1837_Schopenhauer_092_16.txt

in ihrem weichen bequemen Armstuhle hinter dem grossen Ofenschirme in sanften Schlummer zu geraten, als ebenfalls weit früher als gewöhnlich, und augenscheinlich etwas verdriesslich, Eugen zu ihnen sich gesellte.

Sitzt Ihr doch da, als befändet Ihr Euch selbst auf einer unbewohnten Insel mitten in See, rief er, nachdem er einen blick auf das Gedicht, welches sie mit einander lasen, geworfen; ist es hier doch so still, so heimlich, so ruhig; und keine funfzig Schritte von Euch tobt der langweiligste Saus und Braus, den man sich denken kann. arme, kleine Helena, ich habe mich fortgeschlichen, um mich ein Stündchen bei Dir zu erholen, aber hier ist es doch gewaltig einsam und still! setzte er sich dehnend, mit schlecht verhehltem Gähnen hinzu; sage mir nur, was in aller Welt hat seit einiger Zeit unsre Mama bewogen, Dich wieder in die Kinderstube zu versetzen?

Helene versicherte, sich dabei sehr wohl zu befinden, auch Richard meinte, es wäre doch sonst fast zu lebhaft hier zugegangen, Eugen aber wollte das Alles nicht gelten lassen.

Warum müssen denn meine Freunde aus Deiner Gegenwart, Schwester, gänzlich verbannt sein? fragte er: warum treffe ich sogar Deine Freundinnen niemals mehr bei Dir an? warum darfst Du von ihnen nur förmliche Visiten annehmen und erwiedern? Was sind das alles für Neuerungen, und was ist der Grund davon? Sind doch alle Freuden, die sonst hier herrschten, uns wie abgeschnitten! Scherz und Spiel! lachen und Tanz und Herzenslust! wo seid ihr hin! setzte er mit komischem Patos, tragirend und deklamirend hinzu.

Das geht nicht mehr so, wie Du es wohl meinst; ich habe keine Zeit zu verlieren, wenn ich noch alles lernen soll, was ich lernen muss. Glaube mir, Bruder, die Langeweile plagt mich nicht, ich habe vom Morgen bis zum Abend vollauf zu arbeiten: erwiderte Helene, und sah ganz allerliebst altklug dazu aus.

Das alles ist wahr und gut; aber man muss doch auch nach der Arbeit seine Erholungsstunden haben: sprach Eugen.

Auch an diesen fehlt es mir nicht, wie Du siehst, erwiderte Helene, indem sie lächelnd auf Richard und das vor ihnen liegende Buch deutete.

Ich sehe' es wohl, rief Eugen halb lachend, halb ärgerlich, Richard ist nun einmal der Auserwählte; aber warum können denn wir, ich und meine übrigen Freunde, nicht eben so. gut als er, uns mit Dir erholen?

Ich weiss es wohl und sag' es nicht, erwiderte Helene mit lächelndem Trotz, kreuzte die runden weissen arme über einander, und lehnte, ein Liedchen summend, im Sofa sich zurück.

Kleines eigensinniges Ding, Du sagst es nicht? aber ich erfahre es doch, lachte Eugen, und holte mit schmeichelnder Gewalt die Amme aus ihrer dunkeln Ecke hinter dem Ofenschirme hervor. Mütterchen, liebe Alte, bat er, komm Du unser alles wissendes Hausorakel; komm, setze Dich hieher zu uns, weise, vielerfahrne Pytia, und beantworte mir die fragen, auf welche der kleine Trotzkopf nicht antworten will.

Aber so tut doch nur die Augen auf, so könnt Ihr Eure fragen Euch selbst gar leicht beantworten, sprach lachend die Amme; schaut Euch selbst nur an, und meine junge Gebieterin dazu; seid Ihr aus den beiden kleinen Bübchen, die mir mein Herzenskind oft genug umgerannt haben, nicht ein paar stattliche, junge Herren geworden? und meint Ihr, mein Prinzesschen wäre hinter Euch zurückgeblieben? Urteilt selbst, ob es für ein junges erwachsenes fräulein sich wohl schicken würde, mit Euresgleichen Ball- und Pfänderspiel zu spielen. Oder soll sie etwa auch, wie ihre Schwester Natalie, in der grossen Tanzstunde ihr Herzchen verlieren? wer kann wissen ob der, welcher es etwa aufnähme, den Eltern so genehm wäre, als Fürst Konstantin zum Glück es ist; und da hätten wir des Herzeleids genug; setzte die Amme, über ihre eigne Übereilung augenscheinlich erschreckend, hinzu.

Darum also? etwas mag daran sein, erwiderte Eugen langsam gedehnt. Nun, Freund Richard, setzte er hinzu, mache Dich also nur darauf gefasst, nächster Tage wirst auch Du verbannt.

Das wird er nicht, gewiss nicht; fiel Helene sehr lebhaft ein.

Nicht? und warum er allein nicht? fragte Eugen.

Warum? das ist mir nicht recht klar; aber wäre das auch, ich sagte es doch nicht; übrigens weiss ich es gewiss, antwortete Helene.

Ich weiss es auch, nebst dem grund dazu, aber ich sage es ebenfalls nicht; mir ist als hätte ich schon zu viel gesagt; sprach mit bedenklichem Kopfschütteln die Amme.

Der Gouvernante Ankunft beendete dieses Gespräch, und Eugen begab sich mit seinem ziemlich nachdenklich gewordenen Freunde wieder zur Gesellschaft zurück. Schon am folgenden Tage liess Richard sein Nicht-erscheinen an der Tafel mit einem unbedeutenden Unwohlsein entschuldigen; dennoch wiess er alle ärztliche hülfe von sich ab. Trübe und einsam weilte er mehrere Tage lang in seinem Zimmer, ohne dasselbe zu verlassen; und sogar dem Einzigen, dem er den Zutritt nicht versagte, weil er sich nicht abweisen liess, sogar seinem Freunde Eugen gelang es nicht, ihm ordentlich Rede abzugewinnen. Mit allen Bitten und fragen war nichts weiter aus Richard herauszubringen, als fast ängstliches Flehen, Geduld mit ihm zu haben, ihn nur noch wenige Tage sich selbst zu überlassen, und Versicherungen, dass er gewiss sehr bald gesunden werde, wenn