1837_Schopenhauer_092_14.txt

als wären sie durch ein Wunder im nämlichen Augenblicke erst entstanden. Die liebe kleine Helena! wenn wir kommenden Winter die Verlobung ihrer Schwester mit dem Fürsten Konstantin feiern, werde ich es schwerlich vermeiden können, auch sie in die Welt zu führen, und doch hätte ich es gern, wenigstens noch um ein Jahr verschoben. Ich möchte die frohe Jugendzeit ihr noch lange erhalten; sie lebt jetzt ihre glücklichsten Tage; diese vergehen schnell und kehren nie wieder.

Wohl wahr, erwiderte der Fürst, doch diese Tage, so schön sie auch sein mögen, müssen, wie jeder andre Tag im Leben, endlich andern Tagen weichen. Helena wird sich endlich doch bequemen müssen, auch scheinen zu wollen was sie ist, ein erwachsenes Mädchen. Mich dünkt es wäre endlich Zeit, dass sie die Spielkameraden ihrem Bruder überliesse, und sich mit Gespielinnen begnügte. Mag diese Veränderung ihrer Lebensweise immer einige Monate früher eintreten, ehe sie notwendig wird, damit sie sich daran gewöhnt, ehe sie den Fesseln sich beugen muss, welche Konvenienz, Geschlecht und Stand, ihr wie jedem jungen Mädchen ihres Alters anlegen. Ich muss Dir gestehen, Eudoxia, ich habe in der letzten Zeit, nicht ohne stille Besorgniss, sie so ganz unbefangen und zwanglos mit Eugens Freunden umgehen sehen; wie leicht könnte sich da etwas anspinnen, das uns, wenn Helena älter wird, der bösen Tage genug machen würde.

Wo waren meine Sinne! auch daran habe ich nicht gedacht! rief die Fürstin sehr lebhaft. Du hast Recht, vollkommen Recht. Die grosse wöchentliche Tanzstunde, der musikalische Verein, müssen sobald als möglich abbestellt werden; da ist der, und der, und der, – sie nannte die Namen mehrerer jungen Leute, Söhne vornehmer und angesehener Familien, welche täglich ihr Haus und ihre Kinder besuchten, – es sind Eugens Jugendfreunde, – und mögen sie es immer bleiben, setzte sie hinzu, aber für unsre Tochter – – nun ich hoffe es ist noch nicht zu spät.

Das hoffe ich auch, sprach lächelnd der Fürst. Eudoxia, fuhr er nach einer kleinen Pause ernster werdend fort, Du zweifelst nicht an meinem festen Vertrauen; Du weisst es, ich kenne Dein Gemüt, Deinen klaren Verstand, den nur hier und dort kleine unschädliche, Dir mit der Muttermilch eingeflöste Vorurteile zuweilen umdunkeln; ich ehre Dein schönes Talent, mit sanfter Hand alles zum Besten zu leiten, ohne durch die Güte Deines Herzens Dich von Deinem Zwecke abführen zu lassen. In allem was unsre Töchter betrifft lass ich Dir freie Hand, denn die Ehre wie der Vorteil unsres Hauses liegen Dir nicht minder am Herzen als mir. Nur suche nie unsern Eugen von den Freunden zu entfernen, mit denen schon die Spiele seiner Kindheit ihn verbanden, das einzige erbitte ich von Dir. Was ist in späteren Tagen dem mann von höherem Werte, als ein treuer Jugendfreund! in Not und Tod, in Sturm und Gewitter, beut er ihm eine sichre Zuflucht, oder geht Arm in Arm mit ihm zu grund. Ach! und es werden Tage kommen, schwere heisse Kämpfe, wo es wohl Not tun wird fest an einander zu halten! setzte er sehr bewegt, halb leise hinzu.

Die Fürstin war in diesem Augenblicke mit ihren eignen Ideen zu beschäftigt, um diese Andeutungen so zu beachten, als sie es zu andrer Zeit getan haben würde. In Hinsicht auf Eugen hast Du vollkommen Recht, erwiderte sie, aber unsre Töchter dürfen solche Konnexionen nicht bilden. Sie können ihrem Geschick nicht vorgreifen, sie müssen geduldig abwarten, was Gott und ihre Eltern über ihre Zukunft beschliessen. übrigens will ich noch heute über die ihrem Alter angemessenen Beschäftigungen unsrer jüngsten Tochter, und über die notwendige Beschränkung ihrer Gesellschaft mit Madame Sommerfeldt mich beraten; Helenas Gouvernante ist eine verständige welterfahrne Frau; sie wird auf meine Ansichten eingehen, und alles dem gemäss anzuordnen wissen.

Und Richard? muss auch er aus Helenas Nähe verbannt werden? fragte ein wenig spottend der Fürst; Helena horchte hoch auf.

Ach, warum quälst Du mich so! Du weisst es ja, von dem kann ja hier gar nicht die Rede sein, das bleibt wie es ist, erwiderte die Fürstin etwas ungeduldig.

Beide verliessen das Zimmer, und Helena gewann dadurch Zeit, unbemerkt aus ihrem Verstecke zu entkommen. Helena war der Pflege ihrer Amme zwar schon längst entwachsen; doch diese liess es sich dennoch nicht nehmen, die Nachttoilette ihres Lieblinges zu besorgen, wie sie von jeher es gewohnt gewesen war. Obgleich mehr als zwanzig hände sich herbei drängten, dieses Geschäft, das sie mit mütterlichem Eifer als unerlässliche Pflicht betrieb, ihr abzunehmen, so litt sie doch nie den mindesten Eingriff in ihre Rechte. Das ungemessenste Vertrauen des holdseligen Wesens, das in unbeschreiblicher Anmut unter ihren pflegenden Händen gleichsam erblühte, lohnte überreichlich ihre treue anhänglichkeit. Die junge Prinzessin hatte von frühester Kindheit an sich gewöhnt, Abends beim Auskleiden ihrer Elisabet von allem, was sie den Tag über erfahren oder getan, ausführlichen Bericht abzustatten; auch die Fürstin Eudoxia pflegte des Morgens, gleich nach ihrem Erwachen, sie zu sich zu berufen, um alles, was in dem unermesslich grossen Haushalte, und selbst in der Familie des fürstlichen Hauses sich ereignete, mit ihr allein zu besprechen. Und so war denn die gute Frau besser als irgend Jemand, die Fürstin selbst nicht ausgenommen, im stand, alles im Ganzen zu überschauen, und nicht selten durch ihren Rat, oder