Arbeiter unter den staubigen Baumwollenballen, im niedrigen Magazine herumstören, er glaubte sogar die scheltende stimme seines Vaters zu hören, vor der er sich oft in den dunkelsten, abgelegensten Winkeln des Hauses verborgen, und fühlte dem Allen sich gänzlich entfremdet. In seiner Brust regte sich kein liebendes Gefühl; mit innerem Grauen erfüllte ihn der Gedanke an jenes dunkle enge Leben, zu welchem er doch eigentlich geboren war; ihm schauderte davor, aber verloren gab er sich darum doch nicht.
Richard nahm alle seine Kraft zusammen, um zu nüchternem gelassnem Besinnen sich zu zwingen. Greise, Weiber, Kinder, mögen klagen und jammern, rief er, Männer helfen sich selbst, oder gehen unter im Versuch; nur der ist verlassen, der sich selbst verlässt, sei künftig mein Wahlspruch. Zwar habe ich mein zwanzigstes Jahr noch nicht vollendet, aber ich bin eine frühreife Frucht meines Geschicks, es hat vor der Zeit mich mündig gesprochen, und ich darf sagen, ich bin ein Mann.
So kaltblütig als es ihm nur immer möglich war, fing er jetzt an, alle Vorteile und Nachteile seiner Zustände zu überlegen, und gelangte endlich zu dem Entschlusse, in die Welt zu gehen, die weit offen vor ihm lag: zunächst nach Amerika, wo so viele seines Gleichen Glück oder Untergang suchen und finden. Der Einzelne kommt überall leicht durch, tröstete er sich selbst, nur Freiheit! Unabhängigkeit! Selbstständigkeit! sei es meinetwegen auch bei wasser und Brod.
Er gefiel sich in dem Gedanken, und malte mit den lebhaftesten Farben seiner ohnehin sehr gespannten Fantasie ihn sich aus. Schmerzliche Wehmut ergriff ihn, indem er den Abschied von seinen fürstlichen Pflegeeltern sich dachte, die immer ihm wohlgetan, die er mehr als seine eignen Eltern geehrt und geliebt; von dem vertrauten innigsten Freunde seines Herzens, von Eugen, der mehr als Bruder ihm gewesen, von Helena – da war es plötzlich um seinen Mut getan! auch Sie sollte er nicht mehr sehen, nicht mehr hören; die Hauptbeschäftigung seines bisherigen Lebens, jeden ihrer Wünsche zu erraten und zu erfüllen, die Freude, bei allen ihren schönen anmutigen arbeiten ihr hülfreich zur Seite zu stehen, sollte er aufgeben auf immer und immer: es war ihm undenkbar. Was die süsseste Gewohnheit ihm Jahre lang verborgen gehalten, ward jetzt in einem Augenblicke ihm furchtbar klar, und zum erstenmale fühlte er, welche unzerreissbare Bande ihn an den Boden fesselten, den sie betrat.
Strenge ging er mit sich selbst jetzt ins Gericht, und sprach von jeder vorgefassten Hoffnung, von jedem törichten Wunsche sich frei, den er in seiner jetzigen Lage für unverzeihlichen Unsinn erklären musste. Nichts glaubte er zu wollen, als sie sehen, die nämliche Luft mit ihr atmen, ihr dienen; in jener so verzeihlichen Schwärmerei der ersten Liebe eines reinen jugendlichen Gemüts war er überzeugt, dass er nie Höheres wollen noch wünschen werde. Doch diesem Glück zu entsagen schien ihm unmöglich, er fühlte mit unbeschreiblicher Seelenangst seine Unfähigkeit, mit fester Hand in seine Zukunft einzugreifen, und versank von neuem in hoffnungslose düstre Trostlosigkeit. So fand ihn Eugen, als er zu ungewohnt später Stunde zu ihm zurückkehrte.
Mit so viel äusserlicher Unbefangenheit, als er nur erzwingen konnte, legte dieser jetzt seinem Freunde von seinem langen Aussenbleiben Rechenschaft ab; erzählte von Besuchen, die er doch endlich einmal habe machen müssen, ohne jedoch den bei der Amme zu erwähnen; brachte von seiner Mutter und seinen Schwestern Grüsse und Ermahnungen, sich wohl zu pflegen, um recht bald wieder zu gesunden, und kündigte zuletzt ganz unbefangen, als etwas ganz Gleichgültiges, den nahen Besuch seines Vaters an, der nur noch einiger überlästigen Visiten sich zu entledigen habe, ehe er selbst komme, um sich durch den Augenschein von Richards Befinden zu überzeugen.
Als ob etwas ganz Unerhörtes vor seinen Augen sich zutrüge, starrte Richard seinen Freund an. Der Fürst selbst? Fürst Andreas? zu mir will er kommen? er selbst, und hieher, zu mir? flüsterte er todtenbleich, beinahe unhörbar; die stimme versagte ihm vor innrer Bewegung.
Tust doch als geschähe es zum erstenmal, sprach lächelnd Eugen; besinne Dich doch nur, wie bist Du denn heute? haben nicht beide, mein Vater und meine Mutter, oft an Deinem Bette gestanden, wenn Du krank warst? Seit wir nicht mehr Kinder sind, und mit Kinderkrankheiten nichts mehr zu tun haben, ist glücklicherweise der Fall nicht wieder vorgekommen; aber was ist es denn Besonderes, wenn ein Vater seinen kranken Sohn besucht? Und hat er nicht stets Dich als solchen gehalten und geliebt, und warst Du nicht immer mein Bruder und bist Du es nicht noch?
O stille! stille! stille! kaum habe ich meine Vernunft wieder erlangt, verlocke mich nicht von neuem, sprach Richard sehr bewegt. Ich weiss jetzt, ich weiss, wiederholte er einigemal, und sank, ohne seine Rede vollenden zu können, dem Freunde durch und durch erschüttert an die Brust. Der verheissene Besuch des Fürsten Andreas unterbrach eine Scene, die für beide Freunde zu angreifend zu werden drohte; doch sah und hörte er beim Eintreten in das Zimmer noch genug davon, um sich in der schon durch Eugens Bericht vorgefassten Meinung zu bestärken, dass Richard mehr geistig als körperlich leide. Er liebte wahrhaft den Jüngling, der unter seinen Augen, man möchte sagen, unter seiner Pflege, so kräftig und schön heranblühte, und war in diesem Augenblicke nur darauf bedacht