1837_Schopenhauer_092_29.txt

die Alte keifte, der Baron suchte mit einschmeichelnder Rede das Mädchen zu beruhigen.

Ich danke Ihnen sehr, gewiss ich bin Ihnen recht dankbar, liebe Madame, sprach es fast weinend in gebrochnem Russisch; aber lassen Sie sich erbitten, und nennen mir endlich den Namen der Strasse, wohin ich will und Sie die Güte haben wollen, mich zu führen; ich habe ihn zwar vergessen, aber ich besinne mich gleich wieder darauf, wenn ich ihn höre; es ist nur, damit ich gewiss weiss, dass Sie sich nicht vergebliche Mühe mit mir machen.

Was für Umstände! was denken Sie denn, wofür halten Sie mich? meinen Sie ich hätte Zeit und Lust, stundenlang hier mit Ihnen zu verweilen? erwiderte mit harter keifender stimme die Alte. Wenn ich Ihnen nun sage, Herr Lange ist mein guter Bekannter und nächster Nachbar, ist das nicht genug? Kurz und gut, Jungfer, entweder Sie gehen mit mir, oder Sie bleiben hier allein, mitten unter dem betrunkenen volk, das gleich hier aus den Branntweinskneipen herauskommen wird.

Frau Marina ist heftig, aber grundgut, sie ist meine alte Freundin, und Sie können sich ihr sicher anvertrauen, nahm jetzt der Baron das Wort.

Ach, ich fürchte mich so! seufzte das Mädchen.

Aber wovor? fragte der Baron, der erst seit ein paar Minuten den beiden sich zugesellt hatte; ich höre an Ihrem Dialekte, dass Sie eine Deutsche sind, und so bitte ich Sie, vertrauen Sie dem Worte eines Landsmannes Sie sind unter Freunden, fuhr er in deutscher Sprache fort, die gute. Frau wird Sie sicher führen. Ich selbst will sie beide begleiten, setzte er in russischer Sprache hinzu, der Weg ist zwar ein wenig weit, aber wir treffen wohl bald einen Wagen

Ach, mein Herr, weit von hier kann es nicht sein, das ist nicht möglich, unterbrach ihn das Mädchen; ich habe mich verirrt, und kann mich allein nicht wieder zurecht finden, aber ich bin gar nicht lange gegangen; weit von haus bin ich gewiss nicht.

Wenn man in der Angst vorwärts läuft, zählt man weder Schritte noch Minuten, erwiderte der Baron, daher nehmen Sie nur ganz unbesorgt den Arm an, den die gute Frau Marina Ihnen bietet, und lassen Sie uns machen, dass wir fort kommen.

Zwar unter Zittern und Zagen, aber doch hingerissen von dem vaterländischen Laute, war das Mädchen wirklich schon mehr als halb entschlossen, diesem Rate zu folgen, als Iwan plötzlich dazwischen trat.

Halt! rief er; auch ich kenne die gute Frau Marina, wenn gleich nur dem Rufe nach; doch das ist genug, um nimmer zugeben zu können, dass eine junge Dame, wie Sie, mit ihr geht. Hier steht mein Kamerad, wir beide sind bereit Sie hinzuführen, wohin Sie wollen, aber mit der da, wenn Ehre und – –

Wahrhaftig ein paar treffliche Begleiter, die sich Ihnen so ganz unverhofft anbieten, schrie die Alte laut auflachend: nun Jüngferchen, Glück zu, wenn Sie etwa lieber bei Nacht und Nebel mit ein paar jungen Militärs die Stadt durchziehen wollen, als mit einer ehrbaren Frau gehen – –

So bin ich wenigstens noch da, um mich meiner Landsmännin anzunehmen, und werde solch einen Scandal nimmermehr zugeben, rief der Baron, und trat auf die beiden Freunde zu, während das geängstete Mädchen jetzt wirklich anfing laut zu weinen. Wie, Ihr Herren, was unterfangt Ihr Euch, fuhr er fort, eine junge Dame auf öffentlicher Strassewisst Ihr wohl wer und was – –

Was gibt es hier? Worüber weint die junge person? erscholl plötzlich eine wohltönende, gebietende stimme. Ein grosser, in Mantel und Hut tief verhüllter Mann, der schon lange in einiger Entfernung den beiden Freunden gefolgt war, und wahrscheinlich ihr Gespräch, wenigstens zum teil mit angehört hatte, stand mitten unter ihnen; alles schwieg, betroffen von der eben so unerwarteten, als imposanten Erscheinung.

Sagen Sie mir, was Sie so traurig macht, Mademoiselle? vielleicht kann ich helfen, wiederholte mild aber ernst der Unbekannte. Wer sind Sie, wie heissen Sie? fragte er nochmals, als er von dem erschrockenen Mädchen keine Antwort erhielt.

Ach ich weiss nicht, ich weiss nicht, ich bin hier fremd, und habe in der grossen Stadt mich verloren, schluchzte das Mädchen besinnungslos.

Nun wie Sie heissen, und bei wem Sie wohnen, werden Sie doch wissen; denken Sie nur ein wenig nach, erwiderte der Unbekannte mit einem gewissen Tone der stimme, der deutlich verriet, dass es ihm schwer werde, das lachen zu unterdrücken.

Mittlerweile war das furchtsame Kind doch wieder zu einiger Fassung gelangt. Ich heisse Julie Reinert, sprach sie rasch und ängstlich hinter einander weg; ich habe keine Eltern, mein Vormund hat mich von Königsberg hieher zu seinem Bruder, dem Musiker Lange geschickt; ich bin erst seit vier Tagen hier; ich habe die Schwester der Frau Lange besucht, und habe auf dem Rückwege mich verirrt.

Also bei dem Pianofortisten Lange wohnen Sie? erwiderte der Unbekannte sehr freundlich; ich kenne ihn, und auch seine Frau; sie war früher eine sehr beliebte Sängerin bei unserm deutschen Teater. Fassen Sie Mut, mein Kind, Sie sind bei braven Leuten. Aber was hatten denn Sie, Madame, mit diesem jungen Frauenzimmer zu streiten? fragte er im Verhör fortfahrend, und wollte an Frau