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zu einem zweiten Besuche i h n zu veranlassen; er nahm Platz neben des ganz regungslos daliegenden Iwans Lager, und beobachtete ihn schweigend mit angestrengtester Aufmerksamkeit, während Eugen und Richard, hinter ihm stehend, sich ziemlich leise mit einander im Gespräch unterhielten.

Eugen sprach von einem merkwürdigen Naturereignisse, das sich vor kurzem in der Umgegend von Tiflis begeben. Tiflis? rief plötzlich der Leibarzt: Tiflis? wiederholte er: sprachen Sie nicht von der Stadt Tiflis, am Kaukasus? fragte er fast überlaut, und Eugen wiederholte umständlich, was er so eben seinem Freunde erzählt hatte.

Dass Iwan, der bis dahin wie versteinert dagelegen, bei Nennung jenes Namens wie von einem elektrischen Schlage getroffen, zusammen fuhr, was weder Eugen noch Richard gewahr worden waren, war dem geübten Blicke des trefflichen Arztes nicht entgangen.

Ein merkwürdiges Ereigniss gleich diesem, nahm er jetzt laut und deutlich das Wort, wäre schon an und für sich hinreichend, es jedem eifrigen Freunde der natur ewig bedauern zu lassen, dass jenes schöne Land uns so fern liegt! Die Reise dortin ist überdem mit so grossen und vielen Schwierigkeiten verknüpft, dass sie nur wenigen, von Umständen besonders Begünstigten, möglich werden kann. Wenig Himmelsstriche sind von der natur so reich ausgestattet als der Kaukasus, besonders aber die Umgebungen von Tiflis. Jahrelang, mit täglich erneutem Interesse könnte man im eifrigsten Naturstudium dort verweilen. Die siedendheiss den Felsen entsprudelnden Heilquellen stehen keinen in der Welt an Wirksamkeit nach. Ich selbst habe das kaukasische Gebirge zwar nur aus der Ferne, und Tiflis leider gar nicht gesehen, als ich auf Befehl unsers Kaisers, die noch viel zu wenig gekannten Gesundbrunnen bei Konstantinogorsk, besonders den Sauerbrunnen von Kislawodsk untersuchen musste; letzteren könnte man füglich die Quelle ewiger Jugendkraft nennen.

Doch schon um Kislawodsk herum, gleicht das Land den Beschreibungen der paradiesischen wohnung unsrer ersten Eltern, fuhr der Arzt in lebhafter Begeisterung fort; wie schön mag es erst jenseits des Gebirges, um Tiflis herum sein. Bei einem Kunstfreunde sah ich vor einigen Tagen mehrere, von dem seit einigen Jahren dort wohnenden berühmten Maler, Karl von Kügelgen, der natur treu nachgebildete Landschaften, und konnte mich kaum wieder davon los machen. Der Kaukasus gleicht weder den Schweizer Alpen, noch dem schottischen Hochgebirge, alles ist anders, aber nicht minder herrlich. Ein eigner Charakter, im wundervollsten Wechsel nordischer Erhabenheit und südlicher Üppigkeit, zeichnet jene Gegenden vor allen Andern aus.

Sogar Eugen und Richard wurden jetzt zu ihrem höchsten Erstaunen gewahr, welche fast magische Gewalt die Rede des Arztes auf Iwan übte. Der Starrkrampf, der so lange ihn gefesselt gehalten, wurde wie durch einen Zauberspruch plötzlich gelöst, die Züge seines Gesichts gewannen wieder Farbe, Leben und Ausdruck, seine Brust hob sich leichter atmend, wie neu beseelt. Tagelang hatte er regungslos wie eine Leiche dagelegen, und jetzt vermochte er sogar mit eigner Kraft sich im Bette aufzurichten, und als der Arzt den Maler Kügelgen erwähnte, zog er eine kleine unscheinbare Mappe hervor, die er unbemerkt bei sich verborgen gehalten, und benetzte sie mit einem Strom von Tränen, den ersten vielleicht, die er seit seiner Kindheit geweint.

Das Übel, das mit verzehrender Gewalt ihn befallen, war jetzt nicht mehr zu verkennen; eben jene kleine unscheinbare Mappe hatte den Ausbruch desselben veranlasst, oder doch wenigstens beschleunigt. Lange hatte sie unbeachtet, sogar vergessen, unter andern Papieren begraben, in Iwans Schreibtisch gelegen, als dieser während Richards Abwesenheit auf den Einfall kam, hier einmal Ordnung stiften zu wollen. Die Mappe fiel ihm in die hände; ohne deutlich sich zu erinnern, was sie entielt, öffnete er sie, und umgeben von Gärten und Bäumen, von hohen majestätischen Felsengruppen umfriedet, lag das ländliche Haus seines Vaters vor ihm. Karl von Kügelgens Meisterhand, der jetzt schon ebenfalls, fern von seinem gemordeten Zwillings-Bruder den langen Schlaf schläft, hatte vor vielen Jahren, skizzenartig, aber geistreich und treu, diese Zeichnung entworfen, und bei seinem Abschiede von Iwans gastfreien Eltern, sie ihnen zum Andenken hinterlassen. In der Staffage des Vordergrundes waren sogar einige Figuren angebracht, denen im leichtesten Umriss unverkennbare Ähnlichkeit mit Iwans Eltern und Geschwistern aufgedrückt war.

Heimweh, tief und verborgen an den Grundfesten seines Lebens nagendes Heimweh ergriff hyänenartig bei diesem Anblicke den Sohn des Gebirges, und überwältigte den kaum Genesenden völlig. Er musste diesem wunderbaren, in tausend verwirrenden Gestaltungen sich zeigenden Übel geistig und körperlich erliegen, das nur in bleibendem Wahnsinne oder im tod enden kann, wäre es nicht noch zur rechten Zeit erkannt worden, um das einzige Mittel das davon heilen kann anzuwenden, welches aber auch in seiner wirkung nie täuscht: Wiedersehn!

Schnell, kräftig, ohne Säumen, mussten jetzt alle Anstalten getroffen werden, den Unglücklichen zu retten, und durch die gesicherte Hoffnung baldiger Rückreise in sein Vaterland ihn vor einem Rückfalle zu bewahren, der ihn völlig dem Untergange zugeführt haben würde. Der kaiserliche Leibarzt stellte ihm ein zeugnis aus, mit dessen hülfe es dem Fürsten Andreas gelang, ihm zu Wiederherstellung seiner Gesundheit Urlaub auf unbestimmte Zeit zur Rückkehr in sein Vaterland auszuwirken. Während dessen wurden die besten Massregeln getroffen, um Iwans Anverwandte von seinem Zustande und seiner baldigen Ankunft zu benachrichtigen; was allerdings in jenen fernen oft unruhigen Gegenden nicht so leicht auszuführen ist als bei uns, wo Herr von Nagler Postillionen und Postpferden Flügel anzusetzen weiss.

Zuletzt musste auch Richard sich entschliessen den Freund, für den er schon so viel getan und