1837_Schopenhauer_092_12.txt

kleine Freude zu bereiten, fuhr die gütige Frau fort, Du sollst Deine Mutter und auch Deine Schwestern beschenken. Ein armenischer Kaufmann war heute Morgen bei mir, unter dessen Waarenvorrate ich allerlei Kleinigkeiten auswählte, die einer englischen Lady vielleicht gefallen können, weil sie in ihrem land etwas Seltenes sind.

Schwer beladen mit wirklich fürstlichen Geschenken mannigfaltiger Art, eilte Richard von der Fürstin in sein Zimmer. Seine Freude war gränzenlos; wer ihm in den Weg kam, wurde um Rat und hülfe angegangen, wie das alles auf das sicherste und sorgfältigste einzupacken wäre. Er gönnte weder sich noch andern Ruhe, bis er seine Kostbarkeiten zur weitern Beförderung auf dem Wege nach Petersburg wusste, und sah hernach täglich nach der Windfahne, bis er Nachricht von der glücklichen Ankunft seiner Sendung aus England erhielt. Seit Nottingham steht, hat wohl kein ausserpolitisches Ereigniss in dem Städtchen mehr Lärm gemacht, grösseres aufsehen erregt, als die Ankunft von Richards Sendung. Alle Bekannten, ja die halbe Stadt strömte herbei, Misstress Wood zu besuchen, und die nordischen Schätze zu bewundern, deren Gleichen dort nie gesehen worden waren. Die Dose von ächtem sibirischen Malachit, deren Wert Master Wood fast unermesslich taxirte, die in Gold gefassten türkischen Pastillen und mit wunderlichen Schriftzügen bedeckten Amulette, die blinkenden Fläschchen mit Rosenöl, die reichen Stoffe, die trefflich gearbeiteten Erzeugnisse russischer Fabriken in Stahl, Krystall und vor allem in Saffian, erregten die höchste, mit etwas Neid untermischte Bewunderung; der zu mannigfaltigem Schmucke gefassten farbigen Edelsteine nicht einmal zu gedenken; und wenn Misstress Wood in ihren ächt türkischen Kaschmir-Shawl gewickelt durch die Strassen stolzierte, füllten sich alle Fenster mit ihr nachschauenden Gesichtern. Sogar die Strassenbuben liessen Ball- und Reifenspiel im Stich, und zogen bewundernd ihr nach. Richard hatte abermals von England und seinen Eltern seit längerer Zeit keine Nachricht erhalten; der dortin abgesandten Geschenke wurde nicht weiter gedacht, und er fing eben wieder an, sich in Hinsicht auf seine Familie seiner gewohnten Gleichgültigkeit hinzugeben, als ein von dorter an ihn abgesandtes Kästchen, nebst dem Auftrage, im Namen seines Vaters, als schwachen Beweis von dessen Dankbarkeit, es der Fürstin zu überreichen, ihn sehr angenehm überraschte. Freudig eilte er es ihr selbst hinzutragen; es fand freundliche Aufnahme, und wurde sogleich geöffnet, um den Inhalt desselben zu untersuchen.

Strümpfe kamen zum Vorschein, nichts als baumwollne Strümpfe, viele, viele Dutzende, für die Fürstin selbst, und für die Prinzessinnen; aber was für Strümpfe! Strümpfe wie die Welt sie nie gesehen. Wie aus Sommerfäden, von Elfenhänden gewoben, durchsichtigklar, wie der feinste Spitzengrund, an Muster und Gewebe den kostbarsten Brabanter Kanten zu vergleichen.

Eigne Maschinerien hatten zu ihrer Verfertigung erfunden werden müssen; mit unendlichen Weitläufigkeiten und grossem Aufwande hatte Master Wood die geschicktesten Arbeiter in diesem Fache aus ganz England herbeigezogen, um mit ihrer hülfe ein Meisterwerk hervorzubringen, dessen Ausführung in den Annalen des englischen Manufakturwesens seinen Namen verewigen wird.

Das Erstaunen, welches diese Sendung im fürstlichen Palaste zu Moskau erregte, war dem, in welches die gute Stadt Nottingham über die russischen Geschenke geraten war, zu vergleichen. Die Prinzessinnen, ihre Gouvernanten, die Amme Elisabet, sogar die Kammerfrauen, wurden auf der Fürstin Geheiss herbei gerufen, um bewundern zu helfen. Des Lobens, des Aussersichkommens über die unbegreifliche Feinheit, über die geschmackvolle Arbeit der Strümpfe, war kein Ende, bis der Fürst Andreas selbst zufälliger Weise in das Zimmer trat.

Auch er würdigte den Gegenstand allgemeiner Bewunderung seiner Aufmerksamkeit, und liess über die hohe Vollendung, zu welcher Fleiss und Industrie die englischen Fabrikate hinaufgetrieben haben, sich weitläuftig aus. Dieses brachte ihn auf seine Lieblings-idee, auf die Möglichkeit, auch in Russland durch gehörige Leitung und Unterstützung der arbeitenden Volksklasse ähnliches zu erreichen.

Warum wäre es nicht möglich, einen geschickten Arbeiter aus dieser Fabrik nach Russland zu ziehen? rief er im Verfolg seiner Gedanken; Richard, sind die Namen des Orts, wo diese Strümpfe gemacht werden, und des Fabrikanten Dir bekannt?

Richard war eben beschäftigt, Helenas Stickrahmen aufzuspannen: Mein Vater hat sie gemacht: war seine nachlässig hingeworfene Antwort.

Die Fürstin erschrak und wurde bald bleich, bald rot.

Dein Vater? rief sie: Richard das hoffe ich nicht. Ist Dein Vater? – macht Dein Vater? – ist Dein Vater denn ein Strumpfwirker? stotterte sie sehr verlegen.

Richard war noch immer neben Helenen mit dem Stickrahmen eifrig beschäftigt.

Ich meine ja: erwiderte er gedankenlos: ich kann mich dessen zwar kaum noch erinnern, aber gewiss muss es so sein. Denn es wurden in unserm haus immer viel Strümpfe gemacht, soviel weiss ich ganz deutlich: setzte er sich bestimmend hinzu.

Eudoxia verstummte, sah aber mit einem ganz unbeschreiblichen Blicke ihn an, den Richard indessen nicht bemerkte, denn er musste jetzt Helenen beim Durchzeichnen ihres Musters helfen. Bald darauf entfernte er sich mit den Übrigen. Helene nahm mit ihrer Arbeit hinter den tief herabhängenden Draperien eines Fensters ihren gewohnten Platz ein. Wahrscheinlich ohne ihrer gewahr zu werden, blieben der Fürst und seine Gemahlin übrigens mit einander allein.

Nun? fragte Fürst Andreas, nachdem er einige Augenblicke mit untergeschlagenen Armen vor seiner schmollenden, ihm keinen blick gönnenden Gemahlin gestanden: nun? was zieht diese sonst immer so glatte Stirne in so krause Falten? was hat es denn gegeben, das Euer Gnaden verdriesst?

Ach Andreas Andreas! seufzte sie: das hättest Du an mir nicht tun sollen