1837_Schopenhauer_092_25.txt

! so! in diesem Übermasse von Wonne und Schmerz vergehen! war sein einziger Gedanke; wortlos gestaltete er sich in seinem inneren zum heissesten Wunsch, zum glühendsten Gebet. Zum erstenmal hielt sein Arm sie umfasst; Helenas Wangen, ihre Lippen glühten zum erstenmal dicht an den Seinen. In ihrem Anschauen verloren blickte er regungslos sie an; so still, so frei von jedem irdischen Wunsche, mögen Fromme der Vorzeit, die einer himmlischen Erscheinung gewürdiget wurden, zu ihrer Heiligen aufgeblickt haben.

Ohne sich dessen deutlich bewusst zu sein, hatten Beide aus ihrer knieenden Stellung sich erhoben. Hand in Hand, Auge in Auge, sassen sie schweigend neben einander. Das lange nicht geahnete, hoffnungslose geheimnis ihres unschuldigen Herzens hatte dieser schmerzliche Augenblick Helenen entüllt, auch Richard vermochte nicht mehr sich abzuleugnen, was er so lange vor sich selbst zu verbergen gestrebt hatte. Keine Erklärung, kein geständnis kam über ihre Lippen, ihre Herzen hatten gesprochen, hatten sich verstanden; sie bedurften keiner Worte.

Plötzlich stand Eugen vor ihnen; im ersten Augenblicke fuhr er wie erschreckt zusammen, fasste sich aber schnell wieder; den ernsten traurigen blick auf den Freund und die Schwester geheftet, stand er ziemlich lange da, ehe einer von ihnen seiner gewahr wurde; laut weinend sank Helena an das Herz des geliebten Bruders.

Mit sanfter Gewalt drängte er sie zurück auf das Sopha, ergriff ihre und Richards Hand, und hielt beide vereint in der Seinen. Auch s e i n Auge erglänzte in Tränen, auch s e i n Herz war schwer und beklommen. Ihm war, als ob der undurchdringliche Vorhang der Zukunft sich eine Sekunde lang vor ihm lüften wolle, und schwere Ahnung, bange Besorgniss wollten sich seiner bemeistern. Doch sein froher Jugendmut, seine ihm angeborne Art, immer das Beste zu hoffen, hielten ihn aufrecht.

O weine nicht so, meine Helena, mein liebes holdes Kind, es bricht mir das Herz, sprach er, und trocknete liebkosend ihre Wange; und Du, mein Bruder, sieh nicht so ungewiss, so zweifelnd mich an, setzte er zu Richard gewendet hinzu. Strebe nicht, Dein Gefühl mir zu verbergen, Du bemühst Dich vergebens; hast Du vergessen, dass ich die Kunst verstehe, in Deiner Seele, wie in einem offenen buch zu lesen? arme Helena! Du weinst Deine ersten wahrhaft bittern Tränen, ach! warum musst auch Du den Schmerz des Lebens so frühe kennen lernen! sprach er leise und gerührt.

Du weisst es also auch schon? hat auch Dir der Vater es erst heute entdeckt, wie mir die Mutter? klagte Helena; Eugen, lieber guter Bruder, ich soll fort von hier, Du auch, wir müssen nach Petersburg, auf lange Zeit, vielleicht auf immer, denn die Amme meint, sie wollen mich dort verheiraten, und Du weisst, die Mutter sagt ihr alles. Richard soll hier bleiben, und ich kann ohne ihn in der grossen fremden Stadt nicht sein, ich kann, ich will keinen von Euch Beiden entbehren, auch keinem Dritten angehören; Du und er sind meine Welt. Sie hätten uns, mich und Richard, nicht so an einander gewöhnen, einander nicht so lieb gewinnen lassen sollen, wenn sie uns nicht zusammen lassen wollten! setzte sie, beinahe wie ein trotziges Kind, hinzu.

In welchem Lichte steh' ich jetzt vor Dir, Eugen? sprach Richard; doch wenn Du wirklich noch in meiner Seele, wie in einem offenen buch zu lesen weisst, so wirst Du Deinen Freund – –

Bedauern? vielleicht; entschuldigen? gewiss nicht; Dich nicht, und auch Helena nicht, denn Ihr seid Beide reinen Herzens und ohne Schuld, unterbrach ihn Eugen; wer könnte mit Euch hadern wollen, weil Ihr nicht stärker seid als die natur? Die Kleine hat leider recht, setzte er wehmütig lächelnd hinzu; wollten sie vermeiden, was jetzt geschehen, so hätten sie Euch nicht in so vertrauter Gemeinschaftaber wie wäre das auszuführen möglich gewesen? Und war es ein Irrtum unsrer Eltern, dass sie nicht gleich bei zeiten eine Scheidewand errichteten, die jeden von uns in dem ihm vorgeschriebenen Gleise erhielt, so wollen wir sie deshalb nicht tadeln; wir alle drei verdanken diesem Irrtume eine höchst glückliche Kindheit, eine fröhliche unverkümmerte Jugend, diese holde Blütenzeit des Lebens, auf die selbst der Glücklichste in spätern Jahren noch mit sehnsucht zurücksieht. Und ist es denn so ganz unwiderruflich bestimmt, dass diese Blüten abfallen müssen, ohne uns Früchte zu bringen?

Richard wie Helena fühlten tief im Gemüte den wohltuenden Einfluss von Eugens mildem gelassnem Benehmen in einer, für ihn gewiss nicht leicht in allen ihren Folgen zu übersehenden Situation. Die furchtbare Spannung, zu der sie durch das ganz Unerwartete hinauf getrieben worden waren, liess nach, und sie gelangten allmälig zu einer ruhigeren Stimmung.

Ist jemand unter uns als schuldig zu bezeichnen, so bin ich es, sprach Eugen im Verlaufe des jetzt unter ihnen entstandenen, weniger leidenschaftlichen Gespräches; ich war der Unbefangenere, an mir wäre es gewesen, für Euch Beide zu überlegen, zu bedenken, zwischen Euch vermittelnd einzutreten, Dich zu warnen, mein Bruder, Dich, meine süsse Helena, zurückzuhalten, und hätte es auch gewaltsam geschehen müssen. Und doch! was hätte meine Weisheit am Ende gefruchtet? wahrscheinlich so wenig, als alle Weisheit auf Erden, sobald ein mächtigeres Gefühl das Steuerruder ergreift. Nun so sei es darum,