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Haushalte rührigen Mutter; von seinen vielen Schwestern und Brüdern, sogar von seinen vielen Hunden, die er alle hatte daheim lassen müssen, und nur einen mitnehmen dürfen. Er war so jung, so einfach auferzogen, hatte so weniges erlebt, dass ihm alles bedeutend erschien. Auch Richarden ging, in der Stille der Nacht, das ohnehin sehr bewegte Herz auf; auch er ergoss sich in offnem Vertrauen gegen seinen Freund; und als Iwan zu später Nachtzeit ihn verliess, konnte er nicht mehr darüber klagen, dass er nicht wisse, wer Richard eigentlich sei. Sally! mach' endlich Feierabend: setz' Dich zu mir, und lass' uns unser Butterbrod und unsern Krug Porter gemütlich mit einander verzehren, ich habe viel Neues Dir mitzuteilen, und mich über mancherlei mit Dir zu beraten.

So ungefähr hatte zwölf oder dreizehn Jahre vor jenem Abende in dem kleinen englischen Fabrikstädtchen Nottingham, Master Wood, ein guter ehrlicher Strumpf-Fabrikant, seiner noch in ihrem Haushalt beschäftigten Ehefrau zugerufen.

Ohne diesen letzten Zusatz hätte Misstress Wood ihren lieben Herrn und Gebieter wohl noch ein halbes Stündchen warten lassen. Zwar waren die Kinder schon zu Bette gebracht, die Taubenpastete für den morgenden Sabbat, dieses grösste Festtagsgericht der englischen Kleinbürger, war bis zum Abbacken fertig, die Rhabarber-Torte ebenfalls, die Keine so trefflich zu bereiten wusste als sie: es war jedoch Sonnabend, am folgenden Tage wurden einige Gäste aus der Nachbarschaft erwartet, und die ordnungsliebende Hausfrau hätte gar zu gern vor Schlafengehen noch dieses und jenes besorgt.

Aber Master Wood hatte ihr Neues zu erzählen, und verlangte obendrein ihren Rat, ein Fall der sich nicht oft ereignete; was in aller Welt konnte das bedeuten! dieser Gedanke besiegte jede ihrer Bedenklichkeiten. In aller Geschwindigkeit warf sie noch eine Hand voll Cayenne-Pfeffer in die Pastete, band ihre Küchenschürze ab, rückte vor dem Spiegel ihre Haube zurecht, und sass nach zwei Minuten mit dem allerfreundlichsten erwartungsvollsten Gesicht neben ihrem Mann, an dem bereits gedeckten Abendtisch.

Beide befanden sich in jener heitern zufriednen Stimmung, wie sie der in England dem stillen Genusse häuslichen Wohlbefindens besonders geweihte Samstagabend erfordert, dieser freundliche Vorläufer des ernsteren, halb dem Gottesdienst, halb der Langenweile gewidmeten Sonntags. Master Wood hatte, wie der pünktliche Geschäftsmann an diesem Tage immer tat, seinen Arbeitern ihren Lohn ausgezahlt, seine Wochenrechnungen abgeschlossen, und war mit dem Ertrage derselben zufrieden. Misstress Wood freute sich auf die einer arbeitsvollen Woche folgende Sonntagsruhe, auf den morgen zu erwartenden Besuch ihrer Verwandten, auf das neue Bonnet, mit welchem sie in der Kirche zu erscheinen gedachte. Mann und Frau waren gute, redliche, fleissige Leute, denen es, bei ziemlich beschränkten Mitteln, nicht leicht wurde, sich und ihre vierzehn Kinder anständig und ehrlich durch die Welt zu bringen, von denen das älteste achtzehn, das jüngste andertalb Jahre alt war.

Solche zahlreiche Familien sind indessen in Grossbritannien, besonders beim Mittelstande, nichts Ungewöhnliches; und das Ehepaar war mit seiner Lage ganz zufrieden. Der Hausvater hätte freilich gern, durch einige Vermehrung seines Kapitals, seinem Geschäft eine grössere Ausdehnung gegeben; war aber doch herzlich froh, wenn bei möglichstem Fleiss von seiner, bei möglichster Sparsamkeit von seiner Frau Seite, es am Ende des Jahres ihm gelang, beide Enden zusammenzubringen, wie er es nannte; das heisst, wenn seine Ausgaben seine Einnahme nicht überstiegen. War er aber vollends so glücklich gewesen eine kleine Summe erübrigt zu haben, die er zu seinem Kapital schlagen konnte, so hätte er in dem Augenblicke gewiss nicht mit dem Lord Mayor von London getauscht.

Nach Beendigung des frugalen Mahles zog Master Wood, mit einiger Umständlichkeit, einen dicken Brief hervor, und machte Anstalt ihn seiner Frau vorzulesen; denn kein Engländer wird während der Mahlzeit von Geschäften sprechen; auch hatte Misstress Wood äusserlich ganz gelassen, wenn gleich vor innerer Ungeduld brennend, diesen Zeitpunkt abgewartet. Das Schreiben war von einem bedeutenden Correspondenten ihres Mannes, dem reichen und angesehenen Strumpfhändler Smit in London und der Anfang desselben kam der guten Frau zwar ganz angenehm, aber keinesweges besonders merkwürdig oder interessant vor. Es entielt einige Bestellungen im Fache ihres Gatten, deren Ausführung freilich einen ziemlich bedeutenden Vorteil abzuwerfen versprach.

Jetzt, Sally, gieb Acht, nun kommt das Beste, rief Master Wood, indem er das Blatt umschlug, und zugleich seine Frau bemerken liess, wie bis dahin der Brief von dem Handlungsdiener seines geehrten Gönners und Freundes, der nun folgende Zusatz aber von ihm selbst eigenhändig geschrieben sei; dann las er:

"Seit unsrer ersten kommerziellen Verbindung, werter Sir, besonders aber seit ich Sie und Ihre Familie persönlich kennen lernte und von Ihnen eingeladen wurde, bei einem Ihrer Söhne Patenstelle zu vertreten, habe ich mir immer gewünscht, durch mehr als blosse Worte mein aufrichtiges Wohlwollen und meine Teilnahme Ihnen zu beweisen, und die gelegenheit dazu hat sich gestern ganz unerwartet gefunden.

Sir John Murray, mein sehr ehrenwerter Freund, dessen grosses Übergewicht an der Londoner Börse Ihnen gewiss nicht unbekannt ist, und mit dem ich zuweilen von Ihnen und der zahlreichen Familie gesprochen, mit welcher es dem Herrn gefallen Sie zu segnen, hat mir, in Hinsicht auf Sie, einen Vorschlag getan, der mir zu annehmbar scheint, als dass man vernünftiger Weise nicht darauf eingehen dürfe.

Ein sehr vornehmer russischer grosser, ungefähr das, was man in unserm land einen Lord und Pair des Reiches nennen würde, hat durch den berühmten Banquier Gross in