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dem Beispiele und den Lehren des Fürsten Andreas für ihre geistige Bildung und die Verbesserung ihres Zustandes sorge tragen, und in selbst gewählter, tiefer Einsamkeit sein hoffentlich kurzes Leben so beschliessen.

Bei seiner Ankunft in jenem abgelegenen Winkel der Erde, breitete ein viel weiteres Feld für seine wohltätigen Absichten sich vor ihm aus, als er zu finden erwartete. Er hatte den besten Willen mit den, von allen Seiten als unentbehrlich sich ihm aufdringenden Verbesserungen, sogleich den Anfang zu machen; doch er entdeckte zugleich, dass es ihm nicht nur an den dazu nötigen Vorkenntnissen, sondern auch an dem Beistande sacherfahrner Gehülfen mangele, indem die Kraft eines Einzelnen, zur Ausführung eines so vielseitigen Unternehmens, unmöglich auslangen könne; jetzt versagte die seinige ihm gänzlich, mehr noch sein Mut; er hatte nicht einmal den, sich eine leidlich anständige wohnung erbauen zu lassen. So versank er denn immer tiefer in grenzenlose Apatie und den traurigen Genuss, sich ganz ungestört seinem Schmerze zu überlassen, während er die Anstalten zur Ausführung seiner Pläne von einem Tage zum andern hinausschob.

Ein Brief seines Freundes Eugen, der ziemlich verspätet, auf tausend Umwegen in seiner Einöde ihn auffand, war nach mehreren Wochen das einzige Ereigniss, das die trübe Einförmigkeit seines matt hingleitenden Lebens unterbrach.

Der Brief brachte ihm beides, Freude und Leid; der Inhalt desselben war zwar ernst, aber doch voll zarter Schonung, wie nur die innige Bruderliebe sie eingeben konnte, welche beide Freunde von Jugend auf verbunden. Eugen, nachdem er so viel Tröstliches, als die Lage der Dinge nur erlaubte, von seinem und der Seinigen gegenwärtigen Zustande dem Freunde gemeldet, sprach, notgedrungen wie es schien, den Wunsch aus, einige Jahre stumm vorüber ziehen zu lassen, und die künftige Gestaltung der Zeit und ihres beiderseitigen eigenen Geschicks zuvor abzuwarten, ehe sie, sei es schriftlich oder mündlich, sich einander wieder zu nähern versuchten.

Es war ein Abschied auf lange, unübersehbar lange Zeit, wahrscheinlich auf immer; Richard fühlte es, und seine noch nicht vernarbten Wunden bluteten von neuem schmerzlicher.

übrigens ging aus dem Briefe hervor, dass Eugen in der Gegend von Astrachan, in einem gesegneten reich bebauten land, ein grosses Gut bewohne, welches sein Vater ihm übergeben, und sich dort eifrig und mit gutem Erfolge bemühe manches, in seiner früheren Jugend Versäumte, nachzuholen, und durch höhere wissenschaftliche Bildung, als zu erwerben er in seinen ehemaligen Verhältnissen Zeit und gelegenheit gehabt, sich auf eine Tätigkeit andrer Art vorzubereiten, als seine bisherige gewesen.

Helena, schrieb Eugen, lebe in Moskau, anscheinend ruhig, ganz der Pflege ihrer fortdauernd kränkelnden Mutter, und wohltätigen Zwecken geweiht; geehrt, bewundert, angebetet von denen, die glücklich genug waren ihr nahen zu dürfen, aber durchaus zurückgezogen von der grossen Gesellschaft, beschränkt auf den Umgang mit wenigen nähern Freunden und Verwandten.

In der Fürstin Eudoxia war die alte Überzeugung von dem ursprünglichen Unterschiede der vornehmen und geringen Klassen wieder erwacht, in der sie von Kindheit an erwachsen war, und es verging kein Tag, an welchem sie nicht die schmerzlichste Reue darüber bezeigte, in der Strenge nachgelassen zu haben, mit welcher sie früher auf diesen Unterschied gehalten. Gekränkter Stolz, stiller Unmut nagten an ihrem Leben. Richard in ihrer Gegenwart nur zu erwähnen war hoch verpönt; ein alter treuer Diener, der unversehens einst seinen Namen nannte, wurde hart gestraft, und durfte nie wieder vor ihr erscheinen.

Eugen schrieb es zwar nicht ausdrücklich, aber es ging doch aus seinem Briefe hervor, dass er zur Beruhigung seiner Mutter ihr habe das Versprechen leisten müssen, jede Verbindung mit Richard aufzuheben. Richard verstand ihn wohl und der Zorn, so wie die geistige Verstimmung seiner ehemaligen Wohltäterin erfüllten ihn mit Reue und Schmerz; aber es tröstete ihn doch, denn es liess ihn hoffen, dass Eugen in seinem Herzen noch immer mit Liebe seiner gedenke.

Erfreulicher, oder vielmehr im höchsten Grade erfreulich war, was Eugen von seinem Vater schrieb. Der Sturm, der so leicht das ganze Lebensglück desselben hätte zertrümmern können, hatte den alten Herrn nur in sein eigentliches, ihm am besten zusagendes Element geworfen, in welchem er nun, von allen Banden frei, sich gar lustig bewegte. Im kleineren, wenn gleich noch immer sehr grossen Maassstabe, führte er auf seinen weitläuftigen Gütern aus, was er nach einem weit kolossaleren einst gewollt; richtete schulen und Bildungsanstalten ein, bauete Dampfmaschinen, legte Fabriken an, deren Erzeugnisse mit den besten andrer Länder wetteifern konnten, und war dabei, in nie rastender Tätigkeit, heiter und gesund. Mitchell blieb im merkantilischen wie im technischen Fache als brauchbares, geduldiges Werkzeug ihm stets zur Hand, und befand sich nicht übel dabei. Kein Tag verging, an welchem Richard dieses Schreiben, das einzige zwischen ihm und seiner glücklichern Vergangenheit bestehende Band, nicht wenigstens einmal gelesen; es war der erste Lichtpunkt in seinem jetzigen Leben, der wenigstens die trübe Dämmerung desselben unterbrach, dem aber kein zweiter folgen zu wollen schien.

Und immer düsterer und farbloser gestaltete die Gegenwart sich um ihn her; das Jahr neigte merklich dem Untergange sich zu, immer länger dehnten seine schlaflosen Nächte sich aus; der in diesem Klima früh eintretende Herbst sandte seine Vorboten, die Stürme, um die Wälder von ihrem früh angelegten bunten Schmucke zu entkleiden; die Tiere des Waldes suchten ihre Schlupfwinkel auf, um dort die lange Nacht des Winters ruhig zu verträumen, und auch die Menschen in ihren räuchrigen niedern Hütten