1837_Schopenhauer_092_59.txt

unser Unglück und auch uns selbst besser verstehen, und treten wieder in die allgemeine Bahn des Lebens ein, von der man ohne Gefahr nie abweichen darf.

Das Geschick des Einzelnen verschwindet in dem gewaltigen Lebensstrome, der das kolossale Petersburg durchbrauset, wie der einzelne Regentropfen in den Wellen der Newa sich verliert; und so war denn auch erst an diesem nämlichen Tage, und nur durch Zufall, die Kunde von Iwans lebensgefährlichem Zustande durch des Kapellmeisters selbst gewählte Abgeschiedenheit von der Aussenwelt bis zu diesem durchgedrungen. Ein dumpfes Gerücht liess sogar Iwans Tod befürchten, und die gutmütigen Menschen hatten sogleich ihren treuesten Diener um Nachricht von dem Leben oder tod des Jünglings ausgesandt, den über ihren eigenen Schmerz so ganz vernachlässiget zu haben, sie jetzt sehr bereueten. Treuer, umständlicher, als Jegor diese bringen konnte, hofften sie jetzt von Eugen sie zu erhalten.

Nicht ganz unbefangen, suchte Eugen, aus leicht zu erratendem grund, über den ersten Ausbruch von Iwans Krankheit so schnell als möglich hinwegzueilen, und erwähnte nur, dass sein Brudex Alex und Richard, in todtenähnlicher Betäubung, von der er auf der Strasse plötzlich befallen worden wäre, ihn in seine wohnung gebracht hätten.

Mehrere Stunden vergingen, ehe er aus tiefer Ohnmacht erwachte, fuhr Eugen sehr bewegt fort: doch welch ein Erwachen war das! so mag dereinst am Tage des Weltgerichts das Erwachen des zu ewigen Höllenqualen verdammten Sünders sein. In wilder, nur gewaltsam zu bändigender Raserei, kämpfte der Unglückliche mit den grässlichsten Greuelbildern seiner Phantasie! und zehn ganze Tage, zehn endlose Nächte hindurch, hat keine Minute Schlaf, kein einziger heller Augenblick, sein gränzenloses Leiden unterbrochen! Die sorge für die Pflege des Armen blieb Richard allein überlassen; ich und mein Bruder waren durch anderweitige Pflicht zu ernstlich in Anspruch genommen, um sie mit ihm teilen zu können, und so durfte er Tag und Nacht von Iwans Seite nicht weichen. Auch nur für eine Stunde ihn Fremden zu übergeben, durfte Richard nicht wagen, denn wie leicht konnten Iwans wilde unzusammenhängende Reden – – Eugen stockte hier in sichtlicher Verwirrung, fuhr aber nach kurzem Besinnen wieder fort: wie leicht, wollte ich sagen, kann bei der Pflege Gemütskranker dieser Art die kleinste Vernachlässigung die traurigsten Folgen nach sich ziehen! In welchem Zustande aber unser Freund Richard sich jetzt befindet, wie abgespannt, wie an allen Kräften erschöpft, mögen Sie selbst ermessen.

Und Iwan! hoffen Sie wirklich? wird er genesen? wird er leben? fragten beide zugleich, Lange und seine Frau.

Die Jugendkraft unterliegt endlich, die in seiner Qual unerschöpflich schien, erwiderte Eugen. Iwan schläft, tief und fest.

Er ist tot? rief der Kapellmeister.

Er schläft, war die sehr gemessene Antwort Eugens: er schläft, und der treuste aller Freunde, beinahe nicht minder Ruhe bedürfend als der Kranke, sitzt neben seinem Lager und bewacht seine Atemzüge. Der eilfte Tag ist heute, nach dem Ausspruche des Arztes, der entscheidende über Leben und Tod. Iwans ruhiger Schlaf gibt uns einige, wenn gleich schwache Hoffnung. Mit dieser Nachricht schickt mich Richard zu Ihnen, und wünscht zugleich zu erfahren ob Julie um Iwans traurigen Zustand weiss, und wie sie – –

Halt! halt! halt! nur den Namen und noch Einen nicht! schrie der Kapellmeister, und hielt in zitternder Hast beide Ohren sich zu.

Und Sie wüssten nicht? Sie und auch Richard wüssten wirklich nicht, welche unerhörte Schändlichkeit, welcher Verrat an Allem, was dem Menschen heilig sein muss, den armen Iwan rasend machte, ihn vernichtete? rief zu gleicher Zeit Frau Karoline in ungewöhnlicher Heftigkeit.

Eugen erbleichte über die Auslegung dieser Worte, die wider seinen Willen sich ihm aufdrängte. Unmöglich konnte Iwans Krankheit, die überdem erst vor einigen Stunden ihnen bekannt geworden war, die einzige Veranlassung des tiefen Schmerzes sein, der in dem ganzen Wesen dieser beiden sich aussprach, und noch weniger der völligen Zurückgezogenheit, in der sie seit mehreren Tagen ganz gegen ihre sonstige Weise lebten. Das bedachte er erst jetzt; auch wie sie mit Herz und Seele ihren Kaiser verehrten, wie sie auf Leben und Tod, in unverbrüchlicher Treue ihm ergeben waren, und hell und deutlich leuchtete der furchtbare Gedanke in ihm auf, sie wissen um das geheimnis jener Nacht, in welcher Iwans Krankheit ausbrach, und Torson, der jetzt sich nirgends finden lässt, hat es ihnen verraten. Regungslos, fassungslos, stand Eugen wie versteinert da, und wusste nicht wohin er die Blicke wenden sollte.

Julie ist nicht mehr bei unsauch seit zehn Tagenuns verlassenmit Torson entflohnheimlich in dunkler Nacht: – brachte Frau Karoline mit abgewandtem Gesicht, in kurzen abgebrochenen Sätzen mühsam hervor.

Gott sei Dank, dass es nichts Schlimmeres ist! hätte Eugen beinahe überlaut gerufen; glücklicher Weise besann er sich noch zu rechter Zeit, und nur ein tief geholter Seufzer, den seine treuherzigen Freunde seiner Teilnahme an ihrem Kummer zuschrieben, half ihm die bange sorge abschütteln, die ihn eben um Fassung und Besinnung bringen wollte.

Wer mag es mir verdenken, dass die Gesellschaft und das Leben in ihr, und die sogenannten guten Freunde, und alle die freundlichen Leute um mich her seit dieser Erfahrung mir so widrig ekelhaft vorkommen, dass ich von dem allen nichts mehr hören noch sehen mag? nahm jetzt Lange mit dem Ausdrucke der tiefsten innersten Trauer das Wort, der an dem sonst immer heitern, freundlichen mann nur um so rührender