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hätte er es getan; aber ihm gerade gegenüber, in einem Armstuhle sitzend, gewahrte er die ehrfurchtgebietende Gestalt seines Wohltäters, des Fürsten Andreas; ein unbeschreiblich bängliches Gefühl, eine Ahnung herannahenden Unheils, bemächtigte bei diesem Anblikke sich seiner, und fesselte ihn an den Platz, wo er eben stand.

Doch nicht nur der Fürst selbst, auch dessen Söhne Eugen und Alex, der Fürst Konstantin Nataliens Gemahl, fast alle Verwandte, alle näher Befreundete des Hauses waren zugegen. Nächst diesen viele Männer von anerkannt edlem Charakter aus den geachtetsten und vornehmsten Familien des russischen Reiches, die mehresten unter ihnen Richard wohlbekannt, und zum teil in näherem freundlichem Verhältnisse ihm zugetan.

Die Gegenwart aller dieser Personen hätte über den Zweck dieser Versammlung ihn füglich beruhigen können; höchstens hätte er eine Beratung über irgend einen jener Lieblingspläne des Fürsten Andreas darunter vermutet, mit denen dieser sich noch immer gern beschäftigte, und auch seine Söhne dafür zu interessiren sich bemühte; etwa ein Projekt zur Verbreitung höherer Kultur unter dem volk, oder sonst ein auf die Verbesserung des bürgerlichen Wohlstandes abzweckendes Unternehmen. Aber diesen geliebten und verehrten Gestalten waren auch ihm ebenfalls wohl bekannte andrer Art, wie Unkraut dem Weizen beigemischt. Leute, von denen ihm auch nicht im Traume eingefallen wäre, dass sie jemals hier hätten Zutritt erlangen können, erblickte er, völlig wie einheimisch sich geberdend.

Da stand Einer unter andern, ihm gerade gegenüber, im Hintergrunde des Saales, einige Schritte hinter dem Armstuhle des Fürsten Andreas, ein vielleicht absichtlich gewählter Platz. Richard hätte unbedenklich es beschwören mögen, dass dieser Mann kein andrer sei als der Freund der Frau Marina, der sogenannte Baron vom Pharaotisch. Zwar hatte er den braunen Überrock sammt der grünen Brille abgelegt, auch waren seine Haare bedeutend dunkler; solche leicht auszuführende Veränderungen aber täuschen nicht leicht den aufmerksam beobachtenden blick eines Unbefangenen.

Andere Figuren, augenscheinlich vom nämlichen Gelichter, befanden sich, wie durch Zufall, einzeln durch alle Reihen der Anwesenden zerstreut; Leute, denen an andern, mitunter ziemlich zweideutigen Orten begegnet zu sein, sich Richard deutlich erinnerte, ohne jedoch ihre Namen zu kennen. Je länger seine Blicke im saal umherstreiften, je mehr bekannte Gesichter traten ihm entgegen, grossenteils namen- und sittenlose junge Leute, dem Trunke, dem Spiele und jeder Ausschweifung ergeben, in deren Umgang er zu seinem grossen Leidwesen seinen Freund Iwan verstrickt gefunden; zu seinem höchsten Erstaunen erblickte er sogar einige eifrige Mitglieder und Beförderer jener die Welt verbessernden Gesellschaft in Moskau, in welche er selbst, sehr gegen seinen Willen, durch Iwan verwickelt gewesen, und die er in Petersburg anzutreffen nimmer vermutet hätte. Wie das alles hier, in Eugens Zimmer, zusammengekommen sei, war und blieb ihm ein unauflösbares Rätsel.

Wenig Minuten waren hinreichend, um alle diese Bemerkungen zu machen; doch überrascht von dem Unerwarteten, war Richard während derselben kaum seines Daseins sich bewusst geblieben. Das Herz klopfte hörbar ihm in der Brust, wild jagte, mit betäubendem Sausen, das Blut durch alle seine Adern; erst als dieser Tumult in seinem inneren sich etwas legte, und er dadurch zu einiger Besinnung gelangte, ward er auf eine stimme aufmerksam, die bis jetzt in klangloser unverständlicher Monotonie unbeachtet an ihm vorüberrauschte. Eine unter den vor ihm in der tür Stehenden zufällig sich bildende kleine Lücke, zeigte ihm in der Mitte des Saales einen mit Schreibmaterialien, Journalen, Broschüren, Mappen und Büchern bedeckten Tisch, und hinter demselben, den rücken der tür und folglich auch ihm zugewendet, einen stattlichen Mann, von militairischem Ansehen, der nach kurzem Ausruhen in diesem Augenblicke den Faden seiner Rede wieder aufnahm.

Vereinte zum Bunde des Heils, ächte getreue Kinder des Vaterlandes, Boyaren, Männer und Brüder, sprach er, ihr habt aus meinem Vortrage jetzt vernommen, dass die aus unsrer Mitte erwählte Elite, bei welcher ich den Vorsitz zu führen gewürdiget worden bin, sich aus hinreichenden Gründen bewogen gefühlt hat, den von einem der getreuesten Söhne des Vaterlandes, Alexander Murawieff ausgegangenen, und von den nicht minder würdigen und getreuen, Obrist Fürst Trubetzkoy und Nikita Murawieff unterstützten Vorschlag, nach reiflicher Überlegung einstimmig als unausführbar zu verwerfen.

Allerdings muss der Gedanke auf den ersten Anblick gross und im blendendsten Glanze erscheinen, unsern neuen Bund für das wahre Heil unsres geliebten heiligen Vaterlandes mit jener, seit Jahrtausenden bestehenden ehrwürdigen Verbindung der Freimaurer, und den unter dem Schleier des tiefsten Geheimnisses allen Ungeweihten verborgnen Gesetzen und Gebräuchen der Loge, zu verbinden und in Einklang zu bringen; aber die Wissenden unter uns, die wenigen Eingeweihten, die tiefer in jene Geheimnisse eingeführt wurden, sind gewiss schon längst durch ernsteres eigenes Nachdenken in ihrem Herzen überzeugt, wie unmöglich dies sei. Durch die eben vorgetragenen Gründe, denen noch mehrere hinzugefügt werden könnten, welche aber alle hier auseinander zu setzen, zu zeitzersplitternd werden möchte, hoffe ich auch meine übrigen Zuhörer, sie mögen nun in jene Geheimnisse teilweise eingeweiht sein oder nicht, über die Unausführbarkeit jenes Vorschlages vollkommen ins Klare gesetzt zu haben.

Der triftigste, alle andern überwiegende, jedem einleuchtende Grund gegen diese, sonst so wünschenswürdige Vereinigung, bleibt immer der, dass jene ehrwürdige Gesellschaft, obgleich über ganz Europa verbreitet, durch ihren Ursprung, ihre innere Einrichtung, ja durch ihre nicht zu umstossenden Urgesetze, verpflichtet ist, bei ihrer grossen Ausdehnung sich dennoch auf eine verhältnissmässig kleine Anzahl ihrer Verbündeten zu beschränken. Sie gleichen edlen Schatzgräbern, die beim Scheine des dem Himmel entwandten heiligen Feuers des Prometeus, im Dunkel