1837_Schopenhauer_092_45.txt

Dich darauf; rief Iwan im Fortgehen ganz trocken ihm zu.

Richard schaute betroffen ihm nach; das Benehmen, das ganze Betragen des Freundes schien auf unbegreifliche Weise verändert. Ist er in den wenigen Monaten mir doch wie verwildert! ich habe zu lange, zu anhaltend ihn vernachlässiget, und was er von nun an auch beginnen mag, ich habe es verschuldet; sprach Richard reuevoll zu sich selbst.

Eine für diesen Abend angesagte grosse Bundesversammlung, die abermals nur zur Aufnahme mehrerer neuer Mitglieder Statt finden sollte, hatte Richard verhindert, auf Iwans Vorschlag einzugehen. Spät gekommen, drängte er sich missmütig durch die Reihen der Aufzunehmenden, ohne sie anzusehen, und entdeckte, als die Ceremonie begann, zu seinem höchsten, wahrlich nicht angenehmen Erstaunen, seinen Freund Iwan mitten unter ihnen. Eine ganz eigne, fast komische Mischung von Trotz und Schalkheit lag in dem sarkastischen Lächeln, mit welchem dieser im Vorübergehen verstohlen zu ihm aufblickte. Mark und Bein durchzuckend, stieg ein unbeschreiblich bängliches Gefühl bei diesem Anblicke in Richards Seele auf; ihm war als sähe er den Freund in dringender Gefahr, als müsse er bei den Haaren von dem platz, wo er eben stand, ihn fortreissen. Aber es wollte sogar den ganzen übrigen Abend hindurch ihm nicht einmal gelingen, sich Iwan zu nähern; Torson oder Lunin hielten abwechselnd eine Art Wache über ihn, einer von diesen blieb fortwährend ihm zur Seite, und als spät nach Mitternacht die Versammlung aufgehoben wurde, und Richard seinen Freund aufsuchte, in der Hoffnung ihn auf dem Wege nach haus zu begleiten, war er mit jenen beiden ihm völlig aus den Augen entschwunden. Iwan! Iwan! was hast Du getan, ohne Dich vorher mit mir zu beraten; rief Richard am folgenden Morgen seinem Freunde zu, als er nach langem vergeblichen Suchen ihn endlich antraf, eben im Begriffe sein Pferd zu besteigen.

Richy, Richy! was hast Du unterlassen, ohne Dich im geringsten um mich zu bekümmern, antwortete dieser ihn parodirend, und galoppirte davon.

Trübe und gedankenvoll eilte Richard jetzt zum Kapellmeister Lange, um wo möglich dort einige Aufklärung über Iwans auffallend seltsames Betragen gegen ihn zu erhalten. Nicht ohne einiges Herzklopfen betrat er das Zimmer, in welchem er die beiden Eheleute allein traf, aber der Empfang, der ihm von ihnen wurde, übertraf all sein Hoffen und auch sein Verdienst, wie er selbst reuevoll gestand. Der kleine Kapellmeister war über das Wiedererscheinen des Hausfreundes zu erfreut, um des langen Aussenbleibens desselben zu gedenken; er geriet in eine wahre Entzückungswut; sang, jubelte, tanzte, die rotsammtne Troddelmütze flog von einem Ohre zum andern, Frau Karoline konnte vor lachen über die possierlichen Freudenbezeigungen ihres Eheherrn gar nicht dazu kommen, dem Frevler gebührend den Text zu lesen, wie sie es sich doch fest vorgenommen hatte.

übrigens kam keiner von diesen Dreien diesmal zu einem vernünftigen Worte; ein fragen, ein Erzählen ohne Ende begann, keiner hörte auf den andern, aber sie verstanden sich doch.

Und abermals war Richard bei diesen so ganz menschlichen Menschen in liebender Wärme das Herz aufgegangen. Als er wieder in seiner wohnung sich befand, schwur er sich selbst es zu, diese treuen Freunde, es komme wie es wolle, sich zu erhalten, sie nie wieder zu vernachlässigen, sich in diesem heitern bürgerlichen Stillleben zum Widerstande gegen jene Hoffnungsphantome zu erkräftigen, die, in Regenbogenfarben glänzenden Seifenblasen ähnlich, ihn wachend und im Traume umtanzten, und die ein einziger Hauch vernichten konnte. Doch leider hielten solche Entschlüsse in Richards Seele nie Stand; mochte er noch so eifrig sich ermahnen, vernünftig zu sein, unwiderstehlich zog es ihn in jene Pracht, in welcher in all' ihrer äussern und inneren Glorie Helena tronte, und die arme hülflose Vernunft immer tiefer und enger von dem goldnen Netze der Wahrscheinlichkeiten umstrickt wurde, das rings um ihn her sich erhob.

Den ganzen übrigen Tag suchte Richard vergeblich seinen Iwan auf; am Abend kehrte er zu seinen wieder neugewonnenen Freunden zurück, in der festen Überzeugung, ihn doch gewiss dort, im gewohnten, ihm so lieben Kreise anzutreffen; auch glaubte er wirklich beim Eintreten in das Zimmer ihn neben Julien in der entferntesten Ecke desselben zu erblicken, und eilte freudig auf ihn zu, fuhr aber erschrocken, wie beim unerwarteten Anblicke einer giftigen Schlange, gleich wieder zurück.

Nicht Iwan war es, der entfernt von der übrigen Gesellschaft, in dem traulichen Eckdivan neben der Geliebten sass, der nur eben für zwei Personen Raum bot; Torsons verhasste Züge starrten ihm entgegen, das Gesicht jenes Abenteurers, von dessen Identität mit dem grünbebrillten Baron vom Spieltische er noch immer fest überzeugt war. Da sass der Widerwärtige, traulich-dicht neben Julien, betrachtete sie mit süsslächelnder Protektions-Miene, und spielte mit den schlanken Fingern ihrer zarten Hand, an welchen juwelenreiche Ringe ihm entgegen blitzten, die Richard an dem jungen Mädchen nie zuvor gesehen. Im Ganzen war mit ihrem Äussern eine bedeutende Veränderung vorgegangen, die bürgerliche Einfachheit ihrer Tracht war verschwunden, sie war reich gekleidet, und mit einer Reihe sehr schöner Perlen um den Hals, diamantnen Ohrringen und einer schweren goldnen Kette geschmückt.

So geputzt sass sie da, wie eine junge Braut, die halb verlegen, halb geschmeichelt, auf das angelegentliche Geflüster des ältlichen ungeliebten Mannes lächelnd horcht, der Rang und Reichtum ihr zu Füssen legt, um derentwillen sie die Forderungen des eignen jugendlichen Herzens zu ersticken bemüht ist.

Da hast Du ihn, den Wildfang!