unter dem tröstlichen Zureden ihrer Tochter, bald wieder zu einer Art von Beruhigung, die nicht wieder unterbrochen wurde, weil Helena sorge trug, alles was diese stören konnte, von ihr fern zu halten.
Es fehlte nicht daran; die Nachricht von dem plötzlichen Erkranken der Fürstin hatte unter ihren näheren Bekannten sich schnell verbreitet. Ein eben nicht gefahrdrohendes Krankenbett ist in der höheren Societät, besonders an solchen Tagen wie dieses einer war, der willkommenste Versammlungsort; von allen Seiten strömten Besuche herbei, welche in dem an das Schlafgemach der Fürstin anstossenden Zimmer von Helena empfangen wurden. Die eigentliche Absicht derselben war, ihrer Herzensbangigkeit in Vermutungen Luft zu machen, ihre Neuigkeiten gegen andre einzutauschen, und nebenbei in diesem haus sich ein wenig auf Kundschaft zu legen, dessen abwesender Gebieter die allgemeine Aufmerksamkeit, wenn gleich ganz im Stillen, nicht wenig beschäftigte.
Die Conversation wurde sehr lebhaft betrieben, ohne ein befriedigendes Resultat zu gewähren; einige einzelne, meistens im Militair vorgefallene Verhaftungen ausgenommen, deren Veranlassung noch nicht bekannt worden, war eben keine besondere Tatsache vorhanden. Im Äussern herrschte überall scheinbare Ruhe; wie es im inneren mancher Brust damit stand, sah nur Gott! Schwer und düster hing der Himmel gleich einem Leichentuche über der glanzerfüllten Kaiserstadt; Jeder empfand die bange, beängstende Stille vor dem Ausbruche eines alles zerschmetternden Orkans; auch Helena! sie hatte an diesem Morgen Namen gehört, Anspielungen, Vermutungen vernommen, welche die sehnsucht nach der Rückkehr ihres Vaters beinahe bis zum Unerträglichen steigerten, und mit bedrückenden Vorahnungen sie erfüllten.
Nie zuvor in diesem Grade hatte sie die sehnsucht nach einer teilnehmenden Seele empfunden, nie unter den, nur für das Salonleben erzogenen jungen Damen ihres Standes, eine solche gefunden oder gesucht. Ihr Vater, ihr Bruder Eugen und Richard erfüllten allein ihr Gemüt, alle drei waren jetzt fern, und sie musste als eine wahre Gunst eines freundlichen Geschickes es annehmen, dass es gerade heute, wo sie zum erstenmal so ganz vereinsamt sich fühlte, Frau Karoline ihr zuführte. Auch Richard lag indessen nicht auf Rosen. In ununterbrochener Einsamkeit der quälendsten Ungeduld Preis gegeben, brachte er eine Reihe von Tagen zu, die ihm zu Wochen sich ausdehnten. Täglich hielt er um eine Audienz beim Minister an, die unter dem Vorwande, über keine Minute frei disponiren zu können, ihm eben so oft abgeschlagen wurde.
Ermahnungen, sich nicht zu beunruhigen, Versicherungen, dass alles nach Wunsch gehe, sollten jedesmal den widerwärtigen Eindruck dieser sich stets wiederholenden Antworten mildern, doch sie verfehlten gänzlich ihren Zweck. Empört über die Behandlung des Ministers, die er hinterlistig nannte, hatte Richard allen Glauben an ihn verloren; von allem was ausserhalb der vier Wände, die ihn einschlossen, vorging, gelangte kein laut bis zu ihm; und so brütete er ganz allein über sich selbst und tausend Möglichkeiten, eine immer grausiger als die andre, besonders wenn er an das Schicksal jener beiden Briefe dachte, die er dem Kapellmeister Lange übergeben hatte.
Es waren schwere, trübe Tage für ihn, aber sie zogen auch vorüber, wie alles Leid und alles Glück unsers Lebens.
Der an den Kaiser abgefertigte Courier kehrte zurück, und der Minister säumte nicht dem Gefangenen seine Freilassung, nebst des Monarchen Genehmigung der von demselben vorgeschlagenen Bedingung selbst zu verkünden. In den schmeichelhaftesten, seiner Versicherung nach vom Kaiser selbst gewählten Ausdrücken, sprach er zugleich den Dank desselben für den ihm und dem Reiche geleisteten grossen Dienst aus, und Richard hatte von dem Augenblicke an alles vergessen, was er in diesen Tagen gelitten, allen Groll, den er gegen den Minister im Herzen getragen.
Indessen war es doch wohl nur Höflichkeit, die ihn bewog, seinen während seiner Gefangenschaft oft sehr deutlich geäusserten Unmut zu entschuldigen zu suchen, denn in seinem Gewissen war er darüber sehr ruhig; er glaubte jetzt, von jeder ferneren Verpflichtung befreit, sich endlich entfernen zu dürfen, und wurde zu seiner nicht geringen Verwunderung abermals daran verhindert.
Diesesmal ist es auf keine zweite Gefangenschaft abgesehen, wie Sie meine harmlose Verlängerung Ihres Besuches ungerecht genug zu nennen beliebten; sprach der Fürst ungemein freundlich: aber glauben Sie denn, dass unser Kaiser gewohnt sei, ihm geleistete, wichtige Dienste, gleich dem Ihrigen, mit blossen kahlen Worten zu belohnen?
Und bin ich durch des Kaisers Anerkennung und die Bewilligung meiner Bitte nicht schon überschwänglich belohnt? rief Richard.
Was Sie für den geliebten Monarchen und unser Vaterland getan, ist von weit bedeutenderen Folgen, als mitten in blutig-entscheidender Schlacht das Erstürmen einer feindlichen Batterie; und so will er es auch betrachtet wissen, erwiderte der Minister.
Und mit Erstaunen vernahm Richard jetzt, wie der Kaiser aus eigner Huld und Macht, mit Übergehung aller dazwischen liegenden Grade, ihn zum Obrist erhoben, und ihn zugleich mit einer namhaften Anzahl Seelen dotirt habe, welche ihn in den Stand setzen konnten, auf seinem dermaligen Range angemessene Weise zu leben.
So war er denn gleichsam mit einem einzigen Wurfe dem Ziele all seines Hoffens nahe gebracht; denn bekanntlich dient in Russland militairischer Rang zum Maassstabe und geht jedem andern vor. Ihm schwindelte, indem diese Überzeugung sich ihm aufdrängte; ein paar Worte des Ministers, die auf sein jetzt so günstig sich gestaltendes verhältnis zu dem haus des Fürsten Andreas hinzudeuten schienen, setzten ihn vollends ausser Fassung. Kaum vermochte er ein paar übel zusammengestellte Dankesworte aufzubringen; doch sein ihm wirklich wohlwollender gönner verargte ihm dies weiter nicht, indem er der ihn überwältigenden Freude es zuschrieb, und