gemässigter stimme begann Obrist Pestel jetzt seine Rede; sie klang wie Trauergeläute, das dem Leichenzuge des Glückes eines ganzen Hauses vorangeht, alle die es hören auf ein grosses Unheil vorbereitend, das im Begriffe zerschmetternd auf sie zu stürzen, in diesem Augenblicke noch über ihrem haupt hängt. Dann zog der Redner ein Papier hervor, entfaltete es mit vieler Feierlichkeit, um es vorzulesen; es war ein Brief von einem eben abwesenden Mitgliede des Bundes, einem der angesehensten und eifrigsten, das sogar zu den ersten Stiftern desselben gehörte. Das Schreiben war an den Grafen Stephan gerichtet und Pestel mitgeteilt worden.
Ein banges Aufstöhnen, gleich dem eines unter Qualen Verscheidenden, zitterte durch das allgemeine Schweigen; es rang aus Stephans Brust sich los, immer tiefer und tiefer sank sein vorhin schon gebeugtes Haupt fast bis auf seine Kniee herab; seine hände falteten sich konvulsivisch über demselben, und verbargen völlig sein Angesicht. Richard hatte keinen Atem mehr; kein laut rings umher, nur das Picken der Taschenuhren, und die stimme des Vorlesers waren zu hören.
Der Kaiser, so verkündete jener Brief, der Kaiser, wie man aus sichrer Hand weiss, hat beschlossen, alle eroberten Provinzen Polen wiederzugeben, sich selbst, nebst seinem hof, nach Warschau zurückzuziehen, und das unglückliche Russland, unbeschützt, ratlos und hülflos, der diesem Schritte entspringenden wilden Unordnung, der mörderischen Wut, der rasenden Anarchie des auf das Äusserste gebrachten, zügellosen Volkes zu überlassen.
Eine Sekunde lang herrschte Schweigen, lautloses Schweigen wie im grab; dann brach der Sturm aus. Ähnlich jenen Orkanen der Tropenländer, die, plötzlich aus tiefster Stille er wachend, Felsen zersplittern, tausendjährige Bäume entwurzeln, Seen und Inseln vernichten und schaffen, und den Lauf der Ströme verändern, tobte der furchtbarste Tumult. Der schadenfroheste Dämon, der jemals der Hölle sich entschwang, hatte über sie Alle die Schaale der Verblendung ausgegossen; so viele helle Köpfe unter ihnen! die gewiss in bessern Momenten das schlecht ersonnene Mährchen höhnend verlacht haben würden! sie glaubten Alle daran.
Zuerst vereinten alle diese Kehlen sich in einem einzigen Schreckensschrei; es war als ob davor die Wände erbebend einstürzen, die Decke des Saales aus den Fugen gehoben, weit weg in die Lüfte fortgeschleudert werden müsse. Einzelne Gruppen, von den übrigen sich absondernd, bildeten sich, Waffen blitzten in vielen Händen; furchtbarer noch als diese, erglühten Augen in wilder Raserei. Gleich gereizten Hyänen, mit gesträubtem Haar, schäumend vor innerer Wut, unter unerhörten Flüchen und Verwünschungen stürzten einige auf die Kniee, der blutigsten Rache sich zu weihen; vertraute Freunde verbanden durch einen furchtbaren Eid sich zum schonungslosesten Kampfe auf Leben und Tod. Alte, im Dienste ergraute Krieger weinten vor Zorn brennend heisse Tränen, Andre starrten, vor Schreck über das Unerhörte, mit weit offenen, erstorbenen Augen in den Tumult hinein; noch Andre brachen in laute Klagen, in Verwünschungen ihres Geschickes aus, zerrauften ihr Haar, rissen Sterne und Orden, die sie schmückten, von ihren Kleidern herunter und traten sie mit Füssen. Wut, Empörung, Verzweiflung überall! eine Scene, die nur Dante, der Sänger der Hölle, in ihrer entsetzlichen Wahrheit zu schildern vermöchte.
Endlich führte physische Ermattung einen kurzen Anschein von Ruhe herbei. Pestel wollte diese benutzen: Der grosse Augenblick ist gekommen, die uns gegebene Kraft zu bewähren, rief er mit lauter klangvoller stimme; die hehre, dem heiligen vaterland geweihte Stunde schlägt, wo die verlorne Kohorte, den tapfern Lunin an ihrer Spitze, alles vor sich niedermähend, uns den Weg bahnen – –
Er ward nicht weiter gehört; lauter, grimmiger noch als vorher, rasete von neuem der Tumult. Selbst Pestel wurde einen Augenblick bleich; Lunins kolossale Gestalt hatte katzenartig, gleich einem zum Sprunge auf sein Opfer bereiten Raubtiere, sich bis zu ihm durchgewunden, er verschwand sogleich auf einen Wink seines Meisters in die entfernteste Ecke des Saales. Richard folgte ihm mit den Augen; Torson, den dieser blick suchte, den er schon lange vermisst hatte, schien unbegreiflicher Weise gar nicht zugegen zu sein, auch Iwan war nirgends zu erblicken.
Nur Einer ist der Schuldige, und dieser Eine büsse es mit dem Leben! Schonung und Rache dem verratenen volk, Tod und Untergang dem Verräter! rief eine, den wilden Tumult übertönende, durchdringend laute stimme, und plötzliche Stille entstand. Fürst Teodor, Obrist eines Regiments, dem seine Zeitgenossen den bezeichnenden Beinamen, der Tiger, beilegten, hatte diese Worte gerufen.
Und nun – zum erstenmale wurde von den Verbündeten jenes grausenvolle Wort ausgesprochen, jenes Wort, das nie gefunden sein sollte, Kaisermord!
Die stärksten Nerven erbebten, die lautesten Kehlen verstummten vor dem schauervollen, wenn gleich fast tonlos ausgestossenen Klange, er bebte erschütternd in jedem Ohre, gleich dem Donner des Weltenrichters.
Doch diese Stille wurde bald wieder unterbrochen; neue Debatten, bei denen Pestel sein gewohntes Übergewicht wieder geltend machte, erhoben sich, aber leider nicht um gegen ein Verbrechen anzukämpfen, das bei der gegenwärtigen Lage der Dinge von der Mehrzahl als unvermeidlich notwendig angesehen wurde; die wenigen besser Gesinnten, die gegen diese Ansicht sich erhoben, wurden schnell überstimmt und mussten verstummen.
Und nun noch das Grässlichste! die hier leise geflü
sterten, dort laut gepflogenen, oder in tierischer Wut laut gebrüllten Beratungen über das Wie und Wann! Sie währten lange, sie drohten immer heftiger und verworrener zu werden, bis die alle übertönende Donnerstimme des Tigerfürsten ihnen ein Ende machte