1837_Schopenhauer_092_118.txt

Kampfe unterlegen, dem entgegen gehen zu müssen, er uns gestand, als er uns gestern verliess. Vielleicht ist er aber auch noch zu retten, wenn die rechten Mittel schnell ergriffen werden; nun aber sind wir, seine Freunde, im Dunkeln, während ihm jeder Aufschub lebensgefährlich werden kann; was tun wir, wo ist Rat zu finden?

Hier, erwiderte Frau Karoline nach kaum Minuten langem Besinnen, indem sie Richards beide Briefe hervorsuchte: ob wir heute oder morgen unsre Verhaltungsregeln erfahren, darauf kommt wenig an; setzte sie hinzu, indem sie mit rascher Hand das unbeschriebene Couvert erbrach.

Es entielt ein versiegeltes Schreiben an den Fürsten Andreas, und die an Lange gerichtete Bitte, dasselbe nicht nur verabredeter massen zur bestimmten Zeit sicher an die Adresse zu bringen, sondern auch den Brief an den Obrist Pestel, im Falle dass er diesen nicht habe bestellen können, dem Fürsten zu übergeben. Sollten aber, hiess es am Schlusse, unerwartete Ereignisse eintreten, welche auch dieses verhinderten, oder der Fürst von seiner Reise noch nicht wieder heimgekehrt sein, so ersuche ich Frau Karolinen, in eigner person, unter irgend einem Vorwande, sich zur Prinzessin Helena zu begeben, und beide Briefe, in meinem Namen, zur Verfügung darüber ihr heimlich zuzustellen.

Nun Gott Lob! rief der Kapellmeister: nun weiss man doch wenigstens einigermassen wie oder wo. Unerwartete Ereignisse sind, dächte ich, zur Genüge eingetreten; wie wäre es daher, Alte, wenn Du Dich gleich aufmachtest?

Das bin ich sehr gesonnen; erwiderte Frau Karoline patetisch, die, sobald ihr nur einigermassen leichter um's Herz wurde, nach gewohnter Art in ihre teatralische Manier verfiel, und diesesmal dem Marquis Posa die Antwort auf der Prinzessin Eboli Frage, ob er sie umbringen will, abborgte. Viel Zeit auf ihre Toilette zu verwenden, war in solchen Fällen nicht die Sache der immer zierlich und anständig gekleideten Frau, und so kam sie denn in möglichst kurzer Zeit vor dem Hotel des Fürsten an.

Doch weiter zu gelangen war nicht so leicht; die Ruhe die noch während des Kapellmeisters kurzer Anwesenheit hier geherrscht hatte, war verschwunden. Unter der Dienerschaft gab es viel hin und her Laufens, in allen Ecken steckten sie zischelnd die Köpfe zusammen, nach Ärzten wurde ausgesandt, Jemand, hiess es, sei plötzlich erkrankt, Einige nannten die alte Amme, Andre die Fürstin Eudoxia selbst; Fürst Andreas war noch immer abwesend.

Niemand bezeigte sich sonderlich geneigt um die fremde Frau sich zu bekümmern, oder auch nur ihr Rede zu stehen. Beleidigt, zornig, verlegen, wusste sie nicht ob sie zum Gehen oder Bleiben sich entschliessen solle, doch zum Glück kam die junge Zoë des Weges, und erlöste sie aus dieser immer unangenehmer werdenden Lage.

Nur ein einzigesmal hatte die Kleine, unter dem Schutze der Amme, einem grossen öffentlichen Konzert beigewohnt, das zu einem wohltätigen Zwecke gegeben worden war, und das noch immer, als hell leuchtender Lichtpunkt ihres kurzen einförmigen Lebens, in der Erinnerung ihr vorschwebte. Nicht wenig entrüstet, die bewunderte Künstlerin, die damals sie entzückt hatte, so verlassen mitten unter dem rohen Bediententross stehen zu sehen, eilte sie sogleich auf sie zu, fragte sehr bescheiden nach ihren Befehlen, und fühlte sich wirklich geehrt, als Frau Karoline ihren Vorschlag annahm, ihr auf ihr Zimmer zu folgen, um dort die Prinzessin Helena zu erwarten, die für jetzt noch bei ihrer Mutter sich befand.

Sie hatte vollauf Zeit sich auf diese Zusammenkunft vorzubereiten; denn eine Viertelstunde nach der andern verlief, ohne dass sich etwas anderes sehen liess, als Zoës freundliches Gesichtchen, das von Zeit zu Zeit in der tür sich zeigte, um sie um Verzeihung zu bitten und zugleich zur Geduld zu ermahnen, die fest zu halten, schwer zu werden begann.

Im geselligen Umgange mit geistig ausgezeichneten Frauen, vor allen mit Künstlerinnen, schwindet bei Männern aus den höheren, selbst aus den höchsten Ständen, der Unterschied des Ranges; daher war Frau Karoline in ihrem haus daran gewöhnt, mit allen, die Zutritt in dasselbe erlangten, auf gleichem fuss umzugehen, sie wohlwollend zu empfangen, und ihre Huldigungen sich dagegen gefallen zu lassen. Die hochtönenden Titel ihrer vornehmen Gäste glitten im lebhaften gespräche eben so leicht und unbefangen ihr über die Zunge hin, als die Namen ihrer nur durch Talent und Geist ausgezeichneten Freunde. Doch bei ihrem eignen Geschlecht war dieses nicht so ganz der Fall, und konnte es füglich nicht sein; wesshalb sie auch von jeher gern vermieden hatte, mit Damen von hohem Range in Berührung zu geraten.

Erziehung, Konvenienz, Etikette, richten zwischen diesen und andern Frauen eine Scheidewand auf, welche mit Grazie zu umgehen, von beiden Seiten nur sehr wenigen gegeben ist. Beim besten Willen von der Welt wissen in solchen Fällen die vornehmsten Damen nur selten das juste milieu richtig zu treffen; sie tun zu viel oder zu wenig, während die Furcht, durch scheinbare Zudringlichkeit sich selbst etwas zu vergeben, die andre Partei abhält, durch Entgegenkommen auf halbem Wege sich und ihnen die ersten Schritte zu erleichtern.

Bei allen ihren übrigen trefflichen und liebenswürdigen Eigenschaften, machte Frau Karoline in dieser Hinsicht keine Ausnahme von der allgemeinen Regel. Ohnehin hatte sie entweder nie geduldig warten gelernt, oder doch aus Mangel an Übung es wieder vergessen, und so war sie denn jetzt in einen Zustand von Missmut und Reizbarkeit hinein geraten, der mit ihrem eigentlichen Wesen im vollkommensten Widerspruche stand.

Nur für