aufzubringen, wie versteinert da.
Nun, Sally, Liebste, was sagst Du dazu? fragte Master Wood, als er mit dem Briefe fertig war. Sally erwiderte keine Sylbe. Nun? fragte er nochmals und bückte sich, um in das abgewendete Gesicht ihr zu sehen. Sally sprang auf, trocknete mit konvulsivischer Hast die in Tränen schwimmenden Augen, und sah nach der Uhr.
Noch nicht elf Uhr, Gottlob! sprach sie mit seltsam bedrücktem Ton: im Postause sind sie noch wach, auch Jemmy kann noch nicht zu Bette sein; ich rufe ihn während Du schreibst, und wäre er schon eingeschlafen, so laufe ich selbst mit unsrer Magd die Paar Schritte hinüber. schreibe nur geschwind, guter Mann; um Nein zu sagen, brauchts nicht vieler Worte. Damit wollte sie zur tür hinaus.
Misstress Wood! Sally! wo willst Du hin? rief der erschrockne Gatte.
Ich sagte es ja schon, war die entschlossene Antwort: zur Post will ich, das Pferd, die Stafette bestellen; es ist die höchste Zeit, wir haben keinen Augenblick zu verlieren, die Stafette muss gleich fort, mit Sonnenaufgang wäre es schon zu spät; so steht es ja in dem unglücklichen Briefe.
Aber Misstress Wood, aber Sally, aber teures Weib, aber so überlege, so bedenke doch nur! stotterte Master Wood in grosser Angst, hielt aber doch die sich heftig sträubende Frau von der tür entfernt.
Bedenken? rief sie: gibt es da noch etwas zu bedenken? Ihre weit geöffneten Augen wurden vor Schrecken starr, wie die einer Leiche, indem sie ihm jetzt ins Gesicht sah; heftig schlug sie die hände über ihrem haupt zusammen. Wood! Mann! Vater! rief sie völlig ausser sich: wie! wäre es möglich? Du wolltest? Du könntest über das Herz es bringen? meinen Richard! meinen süssen Liebling, meinen armen Knaben, weit weg von Alt-England, zu Kannibalen, in das wilde Kosakenland, zu Heiden, zu Mohamedanern oder gar zu Papisten! Nein, nein, nein; nicht nur ich die Mutter, nein, auch Dein eigenes Gewissen kann nimmermehr eine solche Tat zugeben. Aber es ist nicht Dein Ernst, Du scherzest, aber das solltest Du so nicht mit mir, Du weisst wie schwach und furchtsam ich bin, setzte sie mit erzwungener Gelassenheit hinzu, und ein ängstliches Lächeln glitt über ihre verstörten Züge.
Wood war indessen doch zu einiger Fassung gelangt. Schmeichelnd, bittend, sie liebkosend, zog er die arme Mutter aufs Sopha und hielt sie dort fest, indem er durch Zureden und Vernunftgründe sie zu beschwichtigen suchte. Fürs erste bemühte er sich, ihr Vorurteil gegen Russland und dessen Bewohner zu bekämpfen, dann setzte er alle Vorteile des an sie beide ergangenen Vorschlages auf das weitläuftigste ihr auseinander. Er wollte mit hülfe ihres wirklich sehr gesunden Verstandes ihr Mutterherz übertäuben; es gelang ihm nicht; in allem was er vorbrachte, hörte und verstand sie nur, dass er Willens sei ihr Kind aus ihren Armen zu reissen, um es nach einem fernen wilden land, zu fremden Leuten zu schicken.
Angst und Schmerz überwältigten endlich ihre physische Kraft. Fürchterlich aufkreischend glitt sie, ehe ihr Mann sich dessen versah, aus seinen Armen auf den Fussboden hin; dort lag sie zu seinen Füssen, konvulsivisch schluchzend, grässlich lachend, das Gesicht bis zum unkenntlichen durch fürchterliche Zuckungen entstellt, in einem jener hysterischen Anfälle, denen bei heftigen Gemütsbewegungen die Engländerinnen weit mehr und häufiger, als andre Frauen unterworfen sind.
Dem ehrlichen Wood geschähe himmelschreiendes Unrecht, wenn man ihn hier teilnahmloser Gleichgültigkeit beschuldigen wollte. Im Gegenteil versuchte er alles Erdenkliche, um den traurigen Zustand seiner Frau zu mildern, und als keines der sonst in solchen Fällen gewöhnlichen Hausmittel anschlagen wollte, lief er selbst den Apoteker aus dem Bette zu holen, der überall beim Mittelstande in England die Stelle eines Arztes vertritt.
Aber auch die stärksten Mittel, welche der Stiefsohn Äskulaps anwandte, versagten diesmal ihre wirkung. Die nächtlichen Stunden vergingen, ohne dass die Leidende zu völligem Bewusstsein gelangte. Und als endlich der Tag darüber anbrach, während der Apoteker den besorgten Ehemann fortwährend durch Versicherungen des völlig gefahrlosen Zustandes seiner Frau zu beruhigen suchte, da, es lässt sich nicht abläugnen, da überkam den guten Master Wood doch eine Art innerer Zufriedenheit darüber, jedes weiteren Kampfes mit seiner Sally durch diesen Zufall überhoben zu sein.
Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als Misstress Wood aus todtenähnlichem Schlummer erwachte. Das Geläute der nahen Kirche rief die Gemeine zum Gottesdienst, und tanzende Sonnenstäubchen spielten in dem, durch eine Öffnung der Gardinen, auf ihr Bette schräg hinfallenden Sonnenstrahle; es war elf Uhr.
Zu spät, zu spät! rief die arme Frau, und ein Strom von Tränen machte ihrem verzweifelnden Gefühle Luft, indem er sie wahrscheinlich zugleich vor einem neuen Anfalle von Krämpfen bewahrte.
Das Ende von diesem Allen ist leicht abzusehen. Ungeachtet des tapfersten, bis zu der verhängnissvollen Mittwoche fortgesetzten Widerstandes, musste Misstress Wood sich doch dem Willen ihres Herrn und Gebieters endlich ergeben. Freilich hatte auch er mit dem eignen Vaterherzen einigen Kampf zu bestehen; der hübsche muntre Richard war sein und des ganzen Hauses Liebling; doch mit Eigennutz verknüpfte Rücksichten bilden eine Kette, deren Glieder alle auf das engste ineinander greifen, und die in allen Ständen das gesellige Leben in allen seinen Nüancen durchzieht und umschlingt.
Eines entsteht aus dem Andern; dem Petersburger Banquier Gross