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ist völlig im Verfalle und seinem Ende nahe; wer nicht Mut genug besitzt, um förmlich ihm zu entsagen, der tritt schweigend zurück, oder verreiset auf einige Zeit; und zu diesen letzteren zählen sich Männer von grosser Bedeutung, die einst zu den ersten Stiftern unsrer Verbindung gehörten.

Richard war jetzt nicht nur ruhig genug, um ein sehr aufmerksamer Zuhörer zu sein, er hatte auch sogar den Mut gewonnen, einige Zweifel an der wirklichen Aufhebung des Bundes zu äussern, vor allem aber sein bittendes Warnen in Hinsicht auf den Obrist Pestel zu wiederholen.

Ich bitte mir hierin unbedingten Glauben zu gewähren, der Bund sinkt schnell, ohne äusseres Zutun, und deshalb um so unaufhaltsamer seiner völligen Auflösung zu; erwiderte Fürst Andreas. Seit jener Nacht hat keine grosse Versammlung wieder Statt gehabt; doch während Du an Iwans Krankenbette wachtest, sind wir nicht müssig geblieben; eine kleine Auswahl wahrhaft wohlgesinnter Freunde hat oft sich versammelt, um sich über das was zuvörderst Not tut zu beraten; dass Pestel nicht in ihrer Mitte war, brauche ich wohl nicht zu versichern. Er und sein Tun sind uns jetzt kein geheimnis mehr; wir kennen ihn jetzt, jenen eifrigen Verfechter der Freiheit, der alles vor sich niedertreten möchte, um sich selbst zu erheben. Das Lügengewebe liegt ausgebreitet vor uns, mit dessen hülfe es ihm damals gelang unsern Sinn zu verwirren, so dass er jenem Abgrunde des Verbrechens uns zutreiben konnte, vor welchem des armen Iwans ausbrechender Wahnsinn wie durch ein Wunder uns bewahrte. Entlarvt steht er vor uns, der grosse Künstler, und es wird keines zweiten Wunders bedürfen; wir kennen ihn jetzt, und das sichert vor ihm und seinen Künsten.

All' unser Wollen und Beabsichtigen war rein, wie das Licht der ewigen Wahrheit, ehe jener aus List, Ehrgeiz, und nichts heilig achtendem Egoismus zusammengesetzte Fremdling, in unsern engen Freundeskreis sich einzuschleichen wusste; fuhr der Fürst im Verlaufe des immer ernster und angelegentlicher sich gestaltenden Gesprächs fast klagend fort. Unsre Pläne für das allgemeine Wohl des Vaterlandes waren solcher Art, dass selbst die grosse edle Seele unsers Czaars, den Gott uns noch lange erhalten möge, weder seinen Beifall, noch selbst seine Unterstützung ihnen versagt haben würde, wären wir mit der Ausbildung derselben nur so weit ins Klare gekommen, dass wir sie, wie es unser fester Wille war, ihm hätten vorlegen können. Doch Pestel wusste dieses heimlich zu verhindern; gleich einem geschickten Taschenspieler leitete er durch allerlei Künste unsre Aufmerksamkeit von dem Punkte ab, dem wir sie ausschliessend hätten zuwenden sollen. Nicht Abänderung einiger verjährten Missbräuche, die für unsre Zeit nicht mehr passen, nicht Verbesserung der Zustände, wie sie jetzt noch bestehen, will er mit uns vereint herbeiführen. Alles umwerfen, alles vernichten, und dann auf rauchenden Ruinen sich einen Tron erbauen, das ist sein Plan, den wir glücklicher Weise jetzt durchschauen.

Im engern Kreise stellt er uns immerwährend die vereinten Staaten von Nordamerika als Vorbild auf; immer lässt er die unsinnige idee durchblicken, dieses unübersehbar grosse Reich in eine Republik umzuwandeln. Unser Washington möchte er werden; er ein Washington! eher ein Bonaparte, wenn Glück, Talent und gelegenheit ihn wie diesen begünstigen möchten, und die ewige Barmherzigkeit zwei solcher Zuchtruten, so schnell auf einander folgend, auf die kaum befreit aufatmende Welt herabsenden wollen könnte.

Die blutigen Gräuel wilder Anarchie, welche zur Zeit des Terrorismus unter Marat, Robespierre, und den übrigen Hyänen in Menschengestalt das unselige Frankreich verwüsteten, sind, wie er behauptet, hier durchaus undenkbar; denn, spricht er, in Paris ging die Revolution vom Pöbel aus, hier wird sie von der Armee ausgehen; aber zu seinem eigenen Verderben wird er erfahren, in welchen ungeheuern Irrtum er verfallen ist. Zwar unterlässt er nichts, was dazu dienen kann, den Soldaten gegen seinen Oberherrn zu erbittern; wir folgen ihm auf jedem seiner Schritte, und es entgeht uns nicht, wie er mit unmenschlicher Härte, oft sogar schreiend ungerecht, leichte militairische Vergehungen bestraft, und dann es heuchelnd bedauert, durch expressen Befehl von höchster Hand zu so unbilliger Strenge gezwungen zu sein. Doch es wird, es kann ihm nie gelingen; der russische Soldat ehrt Gott wie seinen Kaiser, und seinen Kaiser wie Gott; in dem rohen aber treuen Sinne dieser einfachen unverbildeten Gemüter, schmilzt der Begriff von Beiden in Eins zusammen.

Sobald Pestel und seine Genossen irgend eine Äusserung wagen, die mit dem natürlichen Pflichtgefühle des gemeinen Soldaten nicht ganz vereinbar ist, frägt dieser gleich: ist das aber nicht gegen unsern Eid? und weiss der Kaiser darum?

Einige Stunden waren in diesem, für beide Teilnehmer gleich interessantem gespräche unbemerkt vergangen; denn dass Fürst Andreas nicht immer allein das Wort führte, und über vieles weitläuftiger sich verbreitete, was hier enge zusammen gedrängt erscheint, bedarf wohl kaum erwähnt zu werden. Mitternacht war vorüber, die unvergleichlich schöne kurze Sommernacht des hohen Nordens begann schon dem Tage zu weichen. heller und immer heller flammte es im Osten auf, den nahen Aufgang der Sonne verkündend, als endlich Richard mit sehr erleichtertem Gemüte von seinem hohen väterlichen Freunde Abschied nahm.

Sein Weg führte an dem Hotel des Grafen Stephan ihn vorüber, den er, auf mancherlei Weise daran verhindert, seit längerer Zeit nicht gesehen. Tiefe nächtliche Stille deckte noch das grosse Gebäude; für den Abschiedsbesuch, den er hier abzulegen sich vorgenommen, war es jetzt beides, zu spät und zu früh geworden. Er wandte daher