1837_Schopenhauer_092_50.txt

steht unter meiner Obhut, ich wache über sie; jener Elende soll sich ihrer nicht bemächtigen, und müsste ich selbst mich zu den Füssen unsers Kaisers werfen, um seinen Schutz für sie aufzurufen. Sie aber sorgen für Ihren Freund; verlieren Sie ihn so wenig als möglich aus den Augen; bei seiner und Juliens grossen Unbekanntschaft mit der Welt, sind beide ja nur als unmündige Kinder zu betrachten. Wenden Sie alles an, schonen Sie weder Geld noch Mühe, um deutliche, schlagende Beweise beizubringen, dass Torson nicht der ist, der er sein will, sondern vielmehr der, für den Sie, wie auch ich, aus gültigen Gründen ihn halten. Das Notwendigste aber ist fürs erste, dass Sie den verblendeten Iwan den Schlingen Lunins entziehen, selbst mit Gewalt, wenn es sein müsste. Dieser gefährliche Taugenichts, wenn er nicht noch einen weit schlimmern Namen verdient, den Torson zu nur ihm bekannten Zwecken bei uns einführte, umwindet den Arglosen gleich einer Riesenschlange, und wird von ihm nicht ablassen, bis er jedes edlere Gefühl in seiner Seele erstickt hat. Julie und mein Kapellmeister sehen zwar nur einen harmlosen, mitunter etwas plumpen Spassmacher in ihm, der sie amüsirt; mir aber grauset's dabei; wenn er seine lustigsten Scherze treibt, grinset eine Teufelsfratze aus seinen Augen mich an, und das Kainszeichen glüht hell und deutlich auf seiner Stirne.

Das Gespräch ging auf diese Weise endlich in gelassenere Beratung über, die aber leider zu keinem bestimmten Resultate führen konnte. Die kluge, welterfahrne Frau ermahnte beiher ihren jungen Freund, ihrem eignen Beispiele zu folgen, in seinem Betragen gegen Torson sich einiger Mässigung zu befleissigen, und Hass, Argwohn, Verachtung tief in das Innerste seiner Brust zurück zu drängen, um, indem er sich selbst für getäuscht hingab, den schlauen Betrüger wo möglich selbst zu täuschen, oder doch wenigstens die immer rege Aufmerksamkeit desselben von sich abzulenken.

Ich fühle, setzte sie hinzu, dass ich Ihnen etwas zumute, was Ihrer offenen, jeder Unwahrheit abholden natur, durchaus entgegen sein muss, aber wie soll man anders sich helfen? so ganz rein und unbefleckt kommt nun einmal keiner durch dieses Erdenleben, im Umgange mit schlechten Menschen verliert man immer selbst an eigenem Werte, und wie wäre es möglich dem ganz zu entgehen? übrigens sehe ich auch darin kein so schreiendes Unrecht, wenn man Leute, die uns übel wollen, mit den nämlichen Waffen bekämpft, die sie gegen uns in Anwendung bringen möchten.

Der Kapellmeister, und, wie zu erwarten stand, Torson mit ihm, stellten jetzt sich ein. Zum erstenmale sah Richard diesen ganz in der Nähe, bei hellem Tageslichte, und meinte deutliche Spuren der unendlichen Sorgfalt zu entdecken, mit welcher vermittelst Anwendung von allerlei Toilettenkünsten er sich bemüht hatte, sein Äusseres durchaus zu verändern. Richard war indessen der eben erhaltenen Ermahnungen noch zu eingedenk, um nicht sein früheres abstossendes Betragen gegen Torson in gleichgültige Höflichkeit umzuwandeln, und es misslang ihm nicht. Torson, dem nichts so leicht entging, wurde zwar anfangs darüber etwas stutzig; fein und listig suchte er den Grund dieser Veränderung zu entdecken, aber auch Richard war auf seiner Hut. Ein Wink seiner Freundin munterte ihn auf, die einmal übernommene Rolle durchzuspielen, und er spielte sie gut, ohne Übertreibung.

Richard nahm sogar seinen Hut, um, da beider Weg nach haus eine ziemliche Strecke lang der nämliche war, Torson zu begleiten, als dieser Abschied nahm. Beide gingen schnell neben einander her, sie sprachen wenig unterweges, bis sie der Stelle sich näherten, wo ihr Weg sich trennte; Torson fing jetzt an langsamer zu gehen, Richard hielt mit ihm gleichen Schritt.

Suchen Sie nur nicht es mir zu verheimlichen, Ihren heutigen Besuch hat Madame Lange mir, und einzig mir zu verdanken, fing Torson plötzlich an; und nur von mir allein ist zwischen Ihnen beiden die Rede gewesen; ich sah noch meinen Namen auf Ihren Lippen schweben, als ich ins Zimmer trat. Ich freue mich darüber, da der Erfolg dieser Unterredung mir, wie es scheint, die Erfüllung des Wunsches verspricht, Sie in Zukunft wenigstens nicht feindlich mir gegenüber stehen zu sehen.

Sie werden sich erinnern, Herr Torson, erwiderte Richard, dass Sie selbst mich aufforderten, bei unsern Freunden – –

Torson unterbrach ihn schnell: Keine Entschuldigung, wo es deren durchaus nicht bedarf, sprach er freundlich und bot ihm die Hand, welche diesmal auch nicht zurück gewiesen wurde; unsre Freundin hat, wie ich sehe, Ihre Meinung von mir ein wenig berichtiget, ein wenig gemildert; und das verdanke ich ihr von Herzen, nicht nur für mich, auch für Sie, denn auch Sie gewinnen dadurch. Das Übrige, was sonst noch wünschenswert wäre, überlassen wir indessen der Zeit.

Beide gingen nun eine Weile wieder schweigend neben einander her, bis an den Scheidepunkt; hier stand Torson still und fasste abermals Richards Hand.

Sie sind mein Freund nicht, und werden niemals es werden; aber es wird ein Tag kommen, an welchem ich dennoch in einem andern Lichte vor Ihnen stehen werde, als eben jetzt; sprach er mit eindringendem Ernste. Fleckenlos kann ich niemals, weder vor Gott, noch vor Ihnen, noch vor mir selbst erscheinen; nicht etwa dass ich dieses im Sinne des allgemeinen Bekenntnisses der Christen sage, als: wir sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhms! Nein, Schwereres lastet auf mir; das Schicksal hat