1837_Schopenhauer_092_30.txt

Marina sich wenden, doch die Stelle, wo diese gestanden, war leer, sie sowohl als der Baron waren mittlerweile unbemerkt verschwunden. Hatte der Wind das edle Paar durch die Lüfte fortgeführt? hatte die Erde es verschlungen? keine Spur davon war weder hörbar noch sichtbar.

sonderbar! sprach der Unbekannte vor sich hin; es waren ihrer zwei, wo sind sie hin? kannten Sie diese Leute? und wer waren sie? fragte er, an den ihm zunächst stehenden Richard sich wendend.

Nur von Ansehen, versicherte dieser in seinem und seines Freundes Namen.

Es lag in der Gestalt, im Wesen, in der Sprache des Unbekannten etwas seltsam Überwältigendes, Ehrfurcht und Gehorsam Gebietendes, dem weder Richard noch Iwan zu widerstehen vermochten. Offen und wahr gaben beide ihm alle Auskunft über sich selbst, die er verlangte. Auch Julie Reinert wurde ruhiger, als fühle sie sich unter der Obhut eines mächtigen, ihr wohlwollenden Beschützers. Auf seinen Befehl überliess sie sich ohne Weigerung der Führung der beiden jungen Männer, denen er den Weg zu der wirklich nicht sehr entfernten wohnung des Musikers Lange deutlich beschrieb. Noch heute werde ich mich erkundigen lassen, ob das Ihrem Schutze empfohlene Frauenzimmer sicher zu haus gekommen ist; übrigens sind auch Ihre beiden Namen mir nicht fremd, rief er beim Fortgehen mit ernstem Nachdruck den Freunden noch zu, und war nach wenig Augenblicken den ihm nachschauenden Augen, in der schon zur Nacht sich verdickenden nebelhaften Dämmerung verschwunden.

Still und schweigend gingen alle drei raschen Schrittes den ihnen angedeuteten Weg, und gelangten, ehe sie es vermuteten, aus dem verworrenen Labyrinte der engen Gässchen in eine der breiten, hell erleuchteten und volkreich belebten Strassen von Petersburg, ganz nahe an Herrn Langes wohnung.

Ist mir doch als hätte ich lebendigen Leibes, mit weit offenen Augen, ein Mährchen erlebt, wie man sie sonst wohl auf dem Teater nur aufführen sieht, fing Iwan jetzt an. War es doch als stünde ein mächtiger Zauberer vor uns, dem wir gehorchen und Rede stehen mussten, wie er es verlangte. Und wo sind nur der Baron und die saubre Frau Marina hingekommen? Begreifst Du etwas von dem Allen, Richy? Du bist doch sonst immer viel verständiger als ich.

Es wäre gewiss verzeihlich, wenn man sich hier verleitet fühlte, an eine überirdische Erscheinung zu glauben, die der Unschuld sich annimmt, und böse Geister verscheucht. Wer kann dieser Unbegreifliche sein? erwiderte Richard nachdenklich.

Mein schützender Engel in Menschengestalt! frohlockte Julie Reinert, die, seit sie jenes Gewinde enger Gässchen hinter sich gelassen hatten, ganz getrost worden war. Ein kleiner, in Mütze und Pelz wohl verwahrter, mit einem keulenartigen Stocke und einem Regenschirme wohl bewaffneter Mann, trat in diesem Augenblicke ganz keck auf sie zu; Julie, sobald sie ihn gewahrte, warf mit einem Freudensprunge sich ihm in die arme, so dass der Kleine Stock und Regenschirm darüber fallen lassen musste.

Bist Du es? bist Du es auch ganz gewiss? rief er auf deutsch, und zog sie vorwärts, um beim Schein einer Strassenlaterne sie besser zu betrachten. Ja Du bist es, Du desertirter Kanarienvogel, herein mit Dir in Deinen Käfig; ob Du uns Not gemacht hast, Du malitiöse person! Jetzt eben jagte Frau Karoline mich zum haus hinaus, ohne Dich soll ich ihr nicht wieder vor die Augen kommen. Aber ist das auch eine Art? bis in die sinkende Nacht, so ganz alleinaber wo ist mein Schirm und mein Stockei da sind ja auch ein paar Herren, also nicht ganz allein? Guten Abend, meine Herren, wen habe ich die Ehre zu sprechen? damit stellte der kleine bepelzte Mann sich kerzengerade, dicht vor die beiden Freunde, in einer etwas herausfordernden Stellung hin.

Mühsam des Lachens sich erwehrend, beantworteten Iwan und Richard auf das Höflichste die an sie ergangene Frage; berichteten dann in wenigen Worten, wie sie die junge Dame in einiger Verlegenheit getroffen, weil sie sich nicht nach haus zu finden gewusst, wie sie sich ein Vergnügen daraus gemacht hätten, sie sicher zu begleiten, und wie sie sich jetzt empfehlen wollten, indem sie das fräulein in Sicherheit bei den Ihrigen sähen.

Aber der Kleine wollte das nicht erlauben; halt, rief er, das gilt nicht; wie der Fuchs vom Taubenschlage wegschleichen, ohne förmlichen Bericht? ohne schuldige Danksagung von unsrer Seite, wollte ich sagen; setzte er sich besinnend hinzu. Die da lacht zwar jetzt, aber das soll ihr schon vergehen, wenn die gestrenge Hausfrau dort oben ein schweres Gericht über sie ergehen lassen wird, wie sie es denn nicht anders verdient.

Die gestrenge Hausfrau, wie Herr Lange seine eigene hübsche Frau nannte, erschien in diesem Augenblicke selbst; ein allerliebstes, kugelrundes Figürchen, nicht zu jung, nicht zu alt. Sie lachte und weinte, sie schalt und liebkoste Julien, alles das in einem Atem, indem sie dieselbe in Empfang nahm. Unter ununterbrochenem liebenswürdigem Geschwätz eilte sie mit ihr ins Haus, die Treppe hinauf, ins Zimmer hinein; dankte zehnmal den Begleitern ihres Lieblings, versicherte, gleich morgenden Tages der Schwester einen derben Leviten lesen zu wollen, weil sie die Kleine habe allein gehen lassen, schilderte die Todesangst, die sie über das lange Aussenbleiben derselben inzwischen ausgestanden, schalt ihren Eheherrn einen Träumer, weil er sich nicht rechtschaffen mit ihr geängstiget habe, wie es doch seine Pflicht wäre, schäfftelte dabei immer im Zimmer umher