unter im Streben danach.
Bravo! bravo! so ist es Recht, so gefällst Du mir; erwiderte Eugen und schüttelte ihm kräftig die Hand. In kurzen flüchtigen Worten ermahnte er ihn nochmals, so guten Mutes zu beharren; erinnerte, dass er Morgen zur Mittagstafel erwartet werde, um selbst zu berichten wie seine neue wohnung ihm gefalle, und dass Helene fest darauf rechne, noch vorher die gewohnte musikalische Übungsstunde mit ihm zu halten. Dann warf Eugen sich in den schon längst seiner harrenden Schlitten, und jagte wie auf Sturmesflügeln davon.
Richard starrte in die kalte schweigsame Mondnacht hinein, bis seinem Auge die flüchtige Freundesgestalt entschwunden, und auch der letzte Ton des silbernen Schellengeläutes verhallt war. Dann wandte er sich, und stieg langsam die zu seinem Zimmer führende Treppe hinan.
Auf alles, was in demselben zu seiner Bequemlichkeit beitragen konnte, war mit liebender Sorgfalt Rücksicht genommen. Zwischen Schlaf und Wachen harrte im Vorsaal der alte Paul seiner Befehle, ein treuer Diener, der schon seiner Kindheit gepflegt hatte, und ihm jetzt zur Bedienung zugegeben worden war. Vom grossen Ofen ging eine überall gleichverbreitete wohltätige Wärme aus, wohlverwahrte Doppelfenster hielten das Eindringen der rauhen Winterluft ab, und ein dicker Teppich deckte den Fussboden. Auch fehlte es weder an einem mit seinen Lieblingsschriftstellern wohl besetzten Bücherschranke, noch an einem bequemen Schreibtische.
Richard wollte der tätigen Teilnahme sich freuen, mit der hier für ihn, den dunkeln Fremdling, gesorgt worden war; aber das sonst so warme, jedem frohen Gefühl offne Herz lag für jetzt wie tot und erstarrt ihm in der Brust. Mit einer gewissen Ängstlichkeit suchte er nach irgend etwas, das ihn lebhaft genug anregen könne, um die innere Trostlosigkeit zu bekämpfen, die immer mächtiger werdend, sich seiner ganz zu bemeistern drohte; da fiel in einer etwas dunkeln Ecke des Zimmers eine schön gearbeitete Schatulle ihm auf, die er bis dahin übersehen, und zugleich erinnerte er sich eines Schlüssels, den Eugen, ehe er von ihm ging, ihm übergeben und zu sichrer Aufbewahrung anempfohlen hatte.
Unbeschreiblich freudig überrascht, erkannte er in dem zierlichen Behältniss ein sonst hochgehaltenes Eigentum der Fürstin Eudoxia, der Mutter Eugens. Es war das Meisterstück eines jungen Ebenisten, der unter dem Schutze ihres Gemahls sich kürzlich in Moskau niedergelassen hatte; ein Kästchen von Ebenholz, mit einem gleich Diamanten blitzenden stählernen Netze überzogen. Aus jedem der hellpolirten Stahlplättchen leuchtete, wie aus so vielen freundlichen Augen, ein Strahl jener sonnenhellen Tage seiner Jugendzeit ihm entgegen, die er in banger Vorahnung mit dem heutigen geschlossen gewähnt, und eine Träne der reinsten gefühltesten Freude umdunkelte sein Auge, als er vor dem Inhalte des Kästchens stand, beinahe laut aufjauchzend, wie ein glückliches Kind vor der unerwartet reichen Weihnachtsbescheerung.
Im kleinen Raum lag hier seine ganze glückliche Knaben- und Jünglingszeit ausgebreitet vor ihm; von den mit mühseliger Künstlichkeit aus Renntierknochen geschnitzten Figürchen der Lappländer an, die er einst als vortreffliche Meisterstücke bewundert hatte, bis zu den glänzenden Terzerolen des Fürsten Alexis, Eugens älterem Bruder, zu denen er oft in kindischer sehnsucht seufzend hinaufgeblickt, und dem prächtigen, mit Rubinen und Smaragden besetzten Türkendolch, sonst Eugens liebstes Eigentum, das ohne seine erlaubnis Niemand zu berühren, kaum anzublicken wagte. dicht daneben kauerten auch die kleinen glattköpfigen Chinesen von Speckstein in einer Ecke beisammen, die viele Jahre lang auf einem Ecktischchen im Zimmer der Fürstin Eudoxia ihren Platz gehabt hatten, und wurden von ihm als kleine stumme Gesellen seiner glücklichsten Stunden mit einer Art von Rührung begrüsst. Denn nur wenn er ganz ausgezeichnet folgsam und fleissig gewesen war, wurde es ihm erlaubt, zu den Füssen seiner hohen Pflegemutter damit zu spielen.
Nichts von Allem fehlte, was in früher Jugend ihm besonders wert oder bedeutend erschienen. Da war die eigne Uhr des väterlichen Beschützers seiner Kindheit, des Fürsten Andreas; wie oft hatte dieser sie geöffnet, um dem auf seinem Knie sich schaukelnden Knaben das feine innere Räderwerk derselben bewundern zu lassen! Auch das einfache Taschenbuch, das er täglich in dessen Händen gesehen; Richard war in diesem Augenblicke zu bewegt, um den reichen Inhalt desselben zu bemerken. Da war auch noch eine kunstreiche Stickerei von den eignen Händen der Fürstin Eudoxia, eine von der Fürstin Natalie, der ältesten Tochter jenes edlen Paares, gezeichnete Landschaft, ein silberner Becher vom Fürsten Konstantin, ihrem verlobten Bräutigam; Richard hatte einst bei diesem den Becher gesehen, und die schöne getriebene Arbeit daran bewundert.
Sogar keines der entfernteren Mitglieder der Familie hatte sich davon ausgeschlossen, ihn, der so lange in ihrer Mitte gelebt hatte, durch ein Andenken an vergangne Tage zu erfreuen. Der Tisch war bald mit einer Menge jener eben so zierlichen, als grösstenteils unbrauchbaren kleinen Gerätschaften aus Bronze und Vermeille bedeckt; glänzendes Spielzeug für grosse Kinder, das die Mode überall, besonders aber in Russland eingeführt hat. Denn ungeachtet der unglaublichen Fortschritte, die dieses, die erste Grenze höherer Kultur erst vor kurzem überschritten habende Volk während des Laufes der letzten hundert Jahre gemacht hat, neigt sein Geschmack sich noch immer mit einer Art kindlicher Naivität dem zu, was die alten Griechen barbarisch zu nennen pflegten.
So suchen nur Eltern ihren Sohn, Geschwister ihren Bruder, über eine notwendig gewordene Entfernung aus dem väterlichen haus zu trösten und zugleich ihr Andenken in ihm lebendig zu erhalten: rief es laut in seinem Herzen. Seit über seine wahre Lage ihm die Augen aufgegangen waren, konnte er es sich leider nicht mehr verhehlen, dass er ein Fremdling unter Fremden