Ende doch erfahren musste, und seiner Ansicht nach je eher je besser; die Andern machten sich davon, sobald sie die Neugierde befriedigt hatten ihn zu sehen, nun er eine gewisse Notabilität erlangt hatte, und wollten erst abwarten, auf welchem Standpunkte er festen Fuss fassen würde, ehe sie über ihr künftiges Betragen gegen ihn sich entschieden.
Was hilft mir die Meinung, das Lob oder der Tadel des Einzelnen; das Urteil des Volkes, der Menge, ist hier das wahre ächte Gottesgericht, von welchem kein Appelliren gilt; rief Richard, indem er in einen ziemlich unscheinbaren Überrock sich warf, und, wie er früher in ähnlicher Absicht, wenn gleich auf andere Veranlassung, zuweilen getan, einen entfernteren teil der ungeheuern Stadt aufsuchte, wo er persönlich unbekannt zu sein hoffen durfte.
Es war ein schöner sonnenheller Feiertag; in Kaffee- und Weinhäusern, Billarden und Restaurationen, kurz an allen öffentlichen Orten war eine zahllose Menge, meistens aus den mittleren und diesen zunächst untergeordneten Ständen versammelt, überall hörte er die neuesten Neuigkeiten des Tages besprechen. Noch fielen täglich in den angesehensten und beliebtesten Familien neue Verhaftungen vor, von denen er durch seine Freunde nichts erfahren; hier erst, jetzt erst konnte er den ganzen Umfang des Elendes übersehen, das diese Unglücklichen über sich selbst gebracht! Sie hatten zu Andrer Verderben die Mine gegraben, die jetzt sie und ihr Glück in die Luft sprengte. Sie waren unglücklich; das war für die, welche nicht weiter sahen, genug; ihre grosse Schuld blieb unsichtbar. Das oberflächliche, nicht tiefer blickende Mitleid sah nur ihr Unglück, und liess, was wohlverdiente Strafe war, nur als solches erscheinen.
Bei jeder gelegenheit hörte Richard seine Tat auf tausendfache Weise erzählen, kommentiren, beurteilen, selten gerecht anerkennen. Er hörte Beweggründe derselben sich unterschieben, an die er nie gedacht: Ehrgeiz, Eigennutz, Sucht sich auszuzeichnen, sich einen Namen zu machen.
Mehrere ältere und jüngere Männer, Krämer, Handwerker, sassen in einer Ecke; sie steckten kannegiessernd die weisen Häupter zusammen, und sprachen überlaut genug, um weiter als an ihrem Tische deutlich vernommen zu werden.
Ich sage es Euch: sprach ein alter Mann, in welchem Richard einen Schreinermeister erkannte, der früher beim Fürsten Andreas einiges gearbeitet hatte: ich sage es Euch, rief der Alte, und schlug mit der Faust auf den Tisch, dass die Gläser klirrten: mit dem schwärzesten Undanke hat er der fürstlichen Familie gelohnt. Ich weiss es genau, denn ich ging damals dort viel aus und ein. Als einen kleinen verlassenen englischen Bettelbuben hat der Fürst Andreas ihn aufgenommen, aus Mitleid; hat mit seinen Kindern ihn auferziehen lassen, und nun lohnt er ihnen so!
Aus Rache, aus purer Rache; aber sollte man es glauben, dass die Frechheit so weit gehen kann! fiel sein Nachbar dem Schreinermeister ein: hat der neugebackene Herr Obrist sich es doch einfallen lassen, seine Augen bis zu der Prinzessin Tochter des Fürsten Andreas zu erheben! Und dafür, dass sie den Freiersmann nach Verdienst abgewiesen haben, muss jetzt der Fürst mit den Seinigen aus Petersburg verbannt werden, und die jungen Prinzen – –
Richard hielt es nicht länger aus; – Gott steh' uns bei! ich glaube das war er selbst, sprach leise der alte Schreiner, und schlug ein Kreuz, indem er erbleichend dem Hinausstürmenden nachsah. Ohne weiteres Besinnen, entschlossen nicht von der Stelle zu weichen, bis er beim Fürsten Andreas Zutritt erlangt, eilte Richard vorwärts. Am Eingange des Hotels hemmte Entsetzen seine Schritte, und die Kniee wollten unter ihm zusammenbrechen. Ein langer, von vielen Geistlichen begleiteter Leichenzug, bewegte sich langsamfeierlich aus dem inneren des Palastes hinaus, gefolgt von fast Allen die zum haus gehörten, vom ersten Secretair des Fürsten an, bis hinab zum letzten Stallbuben.
War es Wirklichkeit? war es ein der Hölle entsprossenes Traumgesicht? seiner selbst kaum sich bewusst, wollte Richard zum Sarge hin, fühlte aber von einer eiskalten Hand sich zurückgezogen und festgehalten.
Keinen Schritt weiter! rief dicht hinter ihm eine tiefe ernste stimme. Ein neunzigjähriger Greis sprach drohend diese Worte: Richard kannte ihn wohl, es war der älteste Diener des Hauses, der den jetzigen Gebieter desselben noch auf den Armen getragen, unter dessen schonender Pflege er jetzt das Ende seiner Tage hier erwartete.
Störe nicht die Ruhe der toten, Leichen bluten von Neuem, wenn der Mörder ihnen naht: raunte der Alte zürnend ihm zu; es sah seltsam aus, wie lebhaft das dunkle zornflammende Auge unter den schneeweissen buschigen Augenbrauen hervor blitzte; kalte Schauer rieselten Richard durch Mark und Gebein. Du darfst nicht weiter, und wärst Du Feldherr geworden, statt Obrist: rief der Alte abermals, eine unwillkürliche Bewegung Richards missverstehend, und fasste ihn wieder.
Sprache und Atem versagten diesem vor Schreck und Grausen: er wollte sprechen, und konnte nur die Lippen bewegen. Der Alte sah dies, er war schwerhörig geworden, und glaubte zu verstehen was Richard seiner Meinung nach fragte.
Elisabeta Christianawna: sprach er feierlich; sie ist auch Deine Wohltäterin gewesen, von Deiner Jugend an, und ist jetzt Dein erstes Opfer. Was tut's? andre werden folgen; am liebsten ich, denn ich bin es müde in einer Welt zu leben, wo solche Dinge geschehen. Die treue Amme sank vom Schlage getroffen zu den Füssen ihrer Herrin tot hin, als sie den Fall unsers Hauses unvorbereitet vernahm.
Jetzt riss Richard