hoch aufrichten, wurde aber im nämlichen Augenblicke sein Bild in einem ihm gegenüber angebrachten grossen Spiegel gewahr. Unmässiges Grauen vor seiner eigenen Gestalt überkam ihn, er taumelte, seine Kniee brachen unter ihm zusammen; hätten die, welche ihm am nächsten standen, ihn nicht in ihren Armen aufgefangen, er wäre, wie aufgelöset in allen Gelenken, unfehlbar zu Boden gesunken.
Der Zustand währte indessen wieder nur einige Sekunden. Iwan erholte sich schnell, machte von denen so ihn hielten sich los, und stand frei da, den ernsten fragenden blick auf die gerichtet, von welchen er Antwort erwartete.
Jetzt, da sie vor der Ausführung der Freveltat standen, die Sie kurz vorher, in blinder Wut, unter ungeheuerm Toben gefordert hatten, und nur noch die nähere Anordnung des Vollbringens von ihnen erwartet wurde, regte sich keiner; lautloses Schweigen, überall. Übermannt von geheimem Schrecken, bleich, mit gesenktem Blicke standen sie da, bis einer unter ihnen sich erhob. Es war ein Officier von bedeutendem militärischem Range, dem Namen nach, vielleicht auch von Geburt ein Deutscher, wenigstens von deutscher Abkunft. Mit grosser Geistesgegenwart ergriff er glücklich den einzigen günstigen Augenblick Pesteln zuvorzukommen, um hier, wo bis dahin nur blinder Eifer und die aufgeregteste Leidenschaftlichkeit das Wort geführt hatten, auch die besänftigende stimme der Vernunft laut werden zu lassen; ein Unternehmen, an dessen Ausführung vorhin, bei dem allgemeinen Toben, gar nicht zu denken gewesen wäre.
Allen vernehmbar, umständlich, ohne durch Weitschweifigkeit zu ermüden, bestrebte sich der wohlwollende besonnene Mann das Unwahre der Nachricht, die bis zu diesem Grade sie empören konnte, ihnen klar und deutlich auseinander zu setzen; bewies, mit nicht zu widerlegenden Gründen, die jedem einleuchten mussten, die Unmöglichkeit derselben. Schmucklos, aber eindringlich, von unerkünstelter Überzeugung ihm eingegeben, waren seine Worte; sie entsprangen aus vollem warmem Herzen, und konnten daher den Weg zu den Herzen seiner Zuhörer nicht verfehlen. Auch glätteten viele umdüsterte Stirnen sich wieder, die bleichen Gesichter färbten sich, in manchem abgewendeten Auge blinkte eine heimliche Träne der Reue, und Dank und Beifall wurde dem Redner von allen Seiten laut gezollt.
Ermutiget durch dieses Beispiel, bemächtigte jetzt auch Sergius sich des Worts, ehe der etwas aus der Fassung geratne Obrist Pestel dazu kommen konnte es zu ergreifen. Beide, er und Graf Stephan, hatten zu jenen ersten Stiftern der durchaus harmlosen Gesellschaft gehört, aus welcher später, im Verlaufe der Jahre, der jetzige Bund, unter Pestels Leitung, so ganz verschieden von jenem ersten Anfange sich entwickelt hatte. Auch in dieser umgewandelten Gestalt war Sergius noch immer einer der treuesten und eifrigsten Anhänger desselben geblieben; er bekleidete, wie schon mehrmals erwähnt worden ist, die Stelle eines Secretairs des Bundes, und gehörte als solcher zu den drei Direktoren, den Häuptern des Rates der Alten.
Nachdem Sergius seine vollkommene Übereinstimmung mit den Ansichten seines edlen und geistreichen Vorgängers in den wärmsten Ausdrücken ausgesprochen hatte, erbat er sich die erlaubnis jene Nachricht, die sie alle in nicht genugsam zu bereuende schmerzliche Verwirrung gestürzt habe, auch noch von einer andern Seite zu beleuchten, um auf diese Weise auch die letzte Spur ihrer zu nicht zu berechnendem Unheile führenden Nachwirkung zu vertilgen. Er sagte, er wolle für einen Augenblick das Unglaubliche, ja Unmögliche, als Wahrheit annehmen, und den Fall setzen, der Kaiser habe, wie jener unselige Brief es berichte, den unglücklichen Entschluss sein Volk zu verlassen wirklich gefasst; und ergoss sich dann mit unglaublichem Scharfsinne und anschaulichster klarheit in Beweisen, dass selbst in diesem undenklichen Falle jenes Verbrechen, das er nicht mehr zu nennen wagen möchte, nur die unheilvollsten Folgen nach sich ziehen könne, ohne den eigentlichen Zweck des Bundes der ächten Kinder des Vaterlandes im mindesten zu fördern. Im Gegenteile müsse jede Möglichkeit des Gelingens dadurch auf immer vernichtet werden, aus dem einfachen grund, weil es dem Bunde seiner inneren Einrichtung nach an allen Mitteln fehle, eine solche Untat, würde sie auch glücklich vollbracht, zu benutzen. In den glühendsten Farben schilderte er ihnen nun alle Gräuel der zügellosesten Empörung, die einer solchen Verletzung aller göttlichen und menschlichen gesetz auf dem fuss nachfolgen müsse, indem er zugleich an die dem Königsmorde in Frankreich unmittelbar folgende Schreckenszeit sie erinnerte.
Bin ich noch lebend der Gemeinschaft böser Geister verfallen? oder bin ich noch wirklich unter Menschen? rief plötzlich in heftigem Zorne auffahrend Iwan Yakuchin, nachdem er mit gespanntester Aufmerksamkeit den Reden jener beiden gefolgt war. Ihr Teufel in Menschengestalt, was habe ich Euch getan, dass Ihr mein ehrlich ruhiges Gewissen mir nicht gönnt? dass Ihr mit einem inneren Vorwurfe es belasten musstet, den ich nimmer verwinden kann? Ihr Bösewichte, ihr teuflischen Verführer, habt zuerst durch blendende Höllenkünste mich zu dem grässlichen Vorsatze gebracht, das Verbrechen zu begehen, für welches weder im Himmel noch auf Erden Vergebung ist, denn Kaisermord und Vatermord sind eins; und nun verwerft Ihr selbst als nutzlos, als überflüssig die ungeheuere Tat? Wie nun, wenn Ihr diese Entdeckung später gemacht hättet, nachdem ich vollbracht – – was wäre in dieser und jener Welt aus mir geworden, und kann ich jemals vergessen, dass ich es vollbringen gewollt?
Gleich einer überirdischen Erscheinung, gleich einem Rache heischenden Dämon, stand der zornentflammte Jüngling in seiner gänzlichen Verlassenheit vor ihnen, und keiner hatte das Herz sich ihm tätig entgegenzustellen, oder auch nur ihn mit Ernst zur Ruhe zu verweisen. Einige versuchten mit besänftigenden Worten ihn zu beschwichtigen