das frevelhafte Unternehmen seiner Untertanen sich sehr tief und schmerzlich verletzt. Mehr betrübt als entrüstet, schämte sein hoher edler Sinn sich gewissermassen des schwarzen Undanks, der, wo er es am wenigsten erwartet hatte, in so grässlicher Gestalt ihm entgegen trat, und wünschte nichts sehnlicher, als diese traurige Erfahrung der ganzen übrigen Welt verbergen zu können.
Er musste leider strafen; der damals schon körperlich leidende Monarch tat es mit innerm Widerstreben, stets zum Verzeihen geneigt. Nur wenige bedeutende Familien befanden sich im ganzen land, die nicht wenigstens ein schuldiges Mitglied zu betrauern gehabt hätten. Doch die Kunde davon ward der Öffentlichkeit so viel als möglich entzogen, und um die schuldlosen Verwandten der Schuldigen zu schonen, wurde sowohl von den Vergehungen derselben, als von der darauf erfolgenden Strafe, so wenig als möglich im Publikum, besonders aber im Auslande ruchbar.
So geschah es denn, dass die Hydra Empörung für den Augenblick zwar unterdrückt, doch bei weitem nicht ausgerottet wurde. Einige Monate später hob sie die giftgeschwollenen Häupter wieder, und jetzt erst traf sie der Arm der strafenden Gerechtigkeit mit vernichtender Strenge; doch diese Ereignisse liegen weit hinaus über dem Ziele, das ich diesen Blättern gesetzt habe, welche auf historische Bedeutung keinen Anspruch machen. Den grossen Schmerz abgerechnet, für den dieses Leben keinen Trost ihm zu bieten hatte, wurde Richards wundes Gemüt auch auf andre Weise vielfach verletzt. Schmeichler, die ihren Vorteil darin zu finden hofften, erhoben was er getan bis in die Wolken, priesen als Retter des Vaterlandes ihn überlaut, und versuchten das Mögliche und Unmögliche, ihm recht bemerkbar zu werden. Sie meinten eine jener über Nacht pilzartig aufschiessenden Erscheinungen in ihm zu sehen, wie jede an bedeutenden Ereignissen reiche Zeit sie erzeugt; einen werdenden, dereinst vielleicht allmächtigen Günstling des mit so ausgezeichneter Gnade und Huld ihn überhäufenden Kaisers, den sie in der Folge für sich zu benutzen hoffen durften; denn dem Gemeinen wird Alles gemein.
Der Hass, der still verbissene Neid, und, so ungern er dieses sich selbst gestand, die kaum zu verhehlende Verachtung, mit welcher die grosse Anzahl derer ihn betrachtete, welche am meisten durch ihn gelitten, und die jetzt durchaus keine andre Triebfeder seiner Tat anerkennen wollten, als schmutzigen Eigennutz und den Wunsch, um jeden Preis sich empor zu schwingen, war ihm nicht minder peinigend, als die ihn anekelnde Kriecherei jener Elenden.
Am drückendsten aber empfand er die Kälte, die überall ihm entgegen starrte, wo man sonst mit unverkennbarer Herzlichkeit sich ihm zu nähern pflegte. Es war als ob ein heimliches Grauen von ihm ausginge, das selbst diejenigen von ihm scheuchte, von denen er überzeugt sein konnte, dass sie ihm eigentlich nicht abgeneigt wären.
Wo er auch immer sich zeigen mochte, er konnte darauf rechnen, mit einer Art förmlicher Höflichkeit behandelt zu werden, die ihn oft innerlich zur Verzweiflung brachte, doch artete diese nie in Hohn aus. Niemand erlaubte sich in seiner Gegenwart eine Anspielung, ein Wort, eine Miene, die ihn hätte beleidigen können. Alle Offiziere, mit denen er im Dienste in Berührung kam, bezeigten ihm die nicht nur seinem Range, sondern auch seiner Persönlichkeit gebührende achtung, die mancher von ihnen auch wohl wirklich für ihn empfand. Keiner von denen, die bei seiner Erhebung übergangen worden waren, erlaubte sich die mindeste Äusserung darüber, die ihm hätte missfallen können; doch Alle hüteten sich dafür ihm näher zu treten, als gerade erforderlich war, und an ein kameradliches verhältnis, wie es früher wohl Statt gehabt hatte, war für Richard gar nicht mehr zu denken.
Sogar das Haus des Kapellmeisters Lange, das einzige, in welchem er alte Liebe und Treue und einen warm ihm entgegen kommenden Empfang zu finden gewiss war, wurde durch Frau Karolinens zu grosse Teilnahme an seiner Trennung von Helena, die sie weder begreiflich noch verzeihlich fand, ihm gewissermassen verleidet.
Mitten im Gewühle eines geräuschvollen Lebens, das jedes Interesse für ihn verloren hatte, von Keinem geradezu angegriffen, von Vielen gefürchtet, von Allen gemieden, kam er sich selbst wie ein abgeschiedener Geist vor, der verurteilt war, zum Schrecken der Lebenden eine Zeit lang die Welt zu durchwandern, ehe ihm erlaubt wurde zur Grabesruhe einzugehen. sehnsucht nach menschenfernster, stillster Einsamkeit bemächtigte sich seiner mit immer zunehmender, verzehrender Allgewalt, bis er endlich zu dem Entschlusse getrieben wurde, zur Herstellung seiner wirklich leidenden Gesundheit um seinen Abschied vom Regimente anzuhalten.
Was er, bekannt mit den Schwierigkeiten, welche in Russland die Gewährung solcher Bitten begleiten, kaum zu hoffen gewagt hatte, geschah; auf Fürsprache des Ministers erhielt er seine Entlassung, und auf die schmeichelhafteste, ehrenvollste Weise. Da lag nun die Welt, die ausserhalb dem russischen Reiche ihm völlig unbekannte, offen vor ihm da; doch fühlte er sich nicht versucht, sie näher kennen zu lernen. Der Gedanke, in die Verhältnisse zurückzukehren, zu denen er in seinem eigentlichen vaterland geboren worden war, fand keinen Anklang in ihm. Russland war sein, war Helenens Vaterland; dort lebte sie, wenn gleich in weiter Ferne von ihm, und diesen letzten, kleinsten Trost aufzugeben, konnte er sich nimmer entschliessen.
Bei der vollkommensten Gleichgültigkeit gegen alles, was im gewöhnlichen Leben zu den Annehmlichkeiten desselben gezählt wird, trieb ihn eine Art von dumpfem Pflichtgefühle das weit entlegene Fleckchen Erde zuerst aufzusuchen, das er durch des Kaisers Gnade sein Eigentum nennen durfte. Dort wollte er, mitten unter seinen Bauern, sich niederlassen, nach