1837_Schopenhauer_092_17.txt

man ihm nur erlauben wolle, kurze Zeit ganz einsam zu bleiben.

Eugen verkannte den Ausdruck tiefen inneren Leidens an seinem Freunde nicht, aber er sah auch, dass nicht eigentliches Kranksein, kein physischer Schmerz, diesem Leiden zum grund liege. An Verzweiflung gränzender Gram, namenloses Seelenleiden, furchtbarer Kampf sich widerstrebender Gefühle, tobten im innersten Gemüte des Unglückseligen. Eugen sah es wohl, aber er wusste den Grund dazu auf keine Weise sich zu erklären.

Er gab es auf, den Freund, dessen täglich mehr verfallende Gestalt mit banger Besorgniss ihn erfüllte, mit fragen länger zu quälen, die immer nur mit rührenden Bitten um Nachsicht, um Geduld, um Einsamkeit, erwiedert wurden; aber er fing an, ihn mit scharfer Aufmerksamkeit zu beobachten, um zu erraten, was man ihm nicht bekennen wollte. Oft überfiel er ihn in seinem Zimmer, wenn Richard sich dessen am wenigsten versah, und wenn er in später Nacht vom Balle oder von andern Festen zurückkehrte, blieb er lauschend an Richards tür stehen. gewöhnlich hörte er ihn dann noch mit unruhigen Schritten im Zimmer auf und abgehen, oft sogar laut und vernehmlich mit sich selbst sprechen, eine Gewohnheit, welche Richard von seiner Kindheit an gehabt hatte. Ein verborgner Sinn lag in Richards Worten, das liess sich nicht ableugnen, aber wie diesen heraus finden? Zuweilen brach er auch in halb ersticktes bittres lachen aus, und der Gedanke, irgend ein grosses unbekanntes Unheil sei über seinen Freund hereingebrochen, das bei dieser ängstlichen Art es zu verhehlen ihn dem Wahnsinne zuführen könne, erfüllte den lauschenden Eugen mit unbeschreiblichem Grauen.

Tor, blinder erbärmlicher Tor! die sprechendsten Beweise unbegränzter Verachtung treffen dich, und du nimmst sie für Auszeichnung, für Gunstbezeigungen, und triumphirst darüber innerlich! ist es nicht zum Todtlachen? sprach Richard einst heftig bewegt zu sich selbst. Willst du es denn wirklich abwarten, dass man in den Sumpf dich zurückwirft, aus welchem man zu augenblicklichem Gebrauche dich gezogen? setzte er nach einigem Schweigen, mit gedämpfter stimme, fast flüsternd hinzu.

Der Schooshund darf in der vornehmsten Gesellschaft am Ofen liegen bleiben, die Hauskatze darf in allen Winkeln herumschnurren, und an die Füsse der Herrin sich vertraulich schmiegen, was tut es? was ist an solchen Haustieren gelegen? wer achtet auf sie? sprach er einst im Tone ruhiger Überlegung. Sie haben es sehr gut in der Welt, denn sie amüsiren, fuhr er weiter fort; sie werden gepflegt, gefüttert, gestreichelt, sie haben es ganz ausserordentlich gut, diese Tiere. Warum sollte ein Mensch es nicht eben so gut haben wollen, wenn er es haben kann? Geduldet werden, weil man zu unbedeutend ist! es ist das bequemste Leben von der Welt, setzte er ironisch lachend hinzu. Pfui! pfui! und hundertmal pfui! rief er plötzlich laut aufstampfend, und ging heftig, mit zornigen Schritten, im Zimmer umher. Eugen hörte es schaudernd, und suchte vergebens sich zu erklären was er hörte.

Altes redseliges Hausorakel, weise viel erfahrne Pytia, so nannte er dich ja? dir danke ich viel, und du verdienst den Namen: sprach Richard ein andermal. Und als ob in düstrer Nacht ein unerwarteter Strahl des Lichtes ihn träfe, so fuhr Eugen zusammen, der wieder lauschend an der tür stand.

Die Amme! ja sie war es die Richard meinte, sie musste es sein, und Eugen begriff nicht wie es möglich sei, dass er nicht schon längst auf den Gedanken gekommen, sie um Rat zu fragen. War sie doch die Vertraute der Fürstin Eudoxia, wie der kindlich ihr ergebenen Helena; blieb ihr doch nichts was im Palaste seines Vaters vorging verborgen, erfuhr sie doch jedes Wort, das gesprochen wurde im Prunkgemache der Fürstin, wie in der dumpfigen kammer des niedrigsten Knechtes!

Eugen erinnerte sich jetzt deutlich, dass Richard am Morgen nach jenem letzten Abend, den sie beide bei Helenen zugebracht, die Amme besucht habe, was sehr selten geschah. Er selbst hatte ihn gesehen, wie er ziemlich bleich, mit wankendem Schritte aus ihrem Zimmer in das Seine ging, das er seitdem nicht wieder verlassen. Sie war folglich die letzte gewesen, die in gesundem Zustande ihn gesehen, und sie allein konnte wissen, welch unerwartetes Unheil in der kurzen Zwischenzeit vom Abend bis zum Morgen über den Unglücklichen hereingebrochen sei, das in diesen unerklärlichen Zustand ihn versetzte. Eugen beschloss dies geheimnis von ihr herauszubringen, es koste was es wolle.

Es war kein leichtes Unternehmen; denn bei aller ihrer Redseligkeit war Frau Elisabet doch nichts weniger als schwatzhaft. Sie hatte verschweigen gelernt; mit dem ihrem Geschlechte wie ihrem stand eignen Mutterwitze hatte sie eine gewisse schlaue Vorsicht sich angeeignet, welche durch lange Gewohnheit ihr zur zweiten natur geworden war, und nicht leicht entschlüpfte ihr ein unüberlegtes Wort. Auch hätte Eugen den Inhalt ihres letzten Gespräches mit Richard wohl schwerlich aus der verschwiegenen Vertrauten des ganzen Hauses herausgebracht, wenn er nicht durch seine lebhafte Beschreibung des traurigen Zustandes des Kranken zuerst ihr innigstes Mitleid zu erregen, und hinterdrein durch verständliche Andeutungen der Gefahr, dass er in Wahnsinn verfallen könne, sie in Furcht und Schrecken zu versetzen gewusst.

Vor allem lag der vorsichtigen Frau daran, unter diesen Umständen ihre eigne Schuldlosigkeit an Richards Erkranken ins hellste Licht zu stellen; sie gestand, dass er an jenem Morgen sehr düster, sehr schwermütig zu ihr gekommen sei, um sich bei ihr Rates zu erholen; aber sie behauptete auch,