, ja sogar was er gedacht, weil Richard mehrere Monate hindurch sich hatte vermissen lassen, gerade in den Stunden, die er sonst täglich mit ihm zuzubringen pflegte.
Der Mensch ist ein Sklave der Gewohnheit, besonders der weniger gebildete; es wurde dem schlauen Lunin ungemein leicht, die in Iwans Herzen wie in seiner Lebensweise aus Richards Abwesenheit entstehende Leere, welche durch das kränkende Gefühl der Vernachlässigung nur noch fühlbarer wurde, nach Gefallen zu benutzen. Neue Bekanntschaften mussten die Lücke ausfüllen, Zerstreuungen, Lustpartien ihn betäuben helfen, bis er keiner einzigen seiner freien Stunden mehr Herr war. Durch Vermittelung seiner neuen Freunde war er abermals in einen Strudel geselliger Freuden geraten, von denen manche der Art waren, dass er weder vor Julien noch vor Richard sich ihrer hätte rühmen mögen. Auch bewog Lunin durch allerlei Neckereien ihn sehr bald, seinem alten Freunde absichtlich aus dem Wege zu gehen, um den überlästigen Ermahnungen und Strafpredigten des überweisen Herrn Hofmeisters, wie Lunin ihn nannte, auszuweichen; besonders war dies der Fall, wenn Iwan kein ganz reines Gewissen hatte, und der kam leider nur zu oft.
Und so blieb denn Richards treues Bemühen, sich dem irre geführten Freunde wieder zu nähern, ebenfalls ohne Erfolg; nicht nur, dass ihm jeder Versuch, Iwan über Lunins Unwert die Augen zu öffnen, misslang, Iwan geriet jedesmal darüber in kaum zu bändigenden Zorn; und es bedurfte wirklich all' der alten Liebe, die Richard noch in seinem Herzen zu ihm trug, all' des Mitleids, welches diese eben so unbegreifliche als gefährliche Verblendung in ihm erregte, um dabei in leidlicher Fassung zu bleiben, und durch schwer zu erringende Mässigung einen nie zu heilenden Bruch abzuwenden, der für beide nur höchst verderblich ausfallen konnte.
Iwans Gefühl für Torson schien von dem, was er für Lunin empfand sehr verschieden, es glich mehr scheuer Verehrung als inniger Liebe. Jede Äusserung zum Nachteil desselben, jedes ihn tadelnde Wort, nahm er als eine ihm selbst widerfahrne Beleidigung auf, und verteidigte ihn nach besten Kräften mit Gründen oder mit Heftigkeit und Drohungen, wie es eben gehen wollte. Andeutung, oder Anspielungen auf jene oft besprochne Ähnlichkeit, die er nur in sehr geringem Grade zugab, duldete er durchaus nicht; dagegen wurde jedes Wort des hochverehrten Mannes gleich einem weisen, keinem Zweifel unterworfnen Orakelspruche aufgenommen, und wehe dem, der etwas dagegen einzuwenden wagte.
Richard wusste sich endlich nicht anders zu raten, als dass er auf Torsons sehr vertrautes Betragen gegen Julien ihn aufmerksam machte, auf die reichen Geschenke, welche diese ohne Weigerung von dem fremden mann annahm, Iwan brach darüber in helles lachen aus.
Warum, sprach er, sollte sie diese teuern Flitter, die ihr Freude machen und die ich ihr nicht kaufen kann, nicht annehmen? sie werden mit dem grössten Vergnügen ihr geboten, und sie braucht nur die Hand darnach auszustrecken, ohne sich dadurch irgend eine Verbindlichkeit aufzuladen. Hast Du denn nicht das nämliche getan? weisst Du noch an jenem Abende, dem ersten in der Kaserne, wo ich von lauter solchen Kostbarkeiten Dich umringt fand? Und was den vertraulichen Ton betrifft, der Dir so sehr an ihm missfällt! soll man denn immer aus dem Komplimentirbuche sprechen? ich gestehe es Dir, ich bin des faden geschnörkelten Wesens müde, es tut mir im Herzen wohl, wenn ich einmal ein gerades, aus offner Brust gesprochnes Wort zu hören bekomme. Auf Julie verlass ich mich, sie ist rein und treu wie Gold; Torfon kommt neben ihr mir vor, wie so ein Onkel aus Mexiko oder Lissabon oder Jamaika, was weiss ich, den wir letztin auf dem Teater spielen sahen. Gönne doch den beiden ihr unschuldiges Vergnügen an einander! wenn ich es zufrieden bin, was geht es Dich weiter an? Und ich bitte Dich um Gotteswillen, mache Dich nur nicht lächerlich, indem Du mich eifersüchtig machen willst; ich eifersüchtig auf den alten Herrn! trüge ich nur die kleinste Anlage zur Eifersucht in mir, so gäbe es doch noch ganz andere Leute, die zu dieser Albernheit mich bewegen könnten, und das ganz in der Nähe – Du selbst zum Exempel, mein überweiser Freund. Seit längerer, oder vielmehr seit langer Zeit, hatte keine Versammlung des Bundes Statt gehabt; die Gemüter waren für des Obrist Pestels sonst so mächtigen Einfluss durch nicht ganz erfreuliche Nachrichten etwas weniger empfänglich geworden; denn keiner seiner, als unfehlbar von ihm angekündigten Versuche, aus den in Moskau und andern Teilen des russischen Reichs bestehenden Vereinen zum Wohl des Vaterlandes mit dem Petersburger Bunde der ächten Kinder desselben ein Ganzes bilden zu wollen, war ihm gelungen. Niemand wollte zu jener blinden Unterwerfung unter den Willen des Rates der Alten sich verstehen, dessen Oberhaupt Pestel, als Präsident desselben, eigentlich war, weil dieser unbedingte Gehorsam zu den grässlichsten Verbrechen führen konnte.
Der Vorsatz, mit grosser Mässigung und vieler Umsicht zu verfahren, sprach von allen Seiten sich aus. Man wünschte durch Lehre und Beispiel das Volk auf die Verbesserung seiner bürgerlichen Zustände allmälig vorzubereiten, die allgemeine Verbreitung nützlicher Kenntnisse herbeizuführen, die Sitten zu verbessern, und auf Vernichtung alter, tief eingewurzelter Volksvorurteile hinzuarbeiten.
In diesem Sinne auf die Nation zu wirken, wurde von den edleren und mächtigeren Mitgliedern jener Vereine für allein wünschenswert erklärt; sie waren bereit, mit aller Kraft zur Erhöhung des allgemeinen Wohlstandes beizutragen, nur musste jede Gewalttat vermieden werden; und von einem Eide, der zu willenlosen Werkzeugen sie herabwürdigen sollte