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, nur wenige Tage des Schweigens waren mir noch auferlegt; kaum hielt ich mich noch; weisst Du den letzten Abend, den wir bei unserm Freunde Lange zubrachten? erinnerst Du Dich noch der Andeutung meiner Hoffnungen für Dein Glück, die ich mir damals entschlüpfen liess? ich musste den ganzen übrigen Abend Dir aus dem Wege gehen, um in der Freude meines Herzens Dir nicht zu viel zu verraten. Und verstehst Du mich denn jetzt? weisst Du jetzt, worauf meine Hoffnungen beruhen? kannst Du Dir deuten, wie ich es meine? fühlst Du meines Vaters Betragen gegen Dich? sprach er immer wärmer werdend. – Ach Richard, soll ich die Dir nennen, für die, wie für Dich, am heutigen Abend ein herrliches Morgenrot aufgeht?

Helena! hauchte Richard ganz leise, leise an der treuen Freundesbrust. Auf Flügeln der Hoffnung getragen, kehrte Richard in den Saal zu der ihn erwartenden Versammlung zurück, die er in ganz andrer Stimmung verlassen. Die Häupter des Bundes hatten in der Zwischenzeit über seine Zukunft entschieden, aller Augen kehrten mit sichtbarem Wohlwollen sich ihm zu, die ganze Art des von dem ersten himmelweit verschiednen Empfanges, der ihm jetzt wurde, verriet deutlich den mächtigen Einfluss des Fürsten Andreas.

Selbst der Obrist Pestel trat zuvorkommend ihm entgegen, und erklärte ihm, als derzeitiger Präsident des Bundes und im Namen desselben, dass man aus hinlänglichen Bewegungsgründen beschlossen, mit seinem Ehrenworte zufrieden zu sein, ohne auf den in solchen Fällen üblichen Eid der Verschwiegenheit zu bestehen. Eine Auszeichnung, die vor Ihnen noch keinem gewährt wurde: setzte er sehr wichtig hinzu.

Richard erkannte diese ihm gewährte Vergünstigung mit geziemendem Danke an, und gelobte dann kurz und bestimmt bei seiner Ehre, alles was er hier gesehen und vernommen, lebenslänglich als ein hochheiliges geheimnis zu bewahren; keinem lebenden Menschen auf Erden, er sei wer er wolle, nie, unter keiner Bedingung, durch Worte oder Zeichen, ganz oder teilweise, etwas davon zu vertrauen, oder auch nur erraten zu lassen.

Sie sind jetzt frei wie die Luft, nahm jetzt Pestel wieder das Wort; von Ihnen allein hängt es ab, diese Versammlung augenblicklich zu verlassen, um nie wieder zu derselben zurück zu kehren. Ein andres wäre es, wenn Sie, wie Ihr edler Pflegevater uns angedeutet hat, den Wunsch hegten, unserm Bunde der wahren und getreuen Kinder des Vaterlandes sich anzuschliessen. Meiner Pflicht als Vorstand desselben gemäss, richte ich also die Frage an Sie: sind Sie entschlossen sich diesem Bunde zu weihen, seinen Gesetzen, wie seinen Verpflichtungen sich ohne Ausnahme zu unterwerfen?

Ein bänglich vorahnendes Gefühl wollte sich Richards bemächtigen, indem er schon im Begriff war, diese Frage mit dem verhängnissvollen: Ja, zu beantworten; fast wähnte er seinen Schutzgeist in Helenas Gestalt warnend neben sich aufsteigen zu sehen. Der feste Entschluss, mit welchem er den Saal betreten, wurde einen Augenblick wankend; doch ein blick auf seine beiden Freunde, die in vertrauender Sicherheit ihm zur Seite standen, ein ermutigender Wink des Fürsten Andreasund seine Zweifel schwanden. Das Wort, das man von ihm erwartete, war gesprochen.

Der helle Streif im Osten verkündet das Ende der kurzen Sommernacht. Mitternacht ist längst vorüber. Ich trage darauf an, dass die feierliche Aufnahme unsers neuen Bruders auf unsre nächste Versammlung festgestellt werde: sprach Sergius, der Secretair des Bundes.

Unser Bund braucht das Licht der Sonne nicht zu scheuen, die bald glorreich von ihrer Mittagshöhe herab seine Taten beleuchten soll: erwiderte Pestel sehr patetisch. Zur Aufnahme dieses unsres Bruders, fuhr er gelassen fort, bedarf es keiner weitläuftigen Vorbereitungen, indem alle Prüfungen des ersten Grades ihm erlassen sind, und er mit Übergehung desselben sogleich in den zweiten, in den der Männer eintreten wird. Die enge Verbindung, in der er zu dem hohen haus steht, das unser Bund mit Recht als seine festeste Stütze betrachtet, berechtigt ihn zu diesem selten gewährten Vorzuge. Bruder Richard! setzte er wieder in jenen patetischen Ton verfallend hinzu, nur Ihrem eignen Willen bleibe hier die Wahl überlassen; wünschen Sie Aufschub? Bedenkzeit? oder soll diese symbolisch schöne Stunde der Morgendämmerung, in welcher die lichtscheue Nacht mit ihren dunkeln Phantomen vor dem hellen Tagesscheine sich verbirgt, auch Ihnen die klarheit gewähren, die von nun an Ihrem ferneren Lebenspfade leuchten soll?

Noch ehe ich berufen ward, zum zweitenmal in dieser Versammlung zu erscheinen, war mein Entschluss fest gestellt; es bedarf keiner weitern Bedenkzeit, antwortete Richard.

Fürst Andreas, seine Söhne, alle gegenwärtigen Freunde seines Hauses erhoben sich jetzt, um Richards männlichen schnellgefassten Entschluss zu preisen, und mit Freundschaftsbezeigungen und Beweisen des herzlichsten Wohlwollens ihn zu überschütten, während Pestel und Sergius die einfachsten Vorbereitungen zu dem feierlichen Eide trafen, der zufolge der Statuten des Bundes, beim wirklichen Eintritte in denselben, ihm nicht mehr erlassen werden durfte.

Von allen jenen, in den mannigfaltigsten Modificationen üblichen Ceremonien, die jeder bei der Aufnahme in eine geheime Gesellschaft sich gefallen lassen muss, diese mag nun in den geweihten Sälen einer Loge, oder in irgend einer dunkeln Kneipe ihr Wesen treiben, war hier gar nicht die Rede. Zwar liess aus einigen leicht hingeworfenen Worten des Präsidenten Pestel sich schliessen, dass dieses eine durch Zeitmangel bedingte Ausnahme von der gewohnten Regel sei; doch darf man dem gewandten weltklugen mann wohl zutrauen, dass diese Ausnahme nicht ganz unabsichtlich Statt finde. Er besass Menschenkenntniss genug um einzusehen, dass der ganze Apparat von dunkeln Gemächern