1837_Schopenhauer_092_128.txt

mit bedrückter, vor innerer Rührung bebender stimme, und wandte sich dann an Richard.

Unser beider Wirkungskreis geht von heute an weit auseinander; nimm auf der neuen Bahn, die Du Dir selbst gewählt hast, die Versicherung mit, dass ich keinen Groll gegen Dich hege, und mögest Du mit nicht weniger Gelingen auf ihr fortschreiten, als Du auf der getan, auf welcher ich bei Deinem Eintritte in die Welt Dich gestellt hatte; sprach er mit würdigem Ernst.

Suche die überschwängliche Gnade unsers grossen Kaisers, die er Dir bezeigt, durch treuen Dienst zu verdienen; fuhr er nach kurzem Schweigen fort, da er sah, dass Richard keine Sylbe ihm zu erwiedern vermochte. Hüte Dich vor dünkelhafter Übereilung, lass durch zu hoch gespannten Wahn Dich nie wieder verleiten, die Schranken übersteigen zu wollen, welche natur und Verhältnisse um Dich gezogen; das ist der letzte wohlgemeinte väterliche Rat, den Du von mir erhalten wirst. Die Blüte des Lebens ist mit dem heutigen Tage Dir abgeblüht, Dir bleibt nur Erinnerung an ihre Herrlichkeit, mögest Du auch von dieser Dich losmachen können, damit sie auf Deinem neuen Lebenspfade Dir nicht zur lästigsten Begleiterin werde. Dies sei mein Abschiedssegen, und nun fahre wohl! Der Fürst zog in das Innere seiner Zimmer sich zurück, und lautlos sah Richard ihm nach. Hast Du's vernommen? es ist wie er sagt, diese Stunde ist die Scheidestunde, die Todesstunde unsres Glücks; sie ist so kurz und doch hätte ich so vieles Dir noch zu sagen, mein Herz ist so voll, aber ich finde keine Worte, keine Ordnung in meinen Gedanken, mir ist so dumpf zu Sinn! klagte Helena, und drückte, wie vom Schwindel ergriffen, beide flachen hände gegen die Stirn.

Und warum wäre es so? warum scheiden? rief Richard von der Gewalt des Augenblicks ergriffen, und hielt die in seine arme hinsinkende leidenschaftlich fest an seine Brust. Helena, Geliebteste! Du Stern meines Lebens, Du Licht meiner Augen, sieh wie der Weg zum Gipfel unsrer Wünsche im hellsten Sonnenscheine dicht vor uns liegt. Ein einziges hohles Hirngespinnst spreitzt an seinem Eingange sich uns entgegen. Habe den Mut es näher zu betrachten, und es wird vor Deinen Augen verschwinden! flehte er mit bebender stimme, glühend zitternd.

Richard, ich verstehe nicht wie Du es meinst, ich kann nichts denken, nichts fassen, der Schmerz betäubt mich; habe Geduld, ich hoffe ich werde mich wieder finden: erwiderte Helena.

Was sollte, was könnte uns scheiden, was jetzt? hat sich nicht Alles auf's Günstigste gestaltet? Lass uns nur vorurteilsfrei die Dinge sehen wie sie sind: fuhr Richard mit glühendem Eifer fort, wende Dein liebes Auge mir zu, holder, schöner Engel, sei aufrichtig gegen Dich selbst. sehe' ich aus wie ein Verbrecher? wie ein Frevler an allem, was dem Menschen heilig sein soll und muss? Kannst Du, konntest Du jemals glauben, konnte in Deinem reinen Gemüte der Argwohn jemals Wurzel fassen, dass ich, dass der Mann den Du Deiner Liebe wert gehalten, seine Seele, seine Ehre für Rang und Reichtum, ja selbst für das Höchste, für Deinen Besitz, verkaufen könnte? Dass Meineid, dass Verrat, fuhr er immer begeisterter fortnie, nie, nie, unterbrach ihn Helena, und hob die hände bittend zu ihm auf, o lästre so nicht Dich und mich!

Ich wusste es wohl; mochte immerhin der Anschein gegen mich zeugen, Du glaubtest an mich, Dich täuschte er nicht: fuhr Richard fort: auch Deinen Vater nicht, höchstens nur in der Überraschung des ersten Augenblicks. Was trennt uns dann? ein Traum, ein kurzer Wahn, der vor dem Lichte der Wahrheit schwinden muss. Helena, o höre die stimme der natur! die stimme der reinsten innigsten Liebe! höre, o höre die stimme Deines Herzens.

Richard, was verlangst Du? ich verstehe Dich nicht; Dein Auge flammt, Deine Lippen brennen auf meiner Hand, Du ängstigst mich, was willst Du, wie ist Dir! sprach Helena.

Rettung will ich! Rettung für Dich, für mich, für Deinen Vater; er wird es uns heimlich danken, wenn wir zu dem Schritte ihn zwingen, den er freiwillig zu tun sich nie entschliessen kann und wird. Helena, Du einziger Stern meines Hoffens, meines Lebens, sei mein! Die stimme der Gotteit, die unser Schicksal lenkt, spricht aus mir. Unvorbereitet gibt sie mir ein, was, als ich hier eintrat, mir nie als möglich erschienen wäre. Fliehe mit mir, noch in dieser Nacht, die Zeit drängt, morgen ist es viel zu spät, morgen, morgen ist furchtbar! Du darfst hier nicht wieder die Sonne aufgehen sehen, oder Du bist mir entrissen. Auf immer und ewig sind wir morgen getrennt.

Flehend warf Richard sich vor sie hin, umfasste ihre Kniee, ihre hände, den Saum ihres Kleides, den Teppich den ihr Fuss berührte, erschöpfte alle Beredsamkeit, welche die glühendste Liebe nur eingeben kann. Helena bebte, erglühte, erbleichte, und sank in Schmerz und Liebe aufgelöst ihm an das Herz. Seines Sieges gewiss, hielt er sie in seinen Armen, vor Wonne kaum seiner selbst sich bewusst.

Helena ruhte einige Minuten in dieser Stellung, ohne einen laut, fast ohne zu atmen, still wie ein schlummerndes Kind; ihr Leben schien