ohne Säumen sich seiner wohnung zu, wo er Iwan noch schlafend, und für sich selbst noch ein paar Stunden zum Ausruhen zu finden hoffte. Zu seinem Erstaunen kam Iwan schon völlig reisefertig ihm beim Eintritte entgegen, und drang mit fliegender Ungeduld auf augenblickliche Abreise.
Nur fort, nur fort aus dieser geschniegelten Welt, rief er in fieberhafter Hast: hier brennt der Boden mir unter den Sohlen, ich kann nicht atmen, der Himmel lastet schwarz und schwer, gleich dem Deckel eines Sarges, auf mir, und nur daheim in meinen Bergen weht frische Lebensluft.
Zweiter teil
Vorwärts, nur immer vorwärts! trieb Iwan unaufhörlich, abwechselnd bittend und fluchend, in fieberhafter Rastlosigkeit. Grosse Staubwolken wirbelten zum Himmel auf, die kleinen zottigen Pferde keuchten in fliegendem Galopp, unter fortwährendem Peitschenknallen der durch unerhörte Trinkgelder zu unerhörten Taten begeisterten Postillione, vor der leichten Kibitka. So ging es, bei Sonnen- und Mondenschein, bergauf bergab, die langen heissen Tage, die wundervollen lauen Nächte hindurch, bis endlich Moskau erreicht war.
Nur wenn glücklicher Weise einmal am Wagen etwas brach, ein Pferd stürzte, oder die Räder bei der übergrossen Eile in Brand gerieten, nur durch solch einen willkommnen Zufall war es Richard einigemal gelungen, eine kurze Zeit zum Ausruhen zu gewinnen. Doch durfte diese erzwungene Ruhe nie zu lange währen, wenn Iwans krankhafte Ungeduld nicht bis zum Unerträglichen sich steigern sollte. Der Unglückliche glaubte dann in jedem auf ihn zuschreitenden Reisenden den Boten zu sehen, der gesandt sei ihn gewaltsam zurück nach Petersburg zu führen, und brach in so ängstliche herzzerreissende Klagen aus, dass Richard der eigenen Ermüdung darüber gern vergass, und die Fortsetzung der Reise auf jede Weise zu beschleunigen suchte, aus Furcht, Iwan könne bei längerem Verweilen zurück in seinen vorigen trostlosen Zustand, oder wohl gar in unheilbaren Wahnsinn verfallen.
In unglaublich kurzer Zeit hatten die Reisenden auf diese Weise den weiten Weg bis Moskau zurückgelegt, ohne einen bedeutenden Unfall zu erleiden. Der Anblick der ihm wohlbekannten Plätze und Strassen, der Häuser und Paläste, wirkte beruhigend auf den sonst rastlosen Iwan. Er rief jene genussreiche Zeit ihm zurück, die er bald nach der Trennung vom vaterland hier verlebte; hierher war er mit frischen Sinnen, ein mit dem ernsteren Gange des Lebens noch unbekannter Neuling in der Welt, zuerst gekommen; warum, dachte er, sollte er von hier aus, wo er schon auf halbem Wege sich befand, nicht wieder in sein Vaterland zurückgelangen können? Ein wunderlicher Schluss, wie er wohl in einem so tief und so schmerzlich zerrütteten geist nur entstehen konnte; aber er besänftigte doch die bis aufs höchste getriebene Spannung seiner Nerven. Iwan fing an sich ermüdet zu fühlen; zum erstenmal seit Petersburg erblickte er im Spiegel seine bis zum Unkenntlichen veränderte Gestalt, und verlangte jetzt selbst sich hier einige Tage zu erholen.
Nein, sprach er: so darf meine Mutter ihren Sohn nicht wieder finden, sie könnte den Tod davon haben! ich halte es hier wohl einige Zeit aus; sehe ich doch schon einzelne Gestalten in der Tracht meines Landes an meinem Fenster vorüber ziehen, schallen doch schon zuweilen einige Töne aus meiner Muttersprache erquicklich zu mir herauf, auch wehen heimatliche Lüfte mich schon an, und ermutigen mir zum schönsten Hoffen das gesunkene Herz.
Richard trachtete vor allem den Freund in dieser heilsamen Stimmung zu bestärken; er führte, freilich mit grosser Auswahl, einige seiner früheren Bekannten ihm zu, um ihm die Zeit zu verkürzen, und hielt sich und seinen Freund für völlig geborgen, als er durch einen glücklichen Zufall einen wohlhabenden in Moskau etablirten Teppichhändler aus Tiflis auffand, der mit seiner Vaterstadt unaufhörlich in Handelsverbindungen stand. Dmitry, so hiess der gute freundliche Mann, schloss jetzt seinen Laden gern ein Stündchen früher als gewöhnlich, um regelmässig jeden Abend zu seinem Landsmanne zu eilen, und über einer Pfeife ächten türkischen Tabak, von dem geliebten vaterland, und auch von Iwans Familie sich mit ihm zu unterhalten, die er früher persönlich gekannt hatte.
Während Iwan auf diese Weise beschäftigt, recht gern in seinem Zimmer blieb, gelassen der Ruhe pflegte, und nur fleissig im Spiegel nachsah, ob er bald im stand sein würde vor seiner Mutter zu erscheinen, ohne sie allzu sehr zu erschrecken, lebte Richard ganz ungehindert in den Erinnerungen, freudigen und trüben, die hier bei jedem Schritte, tausendfach gestaltet, sich ihm entgegendrängten. Von seinem Herzen unwiderstehlich gezogen, galt sein erster Ausgang dem jetzt verödeten Palais des Fürsten Andreas.
Indem er quer über den Vorhof dem einzigen jetzt offenen Seiteneingange desselben zuschritt, fiel eine aus diesem heraustretende Gestalt durch ihr seltsames Benehmen ihm auf; ein alter Russe, in der noch immer unter dem Bürgerstande üblichen Nationaltracht, mit einem, die ganze untere Hälfte des Gesichts verbergenden, sehr respectablen schneeweissen Barte, der von einem Ohre bis zum andern reichte, und ungewöhnlich lang, sich stattlich über die Brust hinbreitete. Die Augen blinzelten kaum sichtbar unter den grauen, buschigen Augenbrauen hervor, und eine grosse Mütze, mit tief hereingehenden Ohrenklappen, verdeckte fast gänzlich den übrigen teil des Gesichts. Indem er an Richard vorüber ging, schien er wie erschreckt zusammenzufahren, mass ihn dann mit schnellem scharfem Blicke, wandte aber sogleich den Kopf nach der andern Seite, als Richard ihn anreden zu wollen schien, und eilte schneller davon, als man es seinem Alter hätte zutrauen sollen.
Die ganze abenteuerliche Figur hatte etwas Lächerliches, aber auch zugleich Grausiges; Richard, als sie an