Eugen, zur ungewohnt späten Abendstunde noch aufzusuchen.
So ohne alle Umstände? sans façon, ungemeldet? in Häusern wie dieses, pflegt das doch sonst nicht gebräuchlich zu sein; wandte mit anmassendem Hohnlachen ein junger, sehr wüst und roh aussehender Mann ein. Er hiess Lunin, Richard war ihm früher in Moskau, in jener ihm so wenig zusagenden Gesellschaft, zuweilen begegnet.
Unter Brüdern bedarf es keines solchen Ceremoniels; Richard hat bei mir Bruderrecht; erwiderte kurz und stolz Eugen.
Sind Sie bereit, Ihre Aussage mit einem heiligen Eide hier feierlich zu bekräftigen? fragte ernst, aber nicht unfreundlich, Obrist Pestel.
Dann bringt nur gleich eine Bibel herbei, eine englische, rief sehr überlaut Lunin; ich kenne ihn, er ist ein Engländer. Das Volk ist wie die Juden; nach den Gebräuchen seines Landes und Glaubens muss man ihn schwören lassen, sonst hält er sich dadurch zu nichts verbunden; er muss das Buch küssen, sonst gilt sein Eid nichts; setzte er frech lachend hinzu.
Richard blickte verachtend ihn an. Ich bin in England geboren, erwiderte er mit ernster Würde: ich bin weit davon entfernt, das Land meiner Geburt verläugnen zu wollen, aber ich bekenne zugleich, Russland ist mein eigentliches geliebteres Vaterland, dem ich alles verdanke, seit ich fühle und denke; denn mein Geschick hat in sehr früher Jugend mich meinem Geburtslande völlig entfremdet. Dankbarkeit, Gewohnheit, Erziehung und das heiligste innerste Gefühl meiner Brust, haben mich hier längst nationalisirt; der Kaiser dieses grossen Reiches ist auch der meinige, setzte er, diese letzten Worte betonend, mit einem Blicke auf seine Uniform hinzu; für die Wahrheit meiner Aussage bin ich bereit mein Ehrenwort zu verpfänden, doch einen andern Eid leiste ich nicht. Wer aber einer Lüge mich verdächtig machen will, der trete gegen mich auf, Mann gegen Mann.
Auch ich setze mein Ehrenwort an das Seinige, rief in schönem Eifer Fürst Alex.
Ich stimme dafür, dass der Eid gegen sein Ehrenwort ihm erlassen werde, denn, wäre er ein Niederträchtiger, dem dieses nichts gilt, so würde auch der feierlichste Eid ihn nicht binden; entschied Obrist Pestel.
Freunde, Brüder! nahm Fürst Andreas jetzt das Wort, indem er hervor neben den Obristen Pestel trat; gönnt mir einige Augenblicke Eure Aufmerksamkeit mit dem Vertrauen, das ich von Euch erwarten zu dürfen mir bewusst bin. Beseligt durch das freudigste Vatergefühl, habe ich meine beiden Söhne unserm hohen heiligen Bunde der ächten treuen Kinder unseres grossen Vaterlandes zugeführt; überzeugt, dass auch mein geliebter Pflegesohn Richard, den heute ein tückischer Zufall, leider störend und unerwartet, in unsre Mitte geworfen, ein nicht minder würdiges Mitglied desselben werden würde, lag es stets in meinem Plane, auch diesen Euch zur Prüfung vorzuschlagen; es war sogar meine Absicht, noch vor dem Schlusse unsrer heutigen Versammlung diesen meinen Vorsatz in Ausführung zu bringen, der durch die Entfernung, in welcher Richard bis vor kurzem in Moskau lebte, aufgeschoben worden war.
Die Zeit der Überlegung, der Beratung, welche mehr das ernste Erforschen dessen, was Not ist, von Seiten der Erfahrenern, Zeit- und Weltkundigeren unter uns erforderte, als den zwar wohlmeinenden, aber oft übereilten Eifer unsrer jüngeren Brüder, ist nun grösstenteils vorüber. Die Statuten unsres Bundes, die gesetz desselben, die Pflichten, welche zu erfüllen wir beim Eintritte in denselben uns anheischig machen, sind endlich festgestellt. Die Zeit des Wirkens und Schaffens, der Ausführung des früher zum Wohle des heiligen Vaterlandes Beschlossenen ist da; sie wird der rüstigen Tatkraft unserer jüngeren Brüder ein weites Feld eröffnen, und in jeder Hinsicht die Vermehrung ihrer Zahl wünschenswert machen.
Und nun tritt hervor, mein Sohn, setzte Fürst Andreas hinzu, indem er Richards Hand ergriff; frei darf ich es aussprechen, dieser Jüngling ist würdig, bei dem grossen Werke, das wir unternommen und mit der hülfe Gottes ausführen werden, als Bruder und Helfer uns zur Seite zu stehen, denn ich kenne ihn; unter meinen Augen wuchs er auf, mit meinen Söhnen zugleich habe ich in meinen grundsätzen ihn erzogen, und der glücklichste Erfolg lohnte mein redliches Bemühen. An Geist und Gemüt, an Mut und Festigkeit, an Willen und Beharrlichkeit, das Gute und Rechte zu fördern, steht er keinem der Besten unter uns nach. Und nun, Brüder, entscheidet über ihn.
Der Fürst setzte nichts weiter hinzu, auch seine Zuhörer schwiegen, nur ein leises Geflüster lief durch die Reihen derselben. Endlich nahm Obrist Pestel wieder das Wort:
Richard Wood entferne sich unter der Aufsicht seiner brüderlichen Freunde, der Fürsten Eugen und Alex, während die Ältesten, nach unserm Gebrauche, über seine Aufnahme in unserm Bunde mit einander Rat pflegen. Unsre allgemeine Versammlung ist für heute geschlossen; Ort, Tag und Stunde der nächsten wird den Brüdern auf gewohnte Weise kund getan werden. Wandelt hin, durch Dunkel zum Licht! setzte er verabschiedend hinzu.
Der grösste teil der Anwesenden zerstreute sich; durch verschiedene Ausgänge verloren sie sich einzeln und lautlos in den an Eugens wohnung anstossenden öden Höfen und Gärten. Gleich einem Nachtgesicht waren alle nach wenigen Minuten spurlos verschwunden. Eugen und Alex zogen sich mit Richard in ein Kabinet, welches keinen andern Ausgang als durch den Saal hatte, zurück, und unter dem Vorsitze des Obristen Pestel blieben nur die Ältesten und Angesehensten der Verbündeten, die Fürsten Andreas, Trubetzkoy, die Murawieffs und noch einige Andre im saal versammelt. Haltet