1837_Schopenhauer_092_127.txt

blieb mir nichts andres übrig, als zu dem einzigen Mittel zu greifen, das mir noch zu Gebote stand.

Mein Beschützer, mein Wohltäter, mein Vater, habe ich denn andres gewollt als dieses? rief Richard gerührt bis zu Tränen: war denn, was ich mit dem beabsichtigte was ich gewagt, nicht ganz das Nämliche was Sie gewollt? War nicht bei gänzlichem Vergessen meiner selbst mein einziger Zweck, Sie und die Ihrigen, Kaiser und Vaterland, vor schmähligem Untergange zu bewahren?

Der Fürst blickte düster vor sich nieder, schwere Wolken des Unmuts zogen auf seiner Stirne sich zusammen. Nie sollte der Mensch unternehmen, in den Lebensgang eines Andern einzugreifen, oder auch nur unberufen ihn bevormunden zu wollen, und in dieser Hinsicht haben, genau genommen, vielleicht wir alle Beide gefehlt; sprach er sehr ernst und trübe vor sich hin. Doch aber will mir bedünken, als ob wir in diesem einzelnen Falle nicht auf ganz gleichem Boden einander gegenüber gestanden wären; setzte er bitter lächelnd, fast höhnisch hinzu: ein geringer zwischen uns bestehender Unterschied lässt sich doch nicht ganz abläugnen, etwa wie der zwischen Vater und Sohn. Und so hätte ich denn damals mich doch nicht als ganz unberufener Vormund Dir aufgedrängt.

O hätten Sie nie, nie Ihre väterliche Hand von mir abgezogen! hätten nie meiner eigenen Leitung mich überlassen! seufzte Richard.

Im Gegenteil, nachdem Du gewissermassen als mündig Dich emancipirt hattest, hätte ich meine Vormundschaft aufgeben, und gegen Dich vorsichtigere Maassregeln in Anwendung bringen sollen, um Deinem Einmischen zur unrechten Zeit Schranken zu setzen, erwiderte Fürst Andreas mit sichtbar steigendem Unmute. Dass ich dieses versäumte, ist ein Fehlgriff von meiner Seite; ein weit grösserer aber ist es noch, dass ich so fest auf Dein mir gegebenes Wort mich verliess, als ob es mein eigenes gewesen wäre, auf Dein Versprechen, im Glauben an mich nicht zu wanken, mir unbedingt zu vertrauen. Ich sagte Dir, der Bund sei aufgelöst, er war es damals, und wäre für Dich es immer geblieben. Sogar mein Nichtbeachten Deiner Besorgnisse, mein Vermeiden Dich anzuhören, musste, wenn Du mir recht vertrautest, in diesem Glauben Dich bestärken.

Wie wäre, bei den Beweisen vom Gegenteile, die von allen Seiten sich mir aufdrängten, dieses möglich gewesen! rief Richard: und als ich nun vollends mit eigenen Augen sehen, mit eigenen Ohren hören musste

Was ich lange vor Dir gesehen und gehört hatte; oder meinst Du wirklich, ich wäre etwa taub und blind geworden? fuhr der Fürst, seinen Vorsatz, sich nicht aus der Fassung bringen zu lassen, vergessend, sehr heftig auf. Voreiliger Tor! rief er, wie kannst Du wissen, ob ich nicht noch vor der Stunde, in welcher Du auf Deinen irrenden Ritterzug auszogst, auf dem Wege nach Tangarog mich befand, und ob nicht der mich einholende Courier des Ministers mir Depeschen überbrachte, die zur Rückkehr nach Petersburg mich nötigten, während jener auf seiner Sendung zum Kaiser nach Tangarog vorwärts eilte?

Des Fürsten Augen sprühten Feuer, flammende Röte überzog sein Gesicht; seine Haltung, seine hohe kräftige Gestalt gewannen den furchtbarsten Ausdruck höchster Entrüstung: Ich war Stifter des Bundes, rief er, und schlug mit geballter Faust auf seine Brust, dass es hohl wiederhallte: und ich, ich allein war berechtigt, ihn in seiner Entartung zu vernichten; ich besass die Kraft, den Mut, den Willen dazu. Eitler, Schwachsinniger, der Du Dich berufen, der Du Dich fähig wähntest, die Entscheidung des Schicksals unsers grossen Monarchen und seines unabsehbar grossen Reichs, mit all den Millionen Seelen, auf Deine schwachen Schultern zu laden!

Richards Blut wallte heiss auf, vor Zorn, und zugleich vor innerer tiefer Reue; er fühlte ganz das Unhaltbare, Unzusammenhängende in dem was der Fürst, von wilder Leidenschaftlichkeit getrieben, zu seiner eigenen Verteidigung, und zu Richards Anklage vorbrachte, und war doch ausser stand ihn deutlich und völlig zu widerlegen. Die noch immer fest auf ihn gerichteten Augen seines ehemaligen Wohltäters brannten ihn wie glühende Kohlen. Dass ohne seine Einmischung alles vollbracht, vom Fürsten selbst vollbracht worden wäre, drückte bis zur Vernichtung ihn nieder. Hätte jetzt der Boden unter seinen Füssen sich geöffnet, und in den Mittelpunkt der Erde ihn geschleudert, in diesem Augenblicke wäre es ihm die höchste Wohltat gewesen.

Unhörbar leise schwebte jetzt Helena herbei; sie stand gleich dem Engel des Friedens zwischen den Beiden, und schlug das dunkle, schmerzumwölkte Auge zu ihrem Vater auf. Ihr Anblick wirkte mit magischer Gewalt. Völlig umgewandelt in Ton und Stimmung, schloss er sie in seine arme und berührte die schöne bleiche Stirn mit seinen Lippen. Du Beklagenswerteste unter uns, seufzte er leise vor sich hin, wie war es möglich, dass ich Deine Gegenwart vergessen konnte!

Sterbenden würde in der letzten Stunde Alles erlaubt, sagte man mir. Sterben, Scheiden, ist es nicht das nämliche, nur mit anderm Namen benannt? flüsterte sie bittend, an die Brust des Vaters gelehnt. Sie hatte sich ausgeweint. Er entliess sie sanft aus seinen sie umschlingenden Armen, und sie stand jetzt vor ihm, das schönste, rührendste Bild der schwersten Aufgabe ihres Geschlechts, das Bild mutig duldender Ergebung.

arme Seele! diese letzte, bängste, – ich mag in Verbindung mit Dir ihren Namen nicht nennen, – von mir bleibe sie Dir unverkümmert. Doch trage sie, wie es meiner Tochter ziemt; erwiderte der Vater