zu beherzigen, fuhr der Fürst halb verlegen, halb missmütig fort: hüte Dich vor Ungeschick und Übereilung, bedenke dass der Verständige geduldig es abwartet, bis durch des himmels Begünstigung und sein eigenes Bemühen die Frucht am Baume gereift ist; nur ein Tor wird vor ihrer gänzlichen entwicklung, gleichsam noch halb in der Blüte, sie herunterreissen wollen. Nur dem vollendeten Tagewerke gebührt der Lohn. Um zu zeitigen, muss man allem was zeitigen soll, Zeit lassen; die Lehre liegt schon in dem Worte allein.
Dem armen Richard wurde es immer ängstlicher und befangener zu Mute; die Worte, die Blicke seines Wohltäters, alles verwirrte ihn. Dass die dunkeln, ihm ganz unverständlichen Reden desselben nur dahin abzwecken sollten, ihn von einem übereilten Geständnisse seines Verhältnisses zu Helena abzuhalten, das kam ihm, der noch nie daran gedacht hatte, durchaus nicht in den Sinn. Zwar hatte der Fürst durch absichtliches Nichtbemerken, und auch auf andre Weise diesem Verhältnisse gewissermassen seine Zustimmung gegeben, aber es lag in seinem Plane, es zu ignoriren, während er es duldete, und Richards seltsames Benehmen hatte ihn wirklich eine Erklärung befürchten lassen, die wenigstens für jetzt ihn sehr unangenehm berührt haben würde. Richard aber, in diesem Augenblicke nur von einem einzigen Gedanken erfüllt, legte den geheimnissvollen Warnungen seines Beschützers eine Deutung unter, deren Grässlichkeit ihn mit Angst und Schauer ergriff. Und so standen beide einige Sekunden lang im seltsamsten gegenseitigen Missverstehen einander schweigend gegenüber.
Richard hielt es nicht länger aus. Ausser sich, bebend, als gelte es die ewige Seligkeit, warf er, zum erstenmale in seinem Leben, sich dem Fürsten zu Füssen, und umfasste dessen Kniee.
Was soll das? rief dieser heftig, indem er zürnend zurücktrat: Komödie wirst Du doch mit mir nicht spielen wollen?
Eine verneinende Bewegung, ein flehendes Aufblicken zu ihm, waren die einzige Antwort, welche Richard aufzubringen vermochte.
Mein Sohn, sprach der Fürst in etwas ruhigerer Fassung, nochmals warne ich Dich, hüte Dich vor Unbesonnenheiten, denn es gibt Dinge, die ich mit dem besten Willen selbst Dir nicht ungeahndet hingehen lassen darf. Ich fordre nochmals Dich auf, dieses nie zu vergessen. Und nun entdecke mir, was so schwer auf Deinem Herzen zu lasten scheint, wenn Du nach dieser sehr ernst gemeinten Warnung überzeugt bist, es zu dürfen. Aber nicht so: setzte er hinzu, indem er des noch immer vor ihm knieenden Richard Arm ergriff: mir gegenüber, Auge in Auge, wie es zwischen freien Männern sich gebührt.
Mitleid! Erbarmen! Rettung erflehe ich; nicht für mich! aus mir werde was mein Schicksal will; rief Richard, kaum seiner selbst mächtig, indem er von den Knieen sich erhob: für Sie, mein Beschützer, mein Wohltäter, mein Vater, Rettung für Sie, für die Ihrigen, für Millionen Menschen, für unser grosses heiliges Vaterland.
Ich verstehe nicht was Du meinst, erwiderte voll Erstaunen der Fürst.
Hier auf dieser Stelle möchte ich mein Herzblut vergiessen, allem entsagen, was mir auf Erden am teuersten ist, wüsste ich dadurch Sie zu bewegen, auf mein Flehen zu hören: fuhr Richard aus vollem überströmenden Herzen fort. Ein unaussprechliches vorahnendes Gefühl verfolgt mich Tag und Nacht; fürchterliche Angst, die mich so von hier nicht scheiden lassen will, Dankbarkeit, Pflicht, alles treibt mich, und sollte Ihr Zorn darüber ewig mich verfolgen, ich muss flehend Sie beschwören, o treten Sie zurück aus jenem fürchterlich entarteten Bunde! vernichten Sie jene Rotte, deren teuflische Künste Sie und uns Alle zu umgarnen trachten; jene sogenannten Söhne des Vaterlandes, die Tugend und Vaterlandsliebe auf der Zunge, über vom Fürsten der Finsterniss, im tiefsten Abgrunde der Hölle ersonnene Verbrechen brüten; vor allem aber das würdige Werkzeug desselben, jenen gleissnerischen trügerischen Buben – –
Das wäre es also? das quälte Dich, und darüber, glaubst Du, könnte ich Dir zürnen? Nein, wahrlich, auf diese Entdeckung mich vorzubereiten, bedurfte es so grosser Umwege nicht; unterbrach ihn sehr freundlich der sichtbar erleichterte Fürst. Guter, redlicher Mensch, wie könnte ich Deine Absicht verkennen? komme nur wieder zu Dir selbst, fasse, beruhige Dich, und Du sollst erfahren, wie überflüssig Deine grosse sorge war. Dass ich Dir immer Vertrauen schenkte, so viel Deine grosse Jugend und Deine Stellung im Leben dieses erlaubten, habe ich Dir oft mit der Tat bewiesen. Von diesem Augenblicke an verlasse ich mich auf Dich, wie auf mich selbst, und Du sollst alles erfahren; doch lass uns das Wichtige mit geziemender Ruhe behandeln.
Was Du verlangst, ist grösstenteils vollbracht: fing der Fürst mit dem väterlichen Ausdrucke innigen Wohlwollens an, als Richard von jener gewaltsamen Aufregung sich völlig erholt hatte. Der Bund, den Du mit grossem Rechte entartet nennst, zerstiebt einstweilen in sich selbst, und seine förmliche Auflösung, die doch nicht ganz unbemerkt vorüber gehen möchte, wird dadurch überflüssig. Gleich nach jener letzten grossen Versammlung, die wohl keiner jemals vergessen wird, der ihr beiwohnte, hat eine ziemlich bedeutende Anzahl der Verbündeten vor dem Rate der Alten den Wunsch um Entlassung aus demselben erklärt; ohne Zögern ward er jedem mit der Versicherung gewährt, dass der Bund ohnehin als völlig aufgelöset zu betrachten sei. Zwar haben wir schon früher denen, die in ihrem Eifer etwas lauer zu werden schienen, das Nämliche aus Vorsicht gesagt, doch diesesmal verhält es sich wirklich so; der Bund