1837_Schopenhauer_092_36.txt

los: Kleinmütiger, Verzagter, sprach er, Wunder geschehen nicht mehr! bist Du denn dessen so gewiss? Hast Du den Schleier der Zukunft gelüftet? weisst Du was vielleicht dicht neben Dir sich bereitet? bist Du im stand genau zu berechnen, was, vielleicht in sehr kurzem, sich Unerwartetes ereignen kann? Sohn unsrer ereignissreichen Zeit, die schon so viele Wunder ihm vorführte, wie darfst Du behaupten, es geschehen keine Wunder mehr!

Mit diesen Worten brach Eugen das Gespräch ab, und wendete der übrigen Gesellschaft sich zu; Richard glaubte zu bemerken, dass er im Verlaufe dieses Abends jede gelegenheit, es wieder anzuknüpfen, absichtlich vermied. Im vergeblichen Streben, die eigentliche Meinung von Eugens letzten Worten sich zu erklären, brachte Richard eine lange schlaflose Nacht hin, und stand am Morgen mit dem festen Vorsatze auf, die Sonne nicht untergehen zu lassen, ohne diese Erklärung von seinem Freunde erhalten zu haben. Dienstverhältnisse von seiner, andere Verhinderungen von Seiten Eugens, hielten indessen, sehr wider ihren Willen, beide Freunde während mehrerer Tage von einander entfernt; und selbst am letzten von diesen wollte es Richard nur zur ungewohnt späten Abendstunde gelingen, zu Eugen eilen zu können.

Eine ruhige, von jedem Geräusche möglichst entfernte wohnung, war von jeher, selbst mit Aufopferung mancher andern Bequemlichkeit, Eugens Lieblingswunsch gewesen. Daher hatte er auch in Petersburg, wie früher in Moskau, in einem abgelegenen, vom Hauptgebäude wie von der Strasse entfernten Seitenflügel des Palastes seines Vaters seine Zimmer sich gewählt, deren Fenster auf öde, mit hohen Mauern umgebene Höfe hinaus gingen, die fast nie ein menschlicher Fuss betrat. Richard wunderte sich, die tür diesmal verschlossen zu finden, was sonst nie der Fall war; auf sein klopfen wurde ihm zwar gleich geöffnet, und zwar, was als nicht minder ungewöhnlich ihm auffiel, von dem vertrauten Leibjäger des jungen Fürsten, dem einzigen Diener, der in diesem Zimmer sich befand, in welchem es sonst, nach Sitte grosser russischer Häuser, von dienstbaren Geistern wimmelte.

Alles schien an diesem Abende ein fremdes, unheimliches Ansehen hier gewonnen zu haben. Fast verlegen stand der ihm sonst so freundlich ergebene Jäger Wladimir vor ihm; er, der in diesem haus mit seinem jetzigen Herrn und Richard als beider demütiger Spielkamerad aufgewachsen war, und manche kleine Freiheit sich herausnehmen durfte, wagte es heute kaum ihn seitwärts, mit scheuen verstohlenen Blicken zu betrachten; Richard selbst fühlte sich dadurch beängstigt; er sah schweigend um sich her, und wurde in einer Ecke einen Haufen abgeworfner Mäntel, Säbel, Federhüte und Mützen gewahr, die auf eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft im Zimmer des Fürsten Eugen schliessen liessen. Dieses brachte ihn auf den Gedanken, ob er nicht vielleicht hier in eine Gesellschaft geraten könne, zu welcher ihm der Zugang versagt sei, zu der selbst dieser Diener Bedenken trüge ihn zuzulassen, hier, in den Zimmern seines innigsten Freundes, bei dem Bruder seiner Geliebten! Sein stolzer Sinn fing an sich mächtig zu regen, sein Herz schwoll, Empfindungen wurden in ihm wach, welche bei ähnlichen Anlässen ihn schon oft um so peinlicher gequält hatten, je ängstlicher er sich bemühte, sie aller Welt, wo möglich sich selbst, zu verhehlen. Schon war er im Begriff, hier an der Schwelle umzukehren, um sich nicht vielleicht einer Beleidigung auszusetzen, die er ungeahndet nicht hätte ertragen können, und nur Scheu, einen ihm schmachvoll dünkenden Schritt in Gegenwart des Dieners seines Freundes zu tun, hielt ihn noch zurück. Doch Wladimir schien plötzlich andres Sinnes geworden; mit gewohnter Ehrerbietung näherte er sich geschäftig, ihm den Mantel abzunehmen und öffnete, wie sonst immer, die tür zu dem Wohnzimmer seines Herrn. Jetzt erst erinnerte sich Richard, dass Gesellschaften der Art, wie er hier eine anzutreffen gefürchtet hatte, sich zwar nicht selten bei dem Fürsten Andreas und dessen Gemahlin zu versammeln pflegten, aber nie bei den Söhnen derselben. Ohne alles Bedenken trat er jetzt durch die ihm offen stehende tür, die gleich, sehr behutsam alles Geräusch vermeidend, hinter ihm geschlossen wurde, und fand abermals zu seiner grossen Verwunderung auch hier sich allein, wo er fest darauf gerechnet hatte, seinen Freund anzutreffen.

Doch ein dumpfes Geräusch in dem anstossenden grösseren, und deshalb selten gebrauchten Besuchszimmer seines Freundes, schien die Gegenwart mehrerer dort versammelter Personen anzukündigen; von neuem zweifelhaft geworden, ob unbemerkt sich zurückzuziehen nicht noch immer das Geratenste für ihn wäre, stand er abermals unschlüssig da. Einige bekannte, ihm freundlich tönende Stimmen liessen jetzt aus dem dumpfen Gemurmel der übrigen sich unterscheiden. Richard fing an, der zu reizbaren Furcht vor Verletzung seines Ehrgefühls sich recht herzlich zu schämen; er ging, zwar mit noch immer etwas unsichren Schritten, auf die nur angelehnte tür zu; unhörbar leise drehte sie sich in ihren Angeln. Richard stand erstarrt.

Dreissig bis vierzig Männer, einige stehend, andere sitzend, bildeten in zwei- bis dreifachen Reihen einen Kreis rings um den nicht sehr grossen, aber doch geräumigen Salon. Die der tür zunächst Stehenden waren mit dem rücken ihr zugewendet, Richard konnte unbemerkt alles überschauen, denn die allgemeine Aufmerksamkeit schien von einem in der Mitte des Kreises befindlichen gegenstand gefesselt, der für den Augenblick aber ihm noch nicht sichtbar war. Dass ein allgemeiner, sehr grosser und ernster, aber auch geheimer Zweck diese Alle hier versammle, war unverkennbar.

Noch war es Zeit, noch konnte Richard unbemerkt, wie er gekommen, sich zurück ziehen. Gern