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der Gesellschaft ausgeschlossen war, zu welcher er früher, als zum haus des Fürsten Andreas gehörig, unbedingt gezählt wurde, kümmerte ihn wenig. Ungern mochte er jetzt jener Zeit gedenken, die er, in glücklicher Unbekanntschaft mit seiner eigentlichen Stellung, in einer fast ununterbrochenen Folge von Festen und Vergnügungen verlebt hatte; sie erschien ihm jetzt wie ein langer betörender Rausch, an den man beim späten Erwachen nur mit Ekel und Widerwillen sich erinnern mag. Sein stolzer Sinn schauderte vor dem Gedanken zurück, auch noch ferner in erborgtem Schimmer zu glänzen; aber wenn er Abends an den hellerleuchteten Fenstern der Säle vorüberkam, zu welchen der Zutritt ihm jetzt versagt war, konnte er doch nicht unterlassen, mit innerm Behagen und berechnender Zuversicht der vielleicht nicht ganz fernen Zeit sich im geist zuzuwenden, in welcher durch Rang und Verdienst gehoben, es nur von ihm abhängen würde, mit besserem Rechte als ehemals, seine frühere Stelle dort wieder einzunehmenwenn es ihm nämlich so beliebe.

Aus erbittertem Trotz gegen das, was er in trüben Stunden des Missmuts als eine Unbill des Schicksals gegen ihn betrachtete, hätte er vielleicht einen seinem jetzigen Range, wenn gleich nicht seiner geistigen Bildung angemesseneren Umgang sich erwählt, und wäre darüber in einen Strudel von lockenden Verführungen und Gemeinheit geraten; doch Eugen stand wie sein guter Engel ihm treulich zur Seite, er wusste jeden Schatten eines Verdachtes, als sei irgend etwas zwischen ihnen beiden anders geworden, von seinem Freunde fern zu halten; keinen Tag liess er vergehen, ohne ihn in sein väterliches Haus zu führen, wo Richard stets als ein willkommner, von Allen gern gesehener Gast empfangen ward. Sobald andre Besuche dieses nicht verhinderten, durfte er völlig zwanglos und frei dem häuslichen Kreise dieser edlen Familie sich anschliessen, und wurde gleich den Söhnen des Hauses behandelt; auch in seinem Verhältnisse zu Helena war nichts abgeändert worden, allen andern jungen Freunden ihrer Brüder blieb sie unsichtbar, auf ihr einsames Zimmer und den Besuch einiger Freundinnen beschränkt; doch Richard durfte in Eugens Begleitung, oft aber auch allein, in Gegenwart der Madame Sommerfeldt oder auch nur der Amme, sie dort besuchen, um ihre stillen Abende auf gewohnte Weise zu erheitern, deren sie jetzt mehr als sonst hatte, seit Nataliens Verlobung mit dem Fürsten Konstantin bekannt gemacht worden war.

Auch die Fürstin Eudoxia blieb in ihrem freundlichen Benehmen gegen ihn sich gleich. Das herbe, verletzende Gefühl, welches die Amme durch ihre unvorsichtigen Mitteilungen in ihm aufgeregt hatte, wurde dadurch zwar nicht ganz besiegt, aber doch sehr gemildert; er vermochte nicht, der sich ihm aufdringenden Überzeugung zu widerstehen, dass die Worte der sonst so zart fühlenden Fürstin unmöglich in dem Sinne gemeint gewesen sein könnten, welchen die Amme, nach ihrer gemeineren Art, ihnen untergelegt, und dass Frau Elisabet in ihrer Redseligkeit sich manche Übertreibung habe zu Schulden kommen lassen, ohne es eigentlich zu wollen. Und so trug denn alles dazu bei, ihn zu beruhigen, und ihm die Veränderung seiner Lage weit minder fühlbar zu machen, als er es erwartet hatte.

Von der andern Seite war der unbeschränktere blick in die ihm näher gebrachte Welt, in die Leiden und Freuden, in alle ihm bis jetzt unbekannt gebliebene wechselnde Zustände des bürgerlichen Lebens, für ihn unstreitig ein Gewinn, der nur durch diese Veränderung seiner ganzen Existenz ihm hatte werden können. So seltsam und selbst verletzend Iwan Yakuchins Glückwunsch, zur Befreiung aus der vornehmen parfümirten Atmosphäre seiner hohen Beschützer, an jenem ersten Abende in seiner neuen wohnung ihm geklungen haben mochte, so fühlte er doch nach wenigen Monaten, wie viel Wahres darin gelegen. Er war sich bewusst, jetzt weit fester und sichrer aufzutreten, da niemand mehr ihm zur Seite stand, um im Notfalle ihn zu stützen oder zu leiten; er gewann mit jedem Tage mehr Vertrauen in sich und seine Kraft. In zweifelhaften Fällen wagte er es eine eigne Meinung zu haben, und wusste sich selbst zu raten, ohne zu Andern seine Zuflucht zu nehmen.

Seit er dem hemmenden Einflusse der die sogenannte gute Gesellschaft beherrschenden Konvenienzen entgangen war, bewegte er sich in einem ihm ganz neuen Kreise, in welchem Iwan anfänglich sein Führer, und hernach sein von ihm unzertrennlicher Begleiter wurde. Überall sah man die Beiden zusammen; im Teater, wo Richard nicht mehr von seines Gleichen geschieden, in einer Loge des ersten Ranges tronte, wie an öffentlichen Belustigungsorten. Moskau wimmelte damals von, aus dem allgemeinen Befreiungskriege erst seit kurzer Zeit heimgekehrten jungen Leuten; mehrere derselben schlossen den beiden Freunden zu vertrauterem Umgange sich an. Mancher Abend wurde in jubelnder Lust, öftrer noch in ernstem, tief eindringendem gespräche in diesen Versammlungen hingebracht; denn seit jenen grossen Ereignissen schien in Moskau wie überall der Geist unbefangener Fröhlichkeit allmälig von der Jugend zu weichen, und Gedanken und Betrachtungen, wie früher nur das reifere Mannesalter sie hegte, waren an dessen Stelle getreten. Die dunkeln Stunden der langen nordischen Nächte zogen über den Erzählungen der jungen Helden von dem, was sie im Auslande getan und gesehen, ungezählt vorüber. Fromme Wünsche, sogar leise angedeutete Pläne zur Verbesserung des im vaterland Bestehenden, kamen zur Sprache. Immer noch glühte jene Begeisterung in ihren Herzen, die zuerst Moskau in Flammen setzte, dann die halbe Welt ergriff, und durch die allein jene Wunder von Ausdauer und Tapferkeit möglich geworden waren, welche nach langen Jahrhunderten noch die späteste Nachwelt mit bewundernder Verehrung erfüllen werden.

Mehreren der aus dem Kriege Heimgekehrten war es gelungen, die strenge Aufsicht,