konnte dieses nur indem ich ihnen zuvor kam – nur einen Augenblick ertrage das geständnis, dass ich es selbst getan! Alles soll sogleich Dir deutlich werden, und Dich damit versöhnen.
Nein, nein, nein: rief Helena, mute mir nicht Unmögliches zu! dies zu glauben ist unmöglich: ich verstehe Dich wahrscheinlich nicht, drücke deutlicher Dich aus, gewiss liegt hier ein Missverstand zum grund, gewiss verstehe' ich es nicht wie Du es meinst.
Helena, ich vollbrachte einige Tage früher als sie es konnten, nach schwerem Kampfe mit mir selbst, was jene beabsichtigten. Ich musste es, nachdem der Zufall mir ihr geheimnis entdeckt hatte; für Dich, für Deinen Vater, für den Kaiser und unser Land wagte ich es, da keine Aussicht zur Rettung vor allgemeinem Untergange sich mir zeigte.
Und schriebst auch diese Zeilen? fragte Helena, fast unhörbar, aus schwer beklommener Brust.
Ich schrieb sie, und gab –
Nein, nein, nein! das kann nicht sein: rief abermals Helena.
Geliebteste, muss ich an Dein Versprechen, bis an's Ende mich anzuhören, Dich erinnern? bat Richard, und fuhr dann fort: Voraus zu sehen, welche Wendung meine Audienz beim Minister nehmen würde, war unmöglich. Um in jedem Falle, wenn ich etwa ganz untätig gemacht würde, nicht Alles dem Zufalle zu überlassen, um doch so viel an mir lag dem grössten Unheil vorzubauen, gab ich auf dem Wege zum Minister –
Falsch! zweizüngig! rief Helena verzweifelnd.
Nicht falsch, nicht zweizüngig, nur vorsichtig: erwiderte Richard.
Falschheit und Vorsicht gehen immer zusammen, erwiderte Helena.
Richard schwieg, schmerzlich verletzt: sie sah es und reichte, gleichsam versöhnend, ihm die Hand. Er drückte sie an seine Lippen, an sein Herz. Beide standen schweigend, mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, neben einander da.
Aber Du bist nicht zum Obrist erhoben, bist nicht zum Lohn Deiner Tat vom Kaiser reich dotirt? fing Helena mit peinlicher Lebhaftigkeit wieder an. Nein, das bist Du nicht! Aber sage mir, dass Du es nicht bist, versichre mich, dass Niemand auf Erden sagen, oder denken, oder auch nur von fern argwöhnen kann, Du seist zum Meineid, zum Verrat erkauft! bat sie mit dem weichsten Tone schmeichelnder Überredung.
Meine Helena, flüsterte Richard auf ihre Hand gebeugt, ich bin wirklich durch des Kaisers Gnade reich beschenkt, bin zum Obrist plötzlich gestiegen, zu meinem höchsten Erstaunen, ohne mein Zutun, wider mein Erwarten, ich könnte sogar sagen, gegen meinen Wunsch.
Helena hörte ihn schon lange nicht mehr. Gleich nach den ersten Worten, die er gesprochen, stiess sie einen lauten Schrei aus und verbarg vernichtet, aber nicht ohnmächtig, ihr Gesicht in die Kissen des Diwans.
Helenas Vater trat in diesem Augenblicke in das Zimmer. Der Jammerruf seiner Tochter war bis zu ihm in das Innre seines abgelegenen Arbeits-Kabinets gedrungen, und aufgeschreckt eilte er ihr zu Hilfe, an dem verzweifelnden Richard vorüber, wie es schien, ohne die Gegenwart desselben gewahr zu werden. Mit unbeschreiblicher Liebe nahm er seine Tochter in die arme, indem er zu ihr auf den Diwan sich setzte, nannte sie bei den süssesten Schmeichelnamen, wie nur die zärtlichste Vaterliebe sie ersinnen kann, und fuhr, ohne ihre Frauen zur Hilfe herbei zu rufen, in seinen Bemühungen sie wieder zu sich selbst zu bringen fort, bis Farbe und Lebenswärme ihr wiederkehrten.
Mein Vater! mein lieber, lieber Vater! o bleibe Du bei Deinem ganz verarmten kind; mein Leben ist noch so jung, ach, und es war so reich! klagte Helena ganz leise, und brach dann, wohl zum erstenmal seit ihrer Kinderzeit, in seinem arme, an seine Brust geschmiegt, laut schluchzend in einen Strom von Tränen aus.
Sie flossen lange und unaufhaltsam; der Fürst erkannte die wohltätige Erleichterung, die sie seiner Tochter in ihrem Schmerze gewährten; er trocknete sie mit sanfter Hand, ohne sie hemmen zu wollen, bemühte sich Helena eine bequemere Stellung auf ihrem Diwan zu geben, stand dann auf, und ging auf Richard zu, der bei seiner Annäherung nicht trotzig, aber auch nicht wie ein Schuldbewusster, das von Schmerz umdunkelte Auge zu ihm erhob.
Viel Zeit ist verflossen, und gar vieles ist anders geworden, Herr Obrist, seit wir uns nicht sahen: sprach der Fürst vornehm kalt, und mit sichtbar erzwungener Fassung.
Mein gnädigster Herr, erwiderte Richard tief bewegt, ich wage es an jene uns noch so nah liegende Zeit Sie zu erinnern, in der ich Sie Vater nennen durfte; beim Andenken an diese beschwöre ich Sie, mir heute endlich zu gewähren, wonach ich Monate, ich könnte sagen Jahre lang gerungen, freies unparteiisches Gehör. Wollte Gott, es hätte damals Ihnen gefallen, es mir nicht zu verweigern!
Richard, wozu längst Vergangnes nochmals besprechen? Lass Zeit und Atem uns sparen; erstere ist mir besonders karg zugemessen, da ich morgen auf lange, vermutlich auf immer Petersburg verlasse: erwiderte Fürst Andreas, indem er, absichtlich oder aus alter Gewohnheit, in seinen sonst gewöhnlichen Ton gegen Richard verfiel. Diese Folge Deiner Donquixotiade, fuhr er fort, lag wohl nicht in Deinem Plane? Auch nicht dass mein Sohn Isidor seinen Platz, als Attaché bei der Gesandtschaft in **** verlieren sollte, und Dein brüderlicher Freund Eugen den von hoher Hand ihm erteilten Rat, um seinen