aufgewachsen sei; doch diese traurige Wahrheit drückte ihn nicht mehr zu Boden; er hatte die Überzeugung gewonnen, geliebt zu sein, und diese erhob ihn wieder; sie tröstete ihn über Alles, was er früher entbehrt hatte, ohne es zu empfinden.
Ungeachtet der vor ihm ausgebreiteten Reichtümer schien Richard aber doch noch etwas zu vermissen; er suchte und suchte mit steigender Ängstlichkeit, bis er endlich auf dem grund der Schatulle ein ziemlich zerlesenes Büchelchen fand, eine englische Taschenausgabe des Vicar of Wakefield, und in demselben als Buchzeichen ein Stückchen blaues Silberband. Alles übrige war nun vor seinen Augen verschwunden; die auf dem Tische ausgebreiteten Herrlichkeiten mochten liegen bleiben wie sie lagen, er warf mit seinem Funde sich in den nächsten Sessel, und schien eifrig die unscheinbaren Blätter zu studiren. Ob er wirklich darin las? wer mag das sagen.
Nun, Bruderherz, spielst Du auch hier noch immer den Gelehrten? rief eine tiefe sonore stimme neben ihm, und ein leichter Schlag auf die Achsel begleitete die Frage. Richard blickte auf; Iwan Yakuchin, Unteroffizier des Regiments, zu welchem auch er von heute an gehörte, stand vor ihm, ein ihm sehr lieber, wenn gleich nicht alter Bekannter; denn Iwan war erst seit wenigen Monaten aus dem südlichern Russland nach Moskau gekommen.
Er war an Leib und Seele ein roher Diamant, dieser Iwan; ein treues, tapfres, redliches Gemüt, dessen seltnen Wert Richard auf den ersten blick erkannt hatte; obgleich er weit davon entfernt war, ihn seinem weit höher gebildeten Freunde Eugen gleichzustellen, dessen ganzes Wesen durch die zartesten, innigsten Bande dem Seinigen auf das unzertrennlichste verzweigt war. Iwan aber hatte mit seinem heissen, liebebedürfenden, durch die erste Trennung vom väterlichen Heerde schmerzlich verletzten Herzen, sich an die Brust des Jünglings geworfen, dessen milde edle Erscheinung ihn unwiderstehlich anzog; er war nicht gewohnt, das was in seinem Gemüte vorging, bis auf gelegenere Zeit weltklug zu verbergen, und Richard war eben so wenig dazu geeignet, eine ihm entgegenstrebende Neigung hart und kalt von sich abzuweisen.
Nicht nur als Kamerad, auch als Nachbar komme ich in dieser späten Stunde Dich zu begrüssen; denn wenn gleich weite Hallen, lange Korridors und einige Höfe zwischen uns liegen, so wohnen wir doch eigentlich unter einem Dach, sprach Iwan und schüttelte treuherzig dem Freunde die Hand. Was bin ich froh, Dich der parfümirten, vornehmen Atmosphäre endlich entronnen zu sehen, in welcher ein geheimes Etwas unser Einem, mir wenigstens, immer den Atem versetzt! fuhr er fort. Jetzt erst, Herzensbrüderchen, wirst Du recht aufleben, wenn Du fühlst und einsiehst, was es sagen will, sich selbst angehören, sich nach eigner Willkür regen und bewegen, frei von den tausend Banden, mit welchen jene Kneesen, Fürsten, oder wie man sie nennen will ...
Vater und Mutter, Brüder und Schwestern, sind, die Du meinst, mir gewesen; sie sind es mir noch, und werden es bleiben, und ich will auf keine Weise sie schelten hören: fiel Richard heftig mit zornblitzenden Augen ihm ein. Und wenn ich sie nie wiedersähe, und wenn sie ihre Hand ganz von mir abzögen, sie bleiben das Kleinod meines Herzens, an dem ich hänge, fester als am eigenen Leben. Habe ich nicht, ausser diesem, i h n e n alles zu verdanken? und ich will sie nicht verunglimpfen hören, nicht durch den Schatten eines sie herabsetzenden Gedankens.
Nun nun! nun nun! erwiderte Iwan sehr gutmütig, ereifre Dich nicht, ich meine es ja nicht böse. Ich will mich ja gern fügen, wenn man mir nur das Verständniss öffnet. Ich kenne ja nichts, bin hier noch nagelneu, weiss noch von gar nichts; nicht einmal wer Du eigentlich bist. Als ich auf der Reitbahn zum erstenmale Dich sah, hätte ich Dich beinahe auch für so ein Fürstenkind gehalten. Und vielleicht bist Du es auch, denn hier sieht es doch gewaltig fürstlich aus! rief er plötzlich, indem er jetzt erst den mit glänzenden Geschenken bedeckten Tisch gewahr wurde. Was für Reichtümer! Hilf Gott, dergleichen kommt mir nicht einmal im Traume vor.
Richard, in der noch nicht verklungenen Freude seines Herzens, und zugleich froh dem Gespräch dadurch eine andre Wendung geben zu können, beeiferte sich seinem Freunde mit der grössten gefälligkeit jedes Stück einzeln zu zeigen, und ihm den Gebrauch von manchem derselben zu erklären. Denn der gute Iwan war ein ebenso grosser Neuling in Hinsicht dessen, was die elegante Welt unentbehrlich nennt, als des Lebens in und mit ihr. Zugleich nannte Richard bei jedem der Geschenke ihm den Namen des Gebers, und suchte bei einigen derselben ihm begreiflich zu machen, durch welche Nebenbedeutung diese einen unschätzbaren Wert für ihn erhielten. Iwan sah und hörte alles mit der grössten Aufmerksamkeit an: Brave Leute, gute Leute, vornehm aber gut, murmelte er dabei in abgebrochnen Sätzen vor sich hin; ja wohl Eltern und Brüder für Dich, musst sie ehren und lieben, Du kannst nicht anders. Nachdem Iwan alles sattsam betrachtet und bewundert hatte, ausgenommen den Vicar of Wakefield, der ihm nicht gezeigt worden war, und dem er auch wohl kein Interesse abgewonnen hätte, setzten beide Freunde in immer traulicher werdendem Gespräch sich zu einander hin. Iwan erzählte von seinen früheren Verhältnissen; von seinem alten Vater, einem wackern Landmanne am fuss des Kaukasus, von seiner fleissigen, noch im höheren Alter im