Wladimir plötzlich vor ihm, ein paar brennende Armleuchter in der Hand; bat sehr devot um Verzeihung, ihn so lange ohne Licht gelassen zu haben, und begleitete, ihm vorleuchtend, ihn zurück auf sein Zimmer, ohne seinen Befehl dazu abzuwarten.
Ein Luftzug, vielleicht auch beim Hinaustreten Richard selbst, hatte die tür desselben zugeschlagen: Wladimir öffnete sie mit dem Schlüssel, den er bei sich trug, machte auf den Schellenzug ihn aufmerksam, bei dessen leisester Berührung er augenblicklich zur Erfüllung seiner Befehle herbei eilen werde, zeigte ihm wie bei Nacht, zu grösserer Sicherheit, seine tür von innen zu verriegeln sei, erklärte das innige Bedauern seines mit dringenden Geschäften überhäuften Herrn ihn heute Abend nicht mehr sehen zu können, und liess ihn endlich allein.
Erbittert über alle diese Anstalten ihn täuschen zu wollen, eilte Richard zur tür, um den Riegel vorzuschieben; sie war unverschlossen geblieben, wie zuvor, doch er kannte jetzt die Gränze genau, die seiner scheinbaren Freiheit gestellt war.
Tausend wechselnde Gefühle stürmten auf ihn ein; es ward ihm schwer sie genugsam zu bemeistern, um zu ruhigem Nachdenken gelangen zu können, wozu der Stoff von allen Seiten sich ihm entgegen drängte. Ihm schwindelte, wenn er den gewaltigen Unterschied zwischen gestern und heute erwog, wenn er die ungeheure Bedeutung des Schrittes bedachte, den er ohne Zögern, von einem unerklärlichen Impuls getrieben, gewagt, den er noch jetzt nicht unterlassen würde, wäre er noch zu tun, so mächtig fühlte er noch immer sich dazu getrieben.
Ihm grauste vor sich selbst; Verräter, Wortbrüchiger, Eidbrüchiger! hallte es unaufhörlich in seinem inneren wieder. So werden Tausende fortan mich nennen und mir fluchen, wenn was ich getan ruchbar wird, und die Folgen davon über sie hereinbrechen; rief er: und kann ich mir selbst abläugnen, dass ich es bin? und wie ist es möglich dass ich keine Reue empfinde? Die gute Absicht kann keine ungerechte Handlung entschuldigen, lehren unsre Moralisten; ich hätte diesen Ausspruch nicht aus den Augen lassen, ihn besser berücksichtigen sollen. Doch wo lebt der Schriftgelehrte, der in diesem Falle entscheiden könnte, auf welcher Seite Recht oder Unrecht liegt? Dumpfe, unbestimmte Gerüchte gingen am folgenden Morgen leise flüsternd durch ganz Petersburg; überall stiess man auf bedenkliche Gesichter, überall wurden geheimnissvoll-ängstlich wichtige Entdeckungen, bei Nacht vorgenommene Verhaftungen angedeutet, und doch wagte Niemand über das, was er dachte oder wusste, sich deutlicher auszulassen. Ein eigner Geist der Unruhe hatte sich der Einwohner der prachtvollen Kaiserstadt bemächtigt, und trieb sie von und zu einander, als hätten sie etwas sehr Wichtiges zu besprechen, und doch scheute sich Jeder vor dem Anfange.
Kapellmeister Lange und seine Frau machten hierin keine Ausnahme; im Gegenteil, ihre Angst, ihre Unruhe stieg von Minute zu Minute, bis der lebhafte Kleine endlich beschloss sich auf's Recognosciren zu begeben; denn die Furcht, dass Richards Besuch, und der so dringend ihm empfohlene geheimnissvolle Auftrag desselben, mit der seltsamen allgemeinen Stimmung in Verbindung stehen müsse, drängte immer unwiderstehlicher sich ihm auf.
Zuerst begab er sich in Richards wohnung. Der alte Diener desselben kam mit ängstlichen fragen nach seinem Herrn ihm entgegen; seitdem dieser am vorigen Tage das Haus verlassen, hatte er dasselbe nicht wieder betreten; Boris war dergleichen von seinem Herrn nicht gewöhnt, er hatte bei Caffarelli und an allen Orten, die er gewöhnlich zu besuchen pflegte, ihm nachgefragt, und immer vergebens.
Der Brief an Pestel fiel bei dieser Nachricht dem Kapellmeister schwer aufs Herz; Angst und sorge trieben ihn, die ihm unbekannte wohnung des Obristen aufzusuchen; nach vielem hin und her fragen wurde sie ihm endlich in einem sehr entlegenen Teile der Stadt nachgewiesen; der Ton, mit welchem dieses von ihm ganz Unbekannten geschah, würde zu jeder andern Zeit ihm noch mehr aufgefallen sein als jetzt; doch konnte er nicht umhin, ihn zu bemerken.
Ohne sich dadurch weiter stören zu lassen, eilte er die Treppe hinauf, und fand die tür nicht nur verschlossen, sondern auch versiegelt. Eine starke Wache hielt sie von aussen besetzt, fragte laut und barsch nach seinem Begehren, und schien nicht abgeneigt ihn selbst festzuhalten, wesshalb er, ohne mit Reden und Gegenreden sich weiter abzugeben, das Freie suchte, und herzlich froh war, als er sich wieder auf der Strasse befand.
Um nichts unversucht zu lassen, begab er sich noch ganz an das andre Ende der ungeheuern Stadt, in das Hotel des Fürsten Andreas; doch auch hier wollte seit vielen Tagen Niemand von seinem Freunde etwas gesehen oder gehört haben; übrigens war der Fürst noch nicht von der Reise zurück, wurde aber in diesen Tagen erwartet.
Müde, bleich, niedergeschlagen, wie Frau Karoline ihn noch nie gesehen, langte er nach Verlauf mehrerer Stunden wieder zu haus an, um Rapport abzustatten.
Jetzt, wie die Franzosen zu sagen pflegen, bin ich am Ende meines Lateins! seufzte er, als er damit fertig war. Jetzt, Du meine liebe Hausehre, zeige, dass Du eine kluge Frau bist, sage, was fangen wir an? Freilich ist heute erst Mittwoch, der Tag, an dem wir nach seiner Anordnung uns still und ruhig verhalten sollen; morgen erst bricht der Donnerstag an, der wunderliche, wie der wunderliche Freund selbst wunderlich genug ihn nannte. Doch Pestel ist in Arrest, keine Aussicht vorhanden, dieses Schreiben morgen in seine hände zu bringen. Richard ist vielleicht dem schweren