beinahe wie ein Wunder. Fürst Andreas sass an seinem Schreibtische, als Richard zu ihm hinein trat. Sorgsam vorbereitet, als gälte es einem geliebten, eine lange, nicht ganz gefahrlose Reise antretenden Sohne, und nicht dem armen namenlosen Fremdlinge, der weiter keine Ansprüche an ihn hatte, als die er gütig ihm gewähren wollte, lag alles ausgebreitet vor ihm, was zur Annehmlichkeit und Sicherheit von Richards Reise bis an die fernste Grenze des kolossalen Kaiserreiches beitragen konnte: Kreditbriefe, Reiseroute, Empfehlungen an die bedeutendsten Bewohner und an die Behörden der Orte, durch welche sein Weg ihn führen musste. Daneben lag das Tagebuch, welches der Fürst vor mehreren Jahren auf dieser nämlichen Reise eigenhändig und sorgfältig niedergeschrieben hatte.
Richard fand bei diesem väterlichen Empfange keine Worte, um sein dankbares Gefühl laut werden zu lassen. Doch nicht dieses allein war es, was Atem und Sprache ihm benahm, noch viel Andres erfüllte bis zum Überfliessen sein Herz. Er wollte zum stummen Beweise seines Dankes wenigstens die Hand seines Wohltäters an seine Lippen drücken, der edle Fürst zog in väterlicher Umarmung ihn in seine arme, an seine Brust, und Richard brach in Tränen aus; er konnte nicht anders, es war zu viel für das ihn überwältigende Gefühl.
Der Fürst war weit davon entfernt, diesen Ausbruch seines Gefühls dem augenscheinlich Tiefbewegten verargen zu wollen, aber doch hielt er es für geraten, ihn nicht zu bemerken, um nicht in die nächste Veranlassung zu demselben eindringen zu müssen, welche er dem ihm nicht unbekannt gebliebenen Abschiedsbesuche bei Helenen zuschrieb.
Schonend wollte er ihm Zeit lassen sich zu fassen, und nahm deshalb sein Tagebuch zur Hand, aus welchem er einiges wohl zu Beherzigende ihm mitteilte. Er sprach viel von den Sitten und Gebräuchen der Völker, mit denen Richard unterwegs in Berührung kommen würde, priess die erfreulichen Fortschritte der Kultur in Georgien, seit dieses Volk beim Anfange dieses Jahrhunderts, unter dem Kaiser Paul, sich freiwillig dem russischen Scepter unterworfen, vergass aber auch nicht die wilden Horden der Tschetschen und Tscherkessen zu erwähnen, die zu grossen Räuberbanden vereint, oft gleich einem Heuschreckenheere das Land überfallen und den Reisenden gefährlich werden.
Dann kam er auf die Behandlung des Landbaues, dessen Verbesserung unter diesem günstigen Himmelsstriche, in diesem üppig fruchtbaren Boden, seiner Behauptung zufolge, noch Vieles zu wünschen übrig lässt; zuletzt erwähnte er das dortige Fabrikwesen, die Stoffe in Gold, Silber und Seide, die köstlichen Shawls, die reichen Teppiche jener Länder. Hier befand sich der gute Fürst in seinem Elemente, fröhlichen Mutes schwang er sich auf sein Lieblings-Stekkenpferd, und tummelte sich eine gute Weile zwischen Plänen und Ideen zur Vervollkommnung jener Fabrikate und Erleichterung der Verbreitung derselben durch den Handel, ganz lustig herum. Richard hörte, wenigstens scheinbar aufmerksam, ihm zu, als der Fürst, der jetzt ihn ruhiger geworden glaubte, mitten in Aufträgen, die er in Hinsicht auf jene Pläne zum allgemeinen Besten ihm gab, sich selbst plötzlich unterbrach.
Bin ich töricht, rief er, Dich da mit Dingen zu behelligen, die wahrscheinlich ganz ausserhalb des Bereichs Deines Wirkungskreises liegen bleiben werden! Denn das kaukasische Gebirge wirst Du wohl nur von fern erblicken, und die uralte Stadt Tiflis gar nicht, was mir freilich sehr leid tut. Iwans Verwandte kommen vermutlich noch diesseits des Gebirges ihm entgegen, um nach der ihm zu seiner völligen Genesung verordneten Heilquelle von Kislawodsk ihn zu begleiten, die an belebender Kraft freilich ihres Gleichen in der Welt nicht hat. Auch Dir möchte der Gebrauch dieses wunderbaren Wassers ebenfalls sehr heilsam sein, aber es wird Dir an Zeit dazu mangeln; Du darfst Deinen, ohnehin auf ungewöhnlich lange Zeit Dir gewährten Urlaub, in keinem Falle überschreiten, und in jenen Gegenden, auf schlechten, zum teil fast ungebahnten Wegen, kommt man so rasch nicht vorwärts als bei uns. Du hast auch auf die noch schwachen Kräfte Deines Freundes Rücksicht zu nehmen; pflege ihn sorgsam, und fahre ja in jeder Hinsicht fort, ein wachsames Auge auf ihn zu halten. In jeder Hinsicht, Du verstehst mich? in jeder Hinsicht: wiederholte der Fürst, indem er einen ganz eignen Nachdruck auf diese Worte legte. Und nun lass uns beim Abschiede uns kurz fassen, ich liebe keinen langen, setzte er sehr mild, fast weich werdend hinzu; geh' jetzt, mein Sohn, kehre mit neugestärkter Lebenskraft zur rechten Zeit in Deine Heimat zurück. Gehe, wiederholte er sich abwendend, mit einer verabschiedenden Bewegung der Hand, als er bemerkte, dass Richard in augenscheinlich höchst leidenschaftlicher Aufregung stehen blieb.
Der Fürst blickte sehr ernst, wenn gleich nicht zürnend ihn an; es herrschte in dem ziemlich geräumigen Zimmer eine Stille, man hätte den Fall einer Stecknadel hören können, und Richard stand noch immer lautlos und unbeweglich.
Hast Du noch etwas auf dem Herzen, mein Sohn? fragte endlich Fürst Andreas; dass Du mir vertrauen darfst, weisst Du, doch ermahne ich Dich, Eines wohl in Überlegung zu ziehen, ehe Du den Gedanken laut werden lässest, der noch in Unentschiedenheit auf Deinen Lippen zu schweben scheint; bedenke wohl, dass das einmal ausgesprochene Wort kein Gott wieder zurückruft, es ungehört zu machen liegt ausser dem Gebiete der Möglichkeit; und doch gibt es Dinge, die weder Dir auszusprechen, noch mir anzuhören, für jetzt wenigstens durchaus noch nicht ziemen will.
In steigender, mit sich selbst ringender Spannung, stand Richard noch immer schweigend da.
Noch eines empfehle ich Dir wohl