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, er hörte nicht darauf.

Eure wohlgesetzten Reden, Eure trefflichen Statuten, Euere herrlichen Pläne für das allgemeine Wohl des Vaterlandes, führen sie zum Ersinnen solcher Taten? – fuhr Iwan fort: – nun so bleibt von heute an Euer Rat fern von meiner Seele, ich trete aus eurer Gemeinschaft hinaus, und scheide auf immer von Euch! Wollt Ihr vorher nicht Rat halten, ob es für Eure Sicherheit nicht etwa erforderlich wäre mich hier zu ermorden, ehe ich den Fuss über die Schwelle setze? fragte er mit kalter schneidender Ironie. Tut es, tödtet mich, was liegt mir daran, was noch am Leben? Für eine Nussschale werfe ich es Euch hin. Nur so viel noch: dieser kleine Mord wäre nicht minder überflüssig, als jener grosse es gewesen wäre, und dürfte in seinen Folgen doch unbequem für Euch werden, wenn er entdeckt würde. Ihr habt meinen Eid, den ich nie brechen kann, und hätte ich der Hölle ihn geschworen; schweigen muss ich, ich sei lebend oder tot. Ihr antwortet nicht? Nun so schüttle ich an Eurer tür den Staub von meinen Füssen und gehe nie wiederzukehren. Mögt Ihr indessen Euch nach Bequemlichkeit über mein Leben oder meinen Tod unter Euch beraten.

Iwan wandte sich zum Gehen, Alle traten zurück ihm freie Bahn zu lassen; mit festem Schritte ging er langsam bis zur tür, dort schien er wie von Schwindel ergriffen zu wanken, dann betäubt im Begriff taumelnd zu sinken. Richard und Alex eilten ihm nach, ergriffen noch zur rechten Zeit ihn am arme, und führten ihn hinaus. Trübseliger, als jemals in seinem Leben, lag der gute kleine Kapellmeister Lange auf seinem Sopha; krank war er nicht, glaubte aber es zu sein, und meinte zuweilen sogar die Annäherung des Todes zu fühlen. eigentlich war er nur tief betrübt, und der sonst immer zufrieden glückliche wusste in diesen ihm ganz neuen Zustand sich nicht zu finden. Völlig entmutiget, versagte er allen seinen Freunden den Zutritt, sogar sein Flügel blieb verschlossen, und so fehlte ihm denn Alles, was sonst sein eigentlichstes Leben ausmachte.

Nur seine treue Hausfrau war ihm geblieben; gleich einem tröstenden Engel wich sie ihm fast nie von der Seite, obgleich sie noch schmerzlicher verletzt war, als er selbst. Auch jetzt sass sie, bei der sorgfältig verhüllten Lampe, an ihrem Tischchen neben ihm; um von seinen traurigen Gedanken ihn abzuziehen, hatte sie versucht ihm vorzulesen, schlug aber das Buch wieder zu, als sie gewahr wurde, wie ihre Worte unbeachtet an ihm vorüber glitten.

Ist er gestorben? fragte sie leise, mit zitterndem Tone, als sie die tür hinter sich öffnen hörte, ohne nach dem Eintretenden sich umzusehen.

Er lebt und vielleicht dürfen wir wieder zu hoffen wagen, denn Iwan Yakuchin ist es doch den Sie meinen? antwortete eine weit sonorere stimme als die ihres alten Dieners Jegor war, die sie zu vernehmen erwartete; erschrocken sprang sie von ihrem Sitze auf, und Fürst Eugen stand vor ihr.

Seit zehn Tagen zum erstenmal, ruht der zerrüttete Geist des Armen in tiefem Schlummer von seinen langen Qualen aus; möge diese Nachricht es entschuldigen, dass ich gegen Ihr Verbot mich hier einzudrängen wage: sprach Eugen mit der ihm eignen, ihn so wohl kleidenden Herzlichkeit.

Noch ehe Frau Karoline nur ein Wort antworten konnte, flog ihr Mann mit Blitzesschnelle von seinem Sopha, wie ein Pfeil von der Sehne auf. Die Gegenwart Eugens wirkte auf ihn mit magischer Gewalt, er vergass dass er sterbend sei, suchte in der entferntesten Zimmerecke seine goldbetroddelte Mütze hervor, wo sie seit vielen Tagen völlig unbeachtet geruht hatte, verlor darüber in der Eile einen seiner Pantoffeln von gesticktem Saffian, der weit weg, quer über den Fussboden hingeschleudert wurde, bemerkte jetzt mit einemmal seine sehr vernachlässigte Toilette, fing an sich gewaltig seines Schlafpelzes von astrachanischem Lämmerfelle zu schämen, in welchem sonst kein fremdes Auge ihn erblicken durfte, und kam über dem Allen dermassen ausser Fassung, dass er nicht anders sich zu helfen wusste, als indem er einen gewaltigen Anlauf nahm, mit gleichen Füssen wieder auf das Sopha sprang, und eiligst in der Stellung eines Todtkranken sich darauf hinwarf.

Ungeachtet grosse Tränen noch in ihren Augen perlten, musste Frau Karoline über die Hastigkeit, mit der dieses Alles vollbracht wurde, laut auflachen; Eugen konnte sich nicht entalten ihrem Beispiele zu folgen, und auch der Kapellmeister stimmte zuletzt mit ein, und lachte lauter als die Andern über sein eigenes wunderliches Treiben.

Die Lampe wurde von ihrer Umhüllung befreit, das Zimmer wie gewöhnlich erleuchtet, der Kapellmeister über sein astrachanisches Lämmerfell getröstet, der Befehl, jeden weitern Besuch abzuweisen, der Dienerschaft wiederholt eingeschärft, und in weniger als zehn Minuten sassen die drei Freunde in traulicher, wenn gleich nicht fröhlicher Mitteilung beisammen. Rede und Gegenrede erleichterten ihnen die beklommene Brust, sie fühlten, wie der Mensch nie des Menschen mehr bedarf, als in Trübsal und Schmerz.

Einsamkeit, so wünschenswert sie dem Trauernden auch erscheinen mag, ist alsdann unser grösster Feind: alles ausschliessende Einsamkeit, die keine ist, noch sein kann! denn wer entfloh jemals seinen eigenen düstern Gedanken? In Mitteilung aber geht das Herz uns wieder auf; und wenn auch die Freunde nicht immer begreifen was und wie wir leiden, wenn sie auch durch ungeschicktes Tröstenwollen die Wunde, die sie heilen möchten, vielleicht zu unsanft berühren, so lernen wir doch, indem wir ihm Worte leihen,