fluchende; und mitten durch klang Iwans zürnende stimme am lautesten und vernehmlichsten von Allen.

Richard sprang auf, zur tür hinaus; aber seit seiner Ankunft war er noch nicht aus seinem Zimmer gekommen, und daher völlig unbekannt mit den Lokalitäten des Hauses. Bald einige Stufen hinauf-, bald wieder andre hinabsteigend, geriet er aus einem, durch Fenster von geöltem Papiere nur schwach erleuchteten, engen Gange in den andern, stiess überall auf verschlossene Türen, und hörte dabei fortwährend, bald näher, bald entfernter das nämliche Geräusch, und von Zeit zu Zeit Iwans laut erhobene stimme dazwischen.

Richard fing eben an zu überlegen, ob es nicht am geratensten wäre, eine Seitentüre, hinter welcher das Getöse sehr deutlich hervorscholl, gewaltsam zu erbrechen, als er am andern Ende des Ganges eine dunkle Gestalt vorsichtig an der Wand hinschleichen sah. Er blickte schärfer hin, nein, er irrte sich nicht: es war Grischa. Wie ein Tiger auf seine Beute, wollte er auf den ihm jetzt mehr als verdächtigen Weissbart losspringen, aber im nämlichen Augenblicke legte eine kräftige Hand sich von hinten auf seine Achsel und hielt ihn fest.

Finde ich Euch endlich, rief Dmitry, denn dieser war es; Herr! nur hier herein, Unglück abzuwenden, wo wir Glück und Freude zu säen meinten; damit öffnete er eine tür, welche Richard in der Dunkelheit vorhin nicht bemerkt hatte, und schob ihn in ein helles geräumiges Zimmer hinein. Einige Secunden lang staunte Richard die zahlreiche Gesellschaft sprachlos an, die er in seltsamen Gruppen verteilt hier versammelt fand. Ilia, der Hausherr, stand ihm und der tür am nächsten; er hielt zwei angstbleiche, zitternde Knaben von funfzehn bis sechszehn Jahren festgepackt beim Kragen, die er unter lautem, ununterbrochenem Schelten mitunter derb zusammen schüttelte. Mit irgend etwas, das in ihrer Mitte vorging, emsig beschäftigt, stand und kniete in einer Ecke des Zimmers ein undurchdringlicher Haufe armenischer Frauen und Mädchen. Doch von diesen nahm Richard weiter keine Notiz, denn Iwan zog seine ganze Aufmerksamkeit an.

Ähnlich einem zürnenden Halbgotte stand Iwan da, ganz so wie er damals in Petersburg, in jener fürchterlichen Nacht, vor der Versammlung der Verschworenen gestanden, aber liebend umfangen von den Armen einer schönen stattlichen Matrone, der er zu sehr glich, um in ihr nicht augenblicklich seine Mutter zu erkennen. Hinter ihm hob ein, ihm ebenfalls sehr ähnliches junges Mädchen, sich möglichst hoch auf den Fussspitzen empor, um mit ihren beiden Armen seinen Nacken zu umschlingen, was aber nicht ganz nach Wunsch gelingen wollte; ein zweites, noch jüngeres, begnügte sich damit, seine Kniee zu umfassen, und lächelnd unter Tränen, in dieser Stellung zu ihm aufzusehn; drei im Alter wenig verschiedene hoch gewachsene Bursche betrachteten den Bruder mit unbeschreiblicher schüchterner Liebe und Freude; die ganze Familie Yakuchin war hier zum Empfange des lang entbehrten Lieblings versammelt, nur der Vater fehlte, den Geschäfte der Ernte einstweilen zu haus noch fest hielten.

Die ganze Gruppe würde dem anmutigsten Familiengemälde als Vorbild haben dienen können, hätte die Hauptfigur, Iwan, nicht die Harmonie desselben gestört, der bald wild tobend, wie ein aufgereizter Löwe, in furchtbaren Flüchen und Verwünschungen den allen unbegreiflichen inneren Zorn seiner Brust ausströmen liess, bald wieder im nächsten Momente, sanft und weich wie ein Kind, den Liebkosungen der Seinigen, sie erwiedernd, sich hingab, und gleich darauf wieder den Armen, die ihn umschlungen hielten, sich zu entwinden suchte, unter Drohungen, von denen Niemand begriff, wem sie gelten könnten.

Richard übersah das Alles in weniger als einer Minute; unentschlossen stand er da, und Ilia war der erste, der seine Gegenwart bemerkte.

Herr, sprach Ilia, sehr anständig sich verbeugend, ohne jedoch die beiden vergeblich sich sträubenden Knaben loszulassen: Herr, ich möchte über diesen unverzeihlichen Empfang so hochgeachteter Gäste unter meinem geringen dach vor Scham in die Erde sinken. Doch glaubt mir, diese unseligen Buben allein haben alle diese Verwirrungen hervorgebracht; sie haben ein fest des