1837_Schopenhauer_092_18.txt

dass er vollkommen erheitert und getröstet sie verlassen habe. Nichts habe, versicherte sie, ihn zu ihr getrieben, als die ihn quälende sorge, dass, ungeachtet aller Versicherungen des Gegenteils, er selbst eben so wohl als Eugens andre Freunde, am Ende doch noch aus Helenas Nähe verbannt, von ihrem näheren vertrauteren Umgange ausgeschlossen werden würde.

Nie, nie werde ich mich trösten, wenn auf diese Weise mir der einzige Weg verschlossen wird, dem edlen haus, das so viel an mir getan, dadurch nützlich zu werden, dass ich fortfahre, die mir unter dem Schutze desselben erworbenen Kenntnisse zur Ausbildung der seltnen Talente der jungen Prinzessin zu verwenden, wie ich bis jetzt es getan: hatte Richard mit dem Ausdrucke inniger Betrübniss so lange wiederholt, sich so bestimmt geweigert, den Versicherungen der Amme, dass dieses keinesweges zu befürchten stehe, Glauben zu schenken, bis sie durch Gründe von der Wahrheit derselben ihn zu überzeugen sich entschloss. In klaren, nichts bemäntelnden Worten hatte sie, freilich unter der Bedingung unverbrüchlicher Verschwiegenheit, ihm nicht nur alles entdeckt, was Helena damals aus dem gespräche ihrer Eltern über diesen Gegenstand entnommen, sondern auch wie die Fürstin Eudoxia selbst, und in noch weit stärkeren Ausdrücken, gegen sie, die Amme, sich darüber geäussert.

Genug, Richard hatte auf durchaus nicht schonende Weise von Frau Elisabet erfahren, was ihm ewig hätte verborgen bleiben müssen, und diese glaubte es ganz vortrefflich gemacht zu haben, während sein stolzes Herz unter dem Gefühle lange unwissend ertragener tiefer Entwürdigung brechen wollte. Der Amme fiel es nie ein, an ihrer Herrin zu zweifeln; und weil diese von dem in der natur gegründeten Unterschiede zwischen hoch und niedrig Gebornen überzeugt war, so glaubte auch sie daran, ohne sich dadurch im mindesten verletzt oder verachtet zu fühlen. Im Himmel wird es anders sein, dachte sie zuweilen, dort sind wir alle gleich, sagen die Popen; und doch, wer weiss?

Von allem was er hier vernommen seltsam ergriffen und bewegt, verliess Eugen die Amme. Dass er weit davon entfernt war die Ansichten seiner Mutter mit ihr zu teilen, bedarf wohl kaum der Erwähnung; aber die wirkliche Lage seines Freundes, die ihm jetzt zum erstenmal klar geworden war, fiel, eben weil sie so plötzlich vor ihm aufstand, mit Centnerschwere ihm auf das Herz. Auch er, eben so wenig als Richard selbst, hatte früher nie an die wesentliche Verschiedenheit ihrer beiderseitigen Stellung in der Welt gedacht, auch nicht an den gewaltigen Abstand der Ansprüche, welche sie beide an das Leben zu machen berechtiget waren. Richard war ihm von jeher nur als ein geliebter Bruder erschienen, mit dem er alles teilte; wie anders musste von heute an es werden! Er begriff ganz den bittern Unmut, die stille Verzweiflung des Freundes, er litt mit ihm schmerzlich und tief; aber ihm blieb der Trost, der jenem mangelte; denn fest und unerschütterlich stand der Entschluss in seinem Gemüte, alles anzuwenden, um den Freund seinem unwürdigen Zustande zu entreissen, ihn zu heben, zu tragen, und um jeden Preiss die zwischen ihnen im inneren herrschende Gleichheit auch im Äussern wieder herzustellen, und zwar auf immer. Beim regsten innigsten Mitgefühle vermochte Eugen doch nicht, die ganze Schwere des Unglücks, das auf seinem Freunde lastete, zu ermessen. Als verwöhnte Lieblingskinder des Glückes waren beide neben einander erwachsen, und ihre Jugenderinnerungen konnten nur freudiger Art sein; denn von allem, was frühere bedrücktere Zustände ihm zurückrufen konnte, war auch Richarden, wie schon erwähnt wurde, nichts geblieben als seine Muttersprache, die ihm überdem sogar in diesem fremden land als ein besonderer Vorzug angerechnet wurde, um dessentwillen er von vielen gesucht ward. Plötzlich aufgerüttelt aus der süssen Unbewussteit goldner Jugendträume, musste ihm jetzt zu Mute sein wie einem, der auf seidnem Lager entschlief, und unter Sturm und Gewitter, auf öden meerumspülten Felsen, allein und verlassen erwacht.

Ärmer als er jetzt sich fühlte, hat noch kein Menschenkind sich jemals gefühlt. Von allem was ihn umgab, was er sonst, ohne alles Bedenken, als ihm angehörig betrachtet hatte, war, wie es ihm schien, ausser dem nackten Leben nichts mehr Sein; er wähnte nicht einmal mehr auf das Obdach über seinem haupt ein Anrecht zu haben; fürstliche Gnade hatte ihn darunter aufgenommen, fürstliche Laune konnte ihn verjagen, sobald es ihr beliebte, ihn nicht mehr darunter zu dulden.

Immer wilder, immer verworrener wogten, kreuzten sich seine Gedanken, bis sein Elend den höchsten Gipfel erreichte, und er vor Jammer und Mitleid mit sich selbst zu vergehen glaubte; da endlich erwachte sein eigenes besseres Selbst.

Und bin ich denn aber wirklich so elend? so ganz auf fremde hülfe angewiesen? rief eine tröstende stimme in seinem inneren: habe ich nicht auch Eltern? ein Vaterhaus, ein schönes hochgepriesenes Vaterland, wo ich hin gehöre, wo ich daheim bin? Nur wer sich selbst aufgiebt, sich selbst verlässt, ist warhaft verlassen.

Er suchte sein aufgeregtes Gemüt auf alle Weise zu beschwichtigen; er schloss die Augen, und strebte mühsam, dunkle Erinnerungen seiner frühesten Kindheit, die traumartig Jahre lang in ihm geschlummert hatten, hinauf an das Tageslicht zu beschwören. Sie erwachten, sie traten aus dem Dunkel hervor. Das schmuzige enge Städtchen Nottingham, das kleine unscheinbare Haus, in welchem seine Eltern wohnten, die räuchrige kellerartige Küche, in der seine Mutter das spärliche Mittagsmahl für die Familie mühselig bereitete. Er sah die