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, wandten alle mit Entsetzen und Widerwillen sich ab.

Innerlich ergrimmt über diese seinen noch tief verborgenen Plänen entgegentretenden Hindernisse, besass Pestel, ungeachtet seiner schwererrungenen Selbstbeherrschung, doch nicht immer Kraft genug, um das Gefühl das in ihm tobte ganz zu unterdrücken, wenn er, was wiederholt der Fall war, von dem schlechten Erfolge seiner Unterhandlungen Bericht ablegen musste.

Die Verblendeten! rief er einst, unwillkürlich von Zorn hingerissen, in einer Versammlung des engsten Ausschusses, in welcher keines der jüngern Mitglieder, folglich weder Richard noch die beiden Söhne des Fürsten Andreas gegenwärtig waren: Die Verblendeten! die Toren! die nicht sehen, nicht ahnen, dass mit schonendem, einen jeden mit erläuternden Gründen dessen was von ihm gefordert wird bedienendem Geschwätze, hier nichts getan werden kann. Sie begreifen nicht, dass gerade der Weg den sie einschlagen möchten, zum Gräuel aller Gräuel notwendig führen muss, zur wildesten Anarchie eines kaum zur Hälfte kultivirten Volkes, wo keiner gehorchen, alle befehlen wollen, bis darüber alles zu grund geht, und die Trümmer über Kluge und Narren zusammen schlagen.

Nein, meine Brüder, Krebsschäden lassen nicht mit Rosenwasser sich heilen; Gehorsam, blinder Gehorsam der rohen Menge, unbekannten Obern und unbekannten Gesetzen auf Tod und Leben gewidmet, ist die einzige solide Basis, auf welche der Grundstein zum Bau allgemeinen Wohls und allgemeiner Freiheit sicher und dauernd gelegt werden kann, müsste selbst einiges Blut dabei als Mörtel dienen. Ist dieses einmal vollbracht, dann ist es an den kundigen Meistern, den Bau im hellen Sonnenlichte weiter zu fördern, ihn zu vollenden, so gross, so strahlend, so herrlich, als menschlicher Sinn und menschliche Kraft es vermögen.

Wie dieser Gehorsam zu erzwingen sei, da er, wie es scheint, in Güte uns nicht werden soll, dem sei von heute an unser angestrengtestes Nachdenken geweiht; jeder von uns möge, bei unsrer nächsten Zusammenkunft, das Resultat seines ernsten Überlegens den Andern zur Beratung darüber mitteilen.

Nur auf eines erlaube ich mir, die Versammlung aufmerksam zu machen. In unsrer nächsten Nähe, in den Reihen unsrer Brüder steht E i n e r , von der natur mit Allem ausgerüstet, um uns für diesen Zweck als tüchtigstes Werkzeug zu dienen, und alles niederzuwerfen, was sich uns entgegen stellen möchte. Mit riesengleicher körperlicher Stärke, geistig mit eisernem Willen, mit dem furchtlosesten Mute, mit einer Brust ohne Erbarmen, sobald es unsrem Bunde gilt, der ihm alles ist, Gott, Religion und Gesetz; mit einem Worte ein Mann, dem ausser dem Bunde nichts heilig ist, der das Wort Berücksichtigung nicht kennt, den kein Band an das bürgerliche Leben fesselt, kein Vater, keine Mutter, weder Geschwister noch Verwandte, weder ein Freund noch eine Geliebte. Isolirt wie er, steht und stand vielleicht noch nie einer in der Welt.

Leute die ihn kennen, nennen ihn einen ruchlosen Abenteurer, ich möchte sagen er sei mehr, er sei der inkarnirte Teufel in person, aber das hindert nichts; uns ist er treu, und wenn die Not gebietet, darf man wohl die hülfe böser Dämonen benutzen, sobald man nur der rechten Zauberformel gewiss ist, sie im gehörigen Augenblicke wieder fest zu bannen.

Der den ich meine ist Lunin, der uns allen wohlbekannte. Er hat schon einige ihm ähnliche junge Leute, von denen aber keiner mit ihm auf gleicher Höhe steht, an sich gezogen; andre stehen in der Nähe wie in der Ferne bereit, auf einen Wink von ihm herbei zu eilen, roh, leidenschaftlich, zügellos, voll der ausgesprochensten Lebensverachtung, wie er selbst. Im Nu kann er deren einige Hundert um sich versammeln, die er erbötig ist, unter dem Namen einer verlornen Kohorte, sich selbst an der Spitze, zu unsrer Disposition zu stellen. kommt nun der grosse Tag, lassen wir diese Würgengel los, um – –

Ein überlauter allgemeiner Schrei des Entsetzens, des empörtesten. Widerwillens, unterbrach den Redner, und liess ihn nicht wieder zum Worte kommen; ein Fall, den er noch nie erlebt hatte. Er selbst mochte wohl fühlen, dass er zu weit gegangen sei, dass er von Unmut und heimlichem Zürnen sich habe verleiten lassen, der ihm sonst eignen Vorsicht zu vergessen und seine Karten aufzudecken, ehe das Spiel gewonnen war. Er wollte wieder einlenken, mildern, erläutern, doch seine stimme konnte durch das allgemeine aufgebrachte Tosen nicht durchdringen. eigentlich wurde keine einzelne recht vernehmbar; gleich den empörten Meereswogen stürmten alle durch einander, und nur in Geberden, Blicken und lautem unverständlichem Geschrei sprach das allgemeine Missfallen sich aus.

Lange währte es, bevor es den Gemässigsten und Angesehensten gelang, die empörten Gemüter durch ernstes Zureden in sofern zu beschwichtigen, dass sie wieder zu einiger Besinnung gelangten, und die Versammlung ohne förmlichen Bruch auseinander ging. Obrist Pestel aber hütete sich weislich dafür, sie so bald wieder zusammen zu berufen, und überliess es inzwischen der Zeit, den üblen Eindruck, den sein letzter Vortrag hinterlassen hatte, wieder zu verlöschen. Richard war durch Dienstgeschäfte zu einer kleinen Reise veranlasst worden, die einige Tage länger, als er es erwartet hatte, von Petersburg ihn entfernt hielt. Er war die ganze Zeit über ohne Nachricht von dort her geblieben, und hatte bei seiner Rückkehr sich eben voll ungeduldiger Erwartung aus dem Sattel geschwungen, als eine dringende Aufforderung, noch am Abende des nämlichen Tages in der Bundesversammlung unfehlbar zu erscheinen, ihn bis zum Erschrekken überraschte.