erschien. Du Karoline, fuhr er fort, bist ein treues Herz und ohne Falsch, Du allein, und nur an Dich allein will ich mich halten, und an Dich glauben, und sonst an keinen Andern. Tu' mir nur noch den einzigen Gefallen und stirb mir nicht, so lange ich noch lebe; hernach magst Du es halten wie Du willst. Ohne Dich könnte ich ja nimmermehr zurecht kommen, mir müsste ja sein, als wäre die liebe Sonne vom Himmel gefallen.
Helle Tränen rollten bei diesen Worten ihm über die Wangen; Frau Karoline drückte schweigend ihr Gesicht in ihr Taschentuch; Eugen war durch das seltsame Wesen des Kleinen zu bewegt, um ein Wort aufbringen zu können.
Wie haben wir das Kind geliebt! fing der Kapellmeister nach einer kleinen Weile wieder an; auf Händen getragen haben wir sie. Und sie konnte uns schmeicheln, uns schön tun, und viele Monate lang Trug und Verrat im Herzen hegen! Ja, das konnte sie, ein kaum neunzehnjähriges geschöpf, noch halb ein Kind! Nie werde ich darüber getröstet werden, das kann ich nie vergessen noch verwinden. Denn es ist mir nicht um Julien allein. Es ist mir weit mehr darum, dass so etwas wirklich geschehen, dass der Mensch so schlecht werden kann. Das ist es, was Mut, Vertrauen und alle Lust am Leben in mir vernichtet; klagte er mit rührender Beredsamkeit, die an ihm, der sonst fast nur in Tönen sprechen konnte, höchst seltsam auffiel.
Alle drei sassen schweigend da. Ich habe keinen Bruder, nie einen gehabt, sprach Lange dann weiter; aber hätte ich einen, und wäre er mein Zwillingsbruder, der mit mir zugleich unter dem Herzen meiner Mutter geruht, und hätte ich zeitlebens nichts anderes getan, als für diesen Bruder gesorgt, und er ginge nun in einer bösen dunkeln Stunde hin, und raubte mir Alles, so dass mir nichts übrig bliebe, als das kahle Leben, und die Luft, die ich einatme, – ich weiss gewiss, ich fände noch etwas aus, das ihn entschuldigte. Not hat ihn getrieben, mein Bruder wusste nicht was er tat, in einem unbewachten Augenblicke ist der Teufel in sein Herz eingezogen, würde ich sagen und auch denken. Aber diesen fein ausgesonnenen Plan Wochen, ja Monate lang mit sich herumtragen, täglich, stündlich uns heuchelnd betrügen, und dabei aussehen wie das Bild der Unschuld, – das kann die ewige Barmherzigkeit selbst nicht vergeben, und der Gedanke, wie schlecht es der Unglücklichen vielleicht in dieser Stunde schon ergehen mag, peinigt mich alten Narren weit mehr, als es für mich anständig wäre.
Eugen wollte jetzt ein paar begütigende Worte einzuschieben versuchen, er nannte Torson, aber der Kapellmeister fuhr darüber sehr heftig auf.
Das ist ja eben der zweite Name, den ich nie wieder zu hören wünsche, mein Fürst! rief er mit zornblitzenden Augen; der ist es ja eben, und doch darf man kaum ihn anklagen, denn gegen seine Mitschuldige gehalten, steht er rein und klar, wie ein Engel des Lichts da; seine Schuld wird, verglichen mit der ihrigen, winzig klein. Wahr ist es, er hat mich betrogen; aber warum liess ich mich betrügen, da ich es hindern konnte? Nicht er, meine Blindheit, und dass ich zu feig war die Augen aufzutun und um mich zu schauen, tragen die Schuld. Wenn jene Verlorne unglücklich wird, wer gab die erste Veranlassung dazu? ich selbst! und das ist ein Wurm mehr, der mir am Gewissen nagt. Ich hätte jenen verkappten Satan entlarven, ihn durchschauen müssen; ich war gewarnt durch meine Hausfrau, die immer zehnmal so gescheit ist als ich; aber weise Worte verhallen unbeachtet in einem törichten Ohr.
Weise Worte! meine Weisheit! rief Frau Karoline bitter lachend; meine eitle Einbildung war es, die mich abhielt, Dir alles weit dringender vorzustellen. Gebrechlichkeit, Dein Nam' ist Weib! ich habe dem Prinzen Hamlet diesen ungezogenen Ausspruch immer sehr übel genommen, doch diesesmal muss ich ihm beistimmen. Hätte ich nicht alles allein vollbringen wollen, hätte ich nicht in schnöder Sicherheit auf meine Vorsicht gebaut, und gemeint ich wäre – doch was hilft uns das alles jetzt – damals wäre es noch Zeit gewesen Dir die Augen zu öffnen, indem ich Dir alles weit klarer und dringender vorstellte, als ich es leider getan, jetzt ist es zu spät. Julie ist verloren, und der arme unglückliche Iwan ebenfalls. Ich hätte beide retten können. Ach! der Übel grösstes ist die Schuld!
Die Bahn war gebrochen; Frau Karoline war, sich selbst unbewusst, wieder in ihre gewohnte Weise geraten, und Eugen erhielt endlich von ihr einen umständlichen Bericht von Juliens Flucht, oder Entführung, wie er lieber es nennen mochte.
Beide, Julie und Torson, hatten bis zur letzten Stunde jede Vermutung ihres Vorhabens durch ihr Betragen von sich fern zu halten gewusst. Nur am Abende des letzten Tages, den sie in dem gastlichen haus zubrachte, klagte Julie über einen leisen Anflug von Migräne, der sie zuweilen unterworfen war. Der Schmerz steigerte sich oft zu einem hohen Grade, hielt aber nie lange genug an, um ernstliche Besorgniss zu erregen. Frau Karoline riet ihr, sich gleich zur Ruhe zu begeben, wie sie in solchen Fällen immer tat, half ihr sich unbemerkt aus der Gesellschaft zu entfernen, in welcher auch Iwan und Lunin gegenwärtig waren