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Wartet! rief er, wartet, bis in nächster Woche mein
Regiment die Wachen bezieht! Dann vollbringe Einer unter uns, was zur Rettung Aller vollbracht werden muss. Dazu braucht es nur eines Kopfes, eines Arms, was sollen da viele? Doch welchen unter uns das Geschick zu dieser grossen Tat erkoren hat, das werde hier, und noch in dieser Stunde, durch das los bestimmt, ehe wir für heute aus einander gehen.
Von allen Seiten wurde diesem Vorschlage stürmi
scher Beifall gezollt, der dem langwierigen, immer mehr sich erbitternden Streite ein Ende zu machen versprach. Was man zu dem grausigen Spiele notwendig brauchte, war zur Hand, wenn gleich zu andern Zwecken bestimmt; die Voranstalten dazu waren also in wenigen Minuten bewerkstelligt, die Häupter der Anwesenden gezählt; Sergius, als Secretair des Bundes, brachte die verhängnissvolle Urne herbei, und warf eine gleiche Anzahl weisser Kugeln hinein, nur eine, eine einzige unter diesen, blinkte in rotem trügerischem Goldglanze. Das Geräusch mit welchem jede derselben langsam gezählt und einzeln auf den Boden des Gefässes hinabgelassen wurde, durchschauerte auch die mutigsten Heldenherzen mit innerm Grauen.
Jetzt sollte das Todesloos gezogen werden, doch keine Hand regte sich, um die Ziehung zu beginnen. Von drückender Vorahnung befangen, mit bleichen Gesichtern und hochaufatmender Brust, standen sie Alle wie am Boden festgebannt umher. Keiner von diesen Vielen, die noch vor wenigen Minuten den wildesten Ausbrüchen ungemässigter Leidenschaftlichkeit sich hingaben, wollte hier der Erste sein, kein Einziger von denen, die sonst überall es sein wollten. Auch Pestel suchte noch nach Worten, eindringend genug, um den Bann zu lösen, der sie gefesselt hielt; er selbst konnte nicht der Erste sein, der sein los zog, denn als Präsident des Bundes war die ganz zuletzt auf dem Boden der Urne zurückbleibende Kugel für ihn bestimmt.
Ein ängstlicher, unartikulirt, wie in höchster Todesnot ausgestossener Schrei schreckte alle aus der düstern Versunkenheit auf, die sie befangen hielt; mit alles was ihr im Wege stand vor sich niederwerfender Riesenkraft, drängte sich aus dem Hintergrunde des Saales durch die Reihen der Brüder hindurch, bis dicht vor Pestel hin eine Gestalt, die beim ersten Anblicke Niemand erkannte. Ein Schreckensbild höchster Verzweiflung, mit weit hervorquellenden, blutunterlaufenen starren Augen, mit wild sich sträubendem, verworrenem Haar, mit wie im Todeskampfe konvulsivisch verzerrtem bleichem Gesicht. Er schleuderte mit mächtigem Arm die Urne mit den Kugeln fort, sie fiel zu Boden, die Kugeln rollten im saal umher, und die goldene führte der Zufall dicht zu seinen Füssen hin.
Er raffte unter lautem dämonischen Gelächter sie auf, und hielt hoch über seinem haupt sie der Versammlung entgegen: ein Wunder! jubelte er; ein sichtbares Zeichen von dort Oben – oder vielleicht von dort Unten? – gleichviel, ich bin der Erwählte!
Yakuchin! Iwan Yakuchin! erscholl es von mehreren Seiten. Es war der unglückliche, es war Richards Iwan, den man jetzt an der stimme erkannte.
Richard drängte zu dem Wahnsinnigen sich hin, denn dafür hielt er, und mussten Alle ihn halten, aber ein einziger gewaltiger Stoss warf ihn weit zurück.
Wer sich selbst lieb hat, der rühre mich nicht an, der wage nicht mir zu nahe zu kommen, rief Iwan. Ihr meint, ich sei rasend; ich bin es nicht, aber ich warne Euch dennoch, ich bin gefährlich. Ich kenne Niemand mehr, weder Feind noch Freund, Ihr Alle, die ganze Welt ist mir wie Staub unterm fuss, denn das Schicksal hat in mir, in mir allein sein Opfer auserkoren. Verlassener, verratener als ich, lebt Keiner auf Erden! dieses Jammerleben, was soll es mir? ich werfe es von mir.
Richard, Alex und noch Einige, die Mitleid für den Jüngling empfanden, sogar Obrist Pestel, näherten sich ihm abermals; bleibt zurück! rief er befehlend, und sie gehorchten der gebietenden Gewalt hoffnungslosesten Unglücks, das offen und kühn dem Mächtigsten entgegen treten darf, so bald es nichts mehr weder zu schonen noch zu fürchten hat. Sie bildeten einen dicht geschlossenen Kreis um Iwan her, hielten sich aber in der von ihm gebotenen Entfernung.
Iwan zog jetzt sein Schwert aus der Scheide; Alle, den traurigsten Ausgang erwartend, erbebten bei dem Anblicke; und doch hielt die Furcht, diesen zu beschleunigen, sie an ihren Plätzen zurück. Er aber kniete anscheinend gelassen in der Mitte des um ihn geschlossenen Kreises nieder, fasste den Griff des Schwertes mit beiden Händen, hielt ihn dicht vor der Brust, und blickte unverwandt zu der Spitze desselben auf; nur das Weisse seiner Augen blieb sichtbar, er sah aus, als ob er bete, mit unaussprechlicher Inbrunst.
Das währte so einige Sekunden; dann aber, immer in der nämlichen Stellung verbleibend, erhob er die stimme zum furchtbarsten Eide, den je eine menschliche Seele erdacht. Mit Worten, vor denen Alle schauderten, die sie vernahmen, weihte er sich dem Untergange, dem zeitlichen wie dem ewigen, indem er den Kaiser zu tödten gelobte, und gleich nach vollbrachter Tat sich selbst; denn wer könnte dann noch leben wollen! setzte er mit eisiger Kälte hinzu, indem er sich von den Knieen erhob, das verworren herabhängende Haar aus der Stirne strich, und das Schwert zurück in die Scheide stiess.
Und nun gebt mir meine Ordre, ich bin zu jeder Stunde zu Allem bereit, sprach er fast verachtend, wollte sich in militärischer Stellung