und Richard sahen verwundert dem Unwesen zu, Frau Lange aber, die ihren Mann besser zu begreifen schien als die Übrigen, sass in einer Ecke und weinte helle Freudentränen.
Julie, was bist Du für ein Mädchen! ich bitte Dich um tausendgotteswillen, geliebte Seele, sei kein Klotz! fing Lange wieder an, als er zu Atem gekommen war: ich bitte Dich inständigst, werde vor Freude wenigstens so toll wie ich. Begreifst Du es denn noch immer nicht? der Kaiser war Dein Unbekannter, der Kaiser selbst; gleich fall' auf Deine Kniee und danke dem Himmel für die Ehre, die er Dir angedeihen liess. Der Kaiser hat mit Dir gesprochen, hat für Dich gesorgt, denke Dir das! er hat der Obhut dieser beiden Herrn Dich empfohlen, und jetzt sogar sich Deiner noch erinnert. Und Ihr, Ihr Herrn Militärs, Die Ihr mit bedenklichen Gesichtern stumm dasteht, fühlt Ihr denn gar nicht, was auch Euch heute Grosses widerfahren ist? Aber sagt mir nur, wie ging es zu, dass Ihr nicht gleich ihn erkannt habt? zwar war es nicht mehr ganz heller Tag, aber den da, dächte ich, sollte man auch in finsterer Nacht erkennen können; so wie er sieht nicht leicht ein gewöhnliches Menschenkind aus.
Aber bedenken Sie doch den Ort, die Tageszeit, und alle übrigen Umstände; Sie irren gewiss, es ist ja nicht möglich, wandte Richard ein.
Haben Sie jemals den Kaiser gesehen? fragte Lange ärgerlich.
Nur zweimal, von Ferne, bei der Revüe, und zwar zu Pferde: war die Antwort.
Bah! das will nicht viel mehr als gar nichts sagen, erwiderte Lange den Kopf aufwerfend; ich habe dreimal dicht vor ihm gestanden, und er hat zu mir gesprochen, so leutselig! und hat mir, als ich einmal mich vor ihm hören liess, eine herrliche Dose geschenkt, Karoline soll sie Ihnen zeigen.
Julie wurde jetzt aufgefordert, die Gestalt ihres Befreiers zu beschreiben; sie tat es, so gut und so umständlich, als Angst und Dunkelheit ihr erlaubt hatten, dieselbe aufzufassen.
Es ist nicht mehr daran zu zweifeln, alles trifft aufs Genaueste zu; es war der Kaiser, rief Lange; und wie wäre es denn zu erklären, dass er kaum eine Stunde nach Juliens Heimkehr hier nachfragen liess? nach Julien, deren Existenz sogar bis jetzt ihm unbekannt geblieben, setzte Frau Lange hinzu: wie hätte ein solches, für jeden, ausser uns, im grund unwichtiges Ereigniss, so schnell bis zu ihm gelangen, und er so lebhaft dafür sich interessiren können?
Dieses war freilich ein Grund, gegen den sich wenig einwenden liess. Aber der Kaiser, ohne alle Begleitung, ganz allein, bei sinkender Nacht, in jenem abgelegenen verrufensten Winkel der Stadt? es ist kaum denkbar! wandten Richard und Iwan noch immer etwas ungläubig ein.
Nehmt mir's nicht übel, ihr Herrn, aber das schwatzt wie ein neugebornes Kind, sprach Lange; Ihr müsst in unsrer Kaiserstadt noch gewaltig neu sein, wenn Ihr nicht schon gehört habt, was jeder Narr hier weiss: dass nämlich der grosse Czaar Alexander, gleich seinem Vorgänger, dem grossen Kalifen von Persien, – Dings da, wie hiess er gleich? nun gleichviel! – dass nämlich unser Kaiser, den Gott erhalte, zuweilen, und zwar nicht selten, unbegleitet, ganz einfach angetan, meistens unerkannt, bei Tage wie bei Nacht, unter seinen Untertanen umher wandelt. Aber nicht etwa um, wie jener Kalif, auf Abenteuer auszugehen; nein es ist wie Goete sagt,
Soll er strafen, soll er lohnen,
Muss er Menschen menschlich sehen.
Und denken Sie dabei nur nicht an Gefahr für ihn, setzte Frau Lange freudig bewegt hinzu; der milde, der gerechte, der allgeliebte Vater seiner Untertanen, für den jeder unter uns willig das Leben lassen würde, was hätte er unter seinen Kindern zu fürchten!
Eine Magd trat in diesem Augenblicke ins Zimmer: Katinka, rief Frau Lange ihr zu, der Kaiser hat Julien begegnet, als sie in Angst war, weil sie sich nicht nach haus zu finden wusste; er hat freundlich mit ihr gesprochen, und sie, von diesen Herren sicher begleitet, zu uns führen lassen.
Freudig erstaunt schlug Katinka beide hände zusammen, küsste Juliens Kleider, ihre hände, und eilte hinaus. Gleich darauf hörte man die ganze Dienerschaft des Hauses im Vorzimmer laut werden, Katinka erzählte, alle jubelten über den menschenfreundlichen Kaiser, fast jeder unter ihnen wusste einen ähnlichen Zug von ihm vorzutragen, sie priesen und segneten ihn ohne Ende.
Sehen Sie, so finden Sie es überall. Keine Hütte ist so klein, kein Russe so arm, dass nicht Czaar Alexander, unbewacht und allein, unter dem Schutze desselben sein Haupt sorglos zum Schlummer niederlegen könnte, sprach Frau Lange. Der berühmte Pianofortist, Heinrich Lange, gehörte ungeachtet seiner ausgezeichneten Talente zu jenen barocken, anfangs abstossenden Erscheinungen im Leben, die man erst bei näherer Bekanntschaft erträglich, später aber achtungswert findet. Seine Gestalt, mehr noch als diese seine Art sich zu kleiden, gaben ihm einen Anstrich von Lächerlichkeit, der zwar belustigt, aber weder Liebe noch achtung erweckt.
Er stand in jenem etwas zweideutigen Mannesalter, schwankend zwischen vierzig und funfzig, in welchem Viele nicht recht zu wissen scheinen, ob sie noch zu den Jungen gehören, oder schon zu den Alten sich zählen müssen; was denn