; als blindes Werkzeug höherer Gewalten alle ihre Kraft, und wenn es sein müsste ihr Herzblut, für ihnen unbekannte Zwecke zu verwenden. Es waren die nämlichen treuen, aber unwissenden Seelen, welche einige Jahre später mit grossem Geschrei die Constitution hoch leben liessen, weil sie meinten, dies sei Name oder Titel der Gemahlin ihres Czaarewitsch Konstantin.
Richard hatte anfänglich vor dem zu plötzlichen Ausbruche der Flamme gezittert, deren zündender Funke hier im Verborgnen gehegt wurde; jetzt setzte die Untätigkeit des Bundes ihn in zweifelndes Erstaunen. Er äusserte dieses zuerst gegen seine vertrauteren Freunde, dann auch gegen Pestel und andre der bedeutenderen Mitverschwornen, aber es fehlte diesen nicht an Gründen, um ihn zu beruhigen. Noch ist es nicht an der Zeit: die Frucht muss reifen, ehe sie gebrochen wird: Übereilung ist die gefährlichste Feindin jedes grossen Unternehmens; so hiess es, wohin er sich auch wenden mochte. Er gewöhnte sich endlich daran, keine andere Antwort zu hören, fing an für voll gelten zu lassen, was ihm zuerst als abgedroschner Gemeinplatz geklungen hatte, und gab sich zufrieden.
Auch hatte er gegründete Ursache zufrieden zu sein; eine neue, ihn durch und durch erwärmende Glückssonne, war seit jenem stürmischen Abende an seinem Lebenshorizonte aufgegangen. Nie zuvor, selbst nicht in den Jahren seiner ersten Jugendzeit, hatte er seinen Pflegeeltern so enge verbunden sich gefühlt, nie hatten sie selbst so ganz offenbar und rücksichtslos als ganz zu den Ihrigen gehörend ihn anerkannt, als eben jetzt. Und diese glückliche Veränderung seiner Lage beschränkte sich nicht allein auf das Haus des Fürsten Andreas; sie ging von diesem auf die nächsten Freunde und Verwandten desselben über.
Die von der grösseren Gesellschaft ihn ausschliessenden Schranken, welche Rang, Etikette und Konvenienz um ihn gezogen, waren plötzlich gesunken; man sah in ihm nur den fein gebildeten jungen Mann, den liebenswürdigen Gesellschafter, und von dem niedern Range, auf dem er noch immer bei seinem Regimente stand, nahm Niemand mehr Notiz. Das Beispiel bedeutender Personen, die bei seiner Aufnahme in den Bund zugegen gewesen waren, hatte dieses Wunder bewirkt, und Richard war, ohne dass er es wollte oder wusste, in der übrigen vornehmen Welt, die eben so wenig wusste warum, gewissermassen Mode geworden. Ausgenommen bei grossen feierlichen Gelegenheiten, wo eine scharf gezogne Linie das Zulässige bezeichnet, und die er von jeher gern vermieden hatte, standen immer die Türen ihm offen, aber Erfahrung hatte ihn Vorsicht gelehrt. Er beschränkte sich auf das Haus seiner Wohltäter und der diesen zunächst Verbundenen, und vermied auch dort, in grösseren Kreisen zu erscheinen.
Vor Allen andern zog eines der tätigsten und begeistertsten Häupter des Bundes ihn an, und kam mit gleicher ungeheuchelter Neigung, auf mehr als halbem Wege ihm ebenfalls entgegen; Graf Stephan, den man wohl mit Recht als einen Schüler des Fürsten Andreas bezeichnen könnte, war bedeutend jünger als dieser und doch schon dessen vieljähriger Freund. Sein vor wenigen Jahren verstorbener Vater hatte mit dem Fürsten in sehr vertrautem Verhältnisse gestanden, der junge Stephan wurde von Jugend auf Zeuge des ernsten viel umfassenden Gesprächs dieser beiden, von Freiheitsgefühl und Vaterlandsliebe durchdrungenen Männer, und seine Verehrung und Bewunderung des Fürsten Andreas stieg darüber bis zur leidenschaft.
Nach des alten Grafen tod ging das Vertrauen und die Liebe des Fürsten auf den Sohn über; rückhaltslos überliess er sich der Gewohnheit, ihm alles zu offenbaren, was seit Jahren seinen Geist ausschliessend beschäftigte; seine Pläne, seine Wünsche für die Verbreitung allgemeinerer Kultur und Verbesserung des bürgerlichen Zustandes seines Volkes, und aller der Ideen, die mit der Zeit sich so ganz seiner bemächtiget hatten, dass man wohl sagen kann, sie waren die Seele seines Lebens geworden.
Stephan gehörte zu jenen milden und doch ernsten tiefen Naturen, die jeden grossen Gedanken, den sie einmal erfasst, so lange von allen Seiten beleuchten, bis er von ihrem inneren Wesen untrennbar wird, und sie gezwungen alles daran setzen müssen, um das, was erst nur in ihrer Phantasie lebte, zur Wirklichkeit umzugestalten.
Der lebhaftere Geist des weit jüngeren Mannes begnügte sich nicht damit, den Gedanken des älteren Freundes Schritt für Schritt zu folgen, er nahm einen weit kühneren Aufschwung. Wahre Begeisterung lässt gleich der Flamme schlecht sich verhehlen: dem Grafen Gleichgesinnte fanden ihn bald und schlossen sich ihm an, und so entstand aus diesen eine kleine, aus acht bis zehn wohlgesinnten, von Vaterlandsliebe beseelten Männern bestehende Gesellschaft, die ohne Nebenabsicht und ohne aufsehen erregen zu wollen, zusammen kamen, um über Dinge, die ihnen zunächst am Herzen lagen, ihre Gedanken einander mitzuteilen. Dass aus diesem kleinen Keime eine so weit umsichgreifende Verzweigung entstehen solle, lag weder in ihrem Plane, noch kam die Möglichkeit davon ihnen in den Sinn.
Mehrere Jahre, ehe der damals in Moskau lebende Fürst Andreas sich ihr anschliessen konnte, dauerte diese Gesellschaft zu aller Zufriedenheit in der Stille fort, bis der Zufall den Obrist Pesiel ihr zuführte, dessen kühner übermütiger Geist schon deshalb ein grosses Übergewicht gewinnen musste, weil er jede Farbe anzunehmen verstand, und von ganz andern Gedanken und Plänen erfüllt, kein Mittel scheute, um zu seinem Zwecke zu gelangen. Mit kecker Hand ergriff er die Zügel, und ehe die Übrigen es gewahrten, hatte unter seiner Leitung alles eine andre Gestaltung gewonnen.
Richard fühlte in dem vertrauteren Umgange mit seinem neuen Freunde sich sehr glücklich, er verlebte viele schöne Stunden in dem engen Familienkreise desselben, mit der sanften, schönen, aber oft leidenden Gemahlin des